Hans-Helmut Poppendieck (Hrsg., 2010): Der Hamburger Pflanzenatlas - von a bis z. ISBN: 978-3-937904-93-1
Micha Dudek: "Hamburgs Grün im Überblick"
Der Hamburger Pflanzenatlas, unter Mitherausgabe von Hans-Helmut Poppendieck erschienen, basiert auf einer Fleißarbeit. Zwar fällt der Textteil knapp aus und die Karten sind eher klein geraten, aber bei rund 1.000 Pflanzensippen im vorliegenden Kartierungsgebiet ist es schwer, die Darstellung im Buchformat nicht zu sprengen. Und ganz sicher ist es auch schwer, nach mehrjähriger Bearbeitungszeit den aktuellen Stand der Artenverbreitung bei Erscheinen des Buches in jedem Einzelfall genau wiederzugeben. So zählt oft, die Tendenz der Arten aufzuzeigen zwischen: wie sie sich ausbreiten und welche Bestände noch vorhanden sind. Eine detaillierte Wiedergabe birgt andererseits auch die Gefahr, Hinweise zum Standort bedrohter Arten zu verraten und passionierte Pflanzensammler zur Nachsuche zu animieren.
Moderne Atlanten (und Artenschutzprogramme) zeigen aber auch Probleme der Kartierung auf. Kartiert wird zu selten - egal nun ob Pflanzen oder Tiere - auf privatem Grund! Hat man persönlichen Zugang zu verhältnismäßig vielen Privatgrundstücken und achtet man bei Besuchen darauf, fallen einem schnell starke Abweichungen von allgemeinen Kartierungsergebnissen auf. Allein der Hohle Lerchensporn (Corydalis cava) ist heute bereits deutlich stärker (über Gärten) verbreitet als im Hamburger Pflanzenatlas angenommen. Das gleiche gilt für die Tendenz der Arten, die menschliche Gebäude besiedeln können: Tatsächliche Standorte wie die von Mauerfarnen (Asplenium) oder Gelber Lerchensporn (Pseudofumaria lutea) bleiben so unbeschrieben.
Gern dürfte man sich im vorliegenden Werk auch kritischer mit der Hamburger Baupolitik auseinandersetzen - denn sie prägt das Vegetationsbild nachhaltig. Das gleiche gilt für den Umgang mit den sogenannten Grünflächen-Patenschaften", die, auf die natürliche Begrünung von Verkehrsinseln losgelassen, meist Stiefmütterchen- (Viola), Felsenmispeln (Cotoneaster)- und Eisbegonien (Begonia)-Bepflanzungen bedeuten. Ganz fantastisch hingegen sind die Hinweise, die an manchen Textstellen eingestreut sind und (über die eigentlichen Anforderungen eines solchen Werkes hinaus) davon erzählen, welche Wildbienen- und Pflanzenarten voneinander profitieren. Auch daraus kann man entnehmen, wie wichtig es für Gartenbesitzer wäre, sich in der Hauptsache an einheimische Pflanzen zu halten!
Für wichtig hielte ich ein zusätzliches Eingangskapitel, das über eiszeitliche Verhältnisse aus zoologischer u n d vegetationskundlicher Sicht berichtet. Denn sowohl frühere als auch heutige Vegetationsverhältnisse sind undenkbar ohne den prägenden Einfluss großer Weidegänger (und damit einhergehend sowohl der Beutegreifer als auch der Menschen als natürliche Faktoren). In diesem Zusammenhang wäre auch die natürliche Ausbreitung vieler Arten - heute wie gestern - zu sehen. Ich sehe die Verbreitung von Arten wie Wilde Möhre (Daucus carota), Orangerotes Habichtskraut (Hieracium aurantiacum) oder Wiesen-Pippau (Crepis biennis) im Zusammenhang mit der Savannenlandschaft, die Mitteleuropa einst aufwies und normalerweise noch heute an vielen Stellen aufweisen würde - es kommt nur darauf an, welchen Zeitpunkt oder welches Beweidungs-Regime man für seine Betrachtung wählt. Um die Wahrscheinlichkeit eines solchen Bildes zu überprüfen, braucht man nur einen Blick zu vergleichbaren Gebieten Westasiens oder Nordamerikas zu riskieren, die sich bis heute weit über das Ende der letzten Eiszeit hinaus durch den Farbenzauber solcher Arten auszeichnen.
Alles in allem handelt es sich im Falle des Hamburger Pflanzenatlas um eine interessante Wiedergabe, hinter der eine hervorragende Arbeit vieler Mitarbeiter steckt. Solche Bücher sollten zu denen gehören, die im Bücherschrank von Gartenbesitzern zu stehen haben anstelle von Gartenkatalogen"!
Gern würde ich solch eine Arbeit unterstützen, sowohl in Autorenfunktion als auch in einem Kartierungsbeitrag für die Fortsetzung in die Zukunft. Ich wünsche diesem Werk viel Erfolg!