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Der Halbbruder: Roman
 
 
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Der Halbbruder: Roman [Gebundene Ausgabe]

Lars Saabye Christensen , Christel Hildebrandt
4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (9 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Am letzten, am allerletzten Tag des Krieges, eigentlich ist es schon der erste Tag des Friedens, an diesem 8. Mai 1945 wird die junge Vera von einem Unbekannten vergewaltigt. Vera verstummt, spricht kein einziges Wort mehr, bis sie neun Monate später einen Sohn auf die Welt bringt. Sie nennt ihn Fred -- Frieden.

Fred, an dessen Zeugung Vera sich nur schmerzhaft erinnert, hat es nicht leicht, schon gar nicht in der familiären Konstellation, in die er hineingeboren wird. Die Wohnung in der Osloer Gørbitzgate war bislang nur von Frauen bewohnt worden: Vera lebt dort mit ihrer zupackenden Mutter Boletta, die sich abrackert, um die Familie durchzubringen, und mit der etwas verrückten Großmutter, der Alten, die -- angeblich -- zur Stummfilmzeit ein Leinwandstar in Dänemark war. Ein Haushalt ganz ohne Männer: Größer kann die Schande kaum sein in dieser Zeit, die Nachbarn kucken verächtlich oder gleich weg, drei Generationen Huren, heißt es, was für Zustände! Und nun Fred, erneut ein vaterloses Kind -- wie gottlos, was für ein Sündenpfuhl, das war ja kaum anders zu erwarten, hab ich's dir nicht gleich gesagt?

Die Dinge ändern sich, als plötzlich ein dubioser Mann auftaucht, Arnold, kleinwüchsig und mit einer verkrüppelten Hand, aber reich, so wie es aussieht, mit einem chromglänzenden Buick fährt er vor. Arnold interessiert sich sehr für Vera -- wie kann er, tuscheln die Nachbarn, was findet er an ihr, einer unverheirateten Mutter, da stimmt was nicht! -- und bald zieht er in der Gørbitzgate ein. Arnold und Vera heiraten, und nicht allzu lange Zeit darauf bekommt Vera ein zweites Kind, wieder einen Sohn: Barnum, ja genau, wie der berühmte Zirkus, so soll er heißen, der stolze Vater will es nicht anders, denn der Zirkus hat in Arnolds Vergangenheit eine ganz besondere Rolle gespielt.

Das von vielen heftigen und sich oft widersprechenden Gefühlen geprägte Verhältnis der beiden Halbbrüder bestimmt fortan die Familie -- bis in die Gegenwart hinein. Erzählt wird die Geschichte rückblickend von Barnum, der als Erwachsener im ausgehenden 20. Jahrhundert zu einem international gefeierten Drehbuchschreiber wird, sich in der großen Glitzerwelt von Hollywood, Venedig und Cannes herumtreibt und doch nicht loskommt von seiner Familie und seinem Bruder Fred. Der Halbbruder ist eine opulente, ausufernde und fein verästelte Familiensaga, voller Witz, Wehmut und Wahrheit -- ein großartiger, ungeheuer vielschichtiger und tiefgründiger Roman, der dabei seine Leichtigkeit und Verspieltheit nie verliert. --Christoph Nettersheim

Pressestimmen

"Mit seinen 760 Seiten gehört ‚Der Halbbruder' zu den grossen Zeitepen, die von Autoren wie Jan Kjaerstadt und Erik Fosnes Hansen geschaffen wurden und von einem bemerkenswerten Aufschwung der norwegischen Prosa zeugen." (NZZ vom 28.09.03 )

„Eigenwillig und wortgewaltig: Der norwegische Schriftsteller Lars Saabye Christensen brilliert mit der melancholisch-wundersamen Familiensage ‚Der Halbbruder’ (…) Mit seinem außerordentlichen Einfallsreichtum und komödiantischen Talent versteht der Autor es meisterhaft, seine verschlungenen Handlungsfäden irgendwann wieder zusammenzuführen beziehungsweise zu entwirren. Er hat einen warmherzigen Blick auf seine Helden, die sich mühevoll durchs Leben wurschteln, dabei keine Angst vor Pathos und Poesie, vor grimmigem Humor und derbem Witz. In seinen grotesken Details erinnert der Roman manchmal an die wundersamen Geschichten von John Irving. Selten hat ein Schriftsteller so klug, feinfühlig und liebevoll von den Mühen des Erwachsenwerdens, von Geschwisterliebe, Freundschaft, Tod und der Kraft der Vergebung erzählt.“ (Angela Gatterburg im SPIEGEL special Bücher )

"Um alle Details und Finessen dieses grandios komponierten Romans zu erfassen, für den Christensen den Nordischen Literaturpreis erhielt, ist wohl ein zweiter Lesedurchgang nötig. 'Der Halbbruder' ist eines jener Bücher, bei denen man bereits zur Hälfte bedauert, dem Schluss schon so nah zu sein." (Hamburger Abendblatt )

Kurzbeschreibung

Der junge Barnum wird in eine Welt geboren, die von Frauen geprägt ist und von alten Familiengeheimnissen. Da ist seine Urgroßmutter, ein ehemaliger Stummfilmstar aus Dänemark, die immer noch ihrem Verlobten nachtrauert, der von einer Exkursion ins ewige Eis Grönlands nicht zurückgekehrt ist. Da ist seine Großmutter Boletta, die die Familie als Telefonistin über Wasser hält und den Vater ihrer unehelichen Tochter nicht verraten will. Und da ist Barnums Mutter Vera selbst, die in den letzten Kriegstagen auf dem Trockenboden vergewaltigt wird und daraufhin einen Sohn zur Welt bringt, den sie Fred nennt. Er ist Barnums Halbbruder - der schließlich mit seinem Verschwinden das Leben aller Familienmitglieder unwiderruflich in neue Bahnen lenkt ...

Eine große norwegische Familiensaga vom Anfang des letzten Jahrhunderts bis heute.



Klappentext

"Nach diesem Buch muss man sich fragen, was passiert wäre, wenn Christensen auf Manhattans East Side aufgewachsen wäre. Wir hätten einen Weltbestseller!"
Verdens gang

"Ein literarisches Meisterwerk!"
Jyllandsposten

"Es wird lange dauern, bis man nach diesem Buch wieder etwas lesen kann, ohne an den unwiderstehlichen Sog von Christensens Sprache denken zu müssen."
Morgenposten, Dänemark

Über den Autor

Lars Saabye Christensen, 1953 in Oslo geboren, ist einer der bedeutendsten norwegischen Autoren der Gegenwart. Seine Bücher sind vielfach preisgekrönt und wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Zuletzt feierte er mit seinem Roman "Der Halbbruder", für den er den "Nordischen Literaturpreis" erhielt, in ganz Europa und den USA Triumphe. Der Autor lebt in Oslo.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Ich stand auf Zehenspitzen, streckte den Arm so weit nach vorne, wie ich konnte, und bekam von Esther das Wechselgeld zurück, fünfundzwanzig Öre auf eine Krone. Sie beugte sich durch die enge Luke und legte ihre schrumplige Hand auf meine goldenen Locken, ließ sie dort eine Weile liegen, nicht, dass ich das sonderlich mochte, aber es war ja nicht das erste Mal, so langsam gewöhnte ich mich da­ran. Fred hatte mir schon lange den Rücken gekehrt, die Tüte mit dem Kandiszucker in die Tasche gestopft, und ich konnte an der Art, wie er ging, sehen, dass er aus irgendeinem Grund wütend war. Fred war wütend, und das war beunruhigend, ziemlich beunruhi­gend. Er schurrte mit seinen Schuhen über den Boden und schien sich seinen Weg zu bahnen, sein Kopf lag tief zwischen den hohen, spitzen Schultern, es war, als kämpfte er mit starkem Gegenwind und müsste alle Kräfte mobilisieren, aber es war nur ein ruhiger Nachmittag im Mai, ein Samstag war es außerdem, und der Himmel über Marienlyst war glänzend blau und rollte langsam wie ein riesi­ges Rad auf die Wälder hinter der Stadt zu. »Hat Fred wieder ange­fangen zu sprechen?«, flüsterte Esther. Ich nickte. »Was hat er ge­sagt?« »Nichts.« Esther lachte verlegen. »Lauf schnell hinter dei­nem Bruder her. Damit er nicht alles aufisst.«
Sie zog ihre Hand aus meinem Haar und schnupperte einen Au­genblick lang daran, während ich mich beeilte, um Fred einzuholen, und genau daran erinnere ich mich, das ist der Muskel des Gedächt­nisses, nicht die gelben Finger der alten Dame in meinen Locken, sondern wie ich schnell hinter Fred, meinem Halbbruder, herlaufe und es fast unmöglich ist, ihn einzuholen. Ich bin der kleine, kleine Bruder, und ich möchte nur wissen, warum er so wütend ist, ich fühle, wie es pocht in meiner Brust, und spüre einen warmen, scharfen Dunst im Mund, denn möglicherweise habe ich mir auf die Zunge gebissen, während ich auf die Straße gelaufen bin. Ich balle die Faust um das Wechselgeld, die warmen Münzen, und ich laufe hin­ter Fred her, hinter dieser schmalen dunklen Gestalt in all dem Licht um uns herum. Die Uhr hinten beim NRK, beim Norwegischen Rundfunk, zeigt acht nach drei, und Fred hat sich schon auf die Bank bei den Büschen gesetzt. Ich spurte so schnell ich kann über den Kirkevei, es herrscht so gut wie kein Verkehr, denn es ist Sams­tag, nur ein Leichenwagen fährt vorbei, und plötzlich hat er mitten auf der Kreuzung eine Panne, der Fahrer kommt heraus in seiner hellgrauen Uniform, und er schlägt fluchend ununterbrochen auf die Motorhaube, und in dem Wagen, in dem lang gestreckten Kof­ferraum hinter den Sitzen, da steht ein weißer Sarg, aber der ist be­stimmt leer, es will doch wohl niemand an einem Samstagnachmit­tag beerdigt werden, die Totengräber haben jetzt sicher frei, und wenn doch jemand drinnen liegt, dann macht das gewiss auch nichts, denn die Toten müssen viel Zeit haben, so denke ich, ich denke so, damit ich etwas zu denken habe, und der graue Fahrer mit seinen schwarzen Handschuhen schafft es endlich, wieder den Wagen zu starten, und verschwindet Richtung Majorstuen. Ich atme ganz tief den schweren Geruch von Abgasen und Benzin ein und laufe übers Gras, an den kleinen Fußgängerüberwegen, Ampeln und Fußwegen vorbei, die es dazwischen gibt, wie eine Stadt für Zwerge, wo wir einmal im Jahr hin befördert werden, um von großen Polizeibeam­ten in Uniformen mit strammen, breiten Gürteln die Verkehrsre­geln zu lernen. Genau dort, in dieser kleinen Stadt, geschah es, dass ich aufhörte zu wachsen. Fred sitzt auf der Bank und schaut nicht zu mir, sondern ganz woanders hin. Ich setze mich neben ihn, und hier gibt es nur uns beide, an diesem Samstagnachmittag im Mai.
Fred schiebt sich einen scharfen Kandisklumpen in den Mund und saugt lange daran, es gurgelt in seinem Gesicht, ich kann sehen, wie die braune Spucke langsam von seinen Lippen tropft. Seine Au­gen sind dunkel, fast schwarz, und sie schielen, seine Augen schie­len. Ich habe das früher schon mal an ihm gesehen. Er schweigt. Die Tauben watscheln lautlos durch das matte Gras. Ich warte. Dann halte ich es nicht mehr aus. »Was ist los?«, frage ich. Fred schluckt, und ein Ruck fährt durch seinen Adamsapfel. »Man redet nicht beim Essen.« Fred schiebt sich mehr Kandis zwischen die Zähne und zermalmt langsam den Zucker. »Aber warum bist du so wü­tend?«, flüstere ich. Fred isst den ganzen Kandis auf, knüllt die braune Tüte zusammen und wirft sie auf den Fußweg. Eine Möwe stürzt herunter, verscheucht die Tauben, schlittert mit einem Schrei über den Asphalt und steigt an einem Laternenpfahl wieder auf. Fred schiebt seinen Pony nach hinten, aber der fällt wieder in die Stirn, und er lässt ihn dort hängen. Endlich sagt er etwas. »Was hast du zu der Alten gesagt?« »Zu Esther?« »Zu wem sonst? Redet ihr euch jetzt schon mit Vornamen an?« Ich bin hungrig, und mir ist schlecht. Ich würde mich am liebsten hier ins Gras legen und schla­fen, zwischen den Tauben. »Ich glaube, ich weiß gar nicht mehr, was ich gesagt habe.« »Das tust du doch. Wenn du ein bisschen drüber nachdenkst.« »Nein, Ehrenwort, Fred. Ich erinnere mich nicht mehr.« »Und warum erinnere ich mich dann noch? Obwohl du dich nicht mehr dran erinnerst?« »Ich weiß es nicht, Fred. Bist du des­halb so wütend?« Plötzlich legt er mir die Hand auf den Kopf. Ich sinke zusammen. Seine Hand ist geballt. »Bist du dumm?«, fragt er. »Nein. Ich weiß nicht, Fred. Sei doch etwas netter. Bitte.« Er lässt seine Faust auf meinen Locken liegen. »Bitte? Es ist allerhöchste Eisenbahn, Kleiner.« »Red nicht so. Bitte.« Er lässt die Finger über mein Gesicht gleiten, sie riechen süß, als würde er mich mit Leim einschmieren. »Soll ich dir genau sagen, was du gesagt hast?« »Ja. Mach das. Sag es mir.« Fred beugt sich zu mir hinunter. Ich schaffe es nicht, ihm in die Augen zu sehen. »Du hast gesagt >vielen Dank< ! « Ich war erleichtert. Eigentlich hatte ich befürchtet, ich hätte etwas anderes gesagt, was viel, viel schlimmer gewesen wäre, etwas, was ich nie hätte sagen dürfen, was mir einfach so herausgerutscht war, Worte, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gab. Drecki­ge Fotze. Ich hustete. »Vielen Dank? Habe ich das gesagt?« »Ja. Du hast verdammt noch mal vielen Dank gesagt!« Fred schrie es he­raus, obwohl wir auf der gleichen Bank saßen, dicht nebeneinander. »Vielen Dank!«, schrie er. Ich verstand nicht ganz, was er damit meinte. Und jetzt bekam ich noch mehr Angst. Ich müsste dringend aufs Klo. Ich hielt die Luft an. Ich wollte so gern die richtigen Dinge sagen, aber ich wusste nicht, was ich antworten sollte, weil ich nicht begriff, was er überhaupt meinte. Vielen Dank. Und ich konnte auch nicht anfangen zu weinen. Dann wäre Fred nur noch wütender geworden, oder er hätte mich vielleicht ausgelacht, und das war fast das Schlimmste überhaupt, wenn er über mich lachte. Ich beugte mich über meine Knie nach vorne. »Ja und?«, flüsterte ich. Fred stöhnte. »Ja und? Ich glaube, du bist doch dumm.« »Ich bin nicht dumm, Fred.« »Und woher willst du das wissen?« Ich musste nach­denken. »Mutter hat das gesagt. Dass ich nicht dumm bin.« Fred saß eine Weile schweigend da. Ich traute mich nicht, ihn anzusehen. »Und was hat Mutter über mich gesagt?« »Das Gleiche«, antworte­te ich schnell. Ich spürte seinen Arm auf meiner Schulter. »Du schwindelst deinen Bruder doch wohl nicht an«, sagte Fred leise. »Auch wenn ich nur dein Halbbruder bin?« Ich schaute auf. Das Licht um uns herum blendete mich. Und es schien, als wäre die Son­ne voller Lärm, einem lauten, schrillen Lärm aus allen Richtungen. »Bist du deshalb so wütend auf mich, Fred?« »Warum?« »Weil ich nur dein Halbbruder bin?« Fred zeigte auf meine Hand, in der ich immer noch das Wechselgeld hielt, ein Fünfundzwanzig-Öre-Stück, es war warm und klebrig wie eine platte Pastille, die jemand lange gelutscht und dann ausgespuckt hatte. »Wem gehört das?«, fragte Fred. »Das ist unsres, nicht?« Fred nickte mehrere Male, und mir wurde ganz heiß vor Freude. »Aber du kannst...

Auszug aus Der Halbbruder von Lars Saabye Christensen, Christel Hildebrandt. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Ich stand auf Zehenspitzen, streckte den Arm so weit nach vorne, wie ich konnte, und bekam von Esther das Wechselgeld zurück, fünfundzwanzig Öre auf eine Krone. Sie beugte sich durch die enge Luke und legte ihre schrumplige Hand auf meine goldenen Locken, ließ sie dort eine Weile liegen, nicht, dass ich das sonderlich mochte, aber es war ja nicht das erste Mal, so langsam gewöhnte ich mich da­ran. Fred hatte mir schon lange den Rücken gekehrt, die Tüte mit dem Kandiszucker in die Tasche gestopft, und ich konnte an der Art, wie er ging, sehen, dass er aus irgendeinem Grund wütend war. Fred war wütend, und das war beunruhigend, ziemlich beunruhi­gend. Er schurrte mit seinen Schuhen über den Boden und schien sich seinen Weg zu bahnen, sein Kopf lag tief zwischen den hohen, spitzen Schultern, es war, als kämpfte er mit starkem Gegenwind und müsste alle Kräfte mobilisieren, aber es war nur ein ruhiger Nachmittag im Mai, ein Samstag war es außerdem, und der Himmel über Marienlyst war glänzend blau und rollte langsam wie ein riesi­ges Rad auf die Wälder hinter der Stadt zu. »Hat Fred wieder ange­fangen zu sprechen?«, flüsterte Esther. Ich nickte. »Was hat er ge­sagt?« »Nichts.« Esther lachte verlegen. »Lauf schnell hinter dei­nem Bruder her. Damit er nicht alles aufisst.«
Sie zog ihre Hand aus meinem Haar und schnupperte einen Au­genblick lang daran, während ich mich beeilte, um Fred einzuholen, und genau daran erinnere ich mich, das ist der Muskel des Gedächt­nisses, nicht die gelben Finger der alten Dame in meinen Locken, sondern wie ich schnell hinter Fred, meinem Halbbruder, herlaufe und es fast unmöglich ist, ihn einzuholen. Ich bin der kleine, kleine Bruder, und ich möchte nur wissen, warum er so wütend ist, ich fühle, wie es pocht in meiner Brust, und spüre einen warmen, scharfen Dunst im Mund, denn möglicherweise habe ich mir auf die Zunge gebissen, während ich auf die Straße gelaufen bin. Ich balle die Faust um das Wechselgeld, die warmen Münzen, und ich laufe hin­ter Fred her, hinter dieser schmalen dunklen Gestalt in all dem Licht um uns herum. Die Uhr hinten beim NRK, beim Norwegischen Rundfunk, zeigt acht nach drei, und Fred hat sich schon auf die Bank bei den Büschen gesetzt. Ich spurte so schnell ich kann über den Kirkevei, es herrscht so gut wie kein Verkehr, denn es ist Sams­tag, nur ein Leichenwagen fährt vorbei, und plötzlich hat er mitten auf der Kreuzung eine Panne, der Fahrer kommt heraus in seiner hellgrauen Uniform, und er schlägt fluchend ununterbrochen auf die Motorhaube, und in dem Wagen, in dem lang gestreckten Kof­ferraum hinter den Sitzen, da steht ein weißer Sarg, aber der ist be­stimmt leer, es will doch wohl niemand an einem Samstagnachmit­tag beerdigt werden, die Totengräber haben jetzt sicher frei, und wenn doch jemand drinnen liegt, dann macht das gewiss auch nichts, denn die Toten müssen viel Zeit haben, so denke ich, ich denke so, damit ich etwas zu denken habe, und der graue Fahrer mit seinen schwarzen Handschuhen schafft es endlich, wieder den Wagen zu starten, und verschwindet Richtung Majorstuen. Ich atme ganz tief den schweren Geruch von Abgasen und Benzin ein und laufe übers Gras, an den kleinen Fußgängerüberwegen, Ampeln und Fußwegen vorbei, die es dazwischen gibt, wie eine Stadt für Zwerge, wo wir einmal im Jahr hin befördert werden, um von großen Polizeibeam­ten in Uniformen mit strammen, breiten Gürteln die Verkehrsre­geln zu lernen. Genau dort, in dieser kleinen Stadt, geschah es, dass ich aufhörte zu wachsen. Fred sitzt auf der Bank und schaut nicht zu mir, sondern ganz woanders hin. Ich setze mich neben ihn, und hier gibt es nur uns beide, an diesem Samstagnachmittag im Mai.
Fred schiebt sich einen scharfen Kandisklumpen in den Mund und saugt lange daran, es gurgelt in seinem Gesicht, ich kann sehen, wie die braune Spucke langsam von seinen Lippen tropft. Seine Au­gen sind dunkel, fast schwarz, und sie schielen, seine Augen schie­len. Ich habe das früher schon mal an ihm gesehen. Er schweigt. Die Tauben watscheln lautlos durch das matte Gras. Ich warte. Dann halte ich es nicht mehr aus. »Was ist los?«, frage ich. Fred schluckt, und ein Ruck fährt durch seinen Adamsapfel. »Man redet nicht beim Essen.« Fred schiebt sich mehr Kandis zwischen die Zähne und zermalmt langsam den Zucker. »Aber warum bist du so wü­tend?«, flüstere ich. Fred isst den ganzen Kandis auf, knüllt die braune Tüte zusammen und wirft sie auf den Fußweg. Eine Möwe stürzt herunter, verscheucht die Tauben, schlittert mit einem Schrei über den Asphalt und steigt an einem Laternenpfahl wieder auf. Fred schiebt seinen Pony nach hinten, aber der fällt wieder in die Stirn, und er lässt ihn dort hängen. Endlich sagt er etwas. »Was hast du zu der Alten gesagt?« »Zu Esther?« »Zu wem sonst? Redet ihr euch jetzt schon mit Vornamen an?« Ich bin hungrig, und mir ist schlecht. Ich würde mich am liebsten hier ins Gras legen und schla­fen, zwischen den Tauben. »Ich glaube, ich weiß gar nicht mehr, was ich gesagt habe.« »Das tust du doch. Wenn du ein bisschen drüber nachdenkst.« »Nein, Ehrenwort, Fred. Ich erinnere mich nicht mehr.« »Und warum erinnere ich mich dann noch? Obwohl du dich nicht mehr dran erinnerst?« »Ich weiß es nicht, Fred. Bist du des­halb so wütend?« Plötzlich legt er mir die Hand auf den Kopf. Ich sinke zusammen. Seine Hand ist geballt. »Bist du dumm?«, fragt er. »Nein. Ich weiß nicht, Fred. Sei doch etwas netter. Bitte.« Er lässt seine Faust auf meinen Locken liegen. »Bitte? Es ist allerhöchste Eisenbahn, Kleiner.« »Red nicht so. Bitte.« Er lässt die Finger über mein Gesicht gleiten, sie riechen süß, als würde er mich mit Leim einschmieren. »Soll ich dir genau sagen, was du gesagt hast?« »Ja. Mach das. Sag es mir.« Fred beugt sich zu mir hinunter. Ich schaffe es nicht, ihm in die Augen zu sehen. »Du hast gesagt >vielen Dank< ! « Ich war erleichtert. Eigentlich hatte ich befürchtet, ich hätte etwas anderes gesagt, was viel, viel schlimmer gewesen wäre, etwas, was ich nie hätte sagen dürfen, was mir einfach so herausgerutscht war, Worte, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gab. Drecki­ge Fotze. Ich hustete. »Vielen Dank? Habe ich das gesagt?« »Ja. Du hast verdammt noch mal vielen Dank gesagt!« Fred schrie es he­raus, obwohl wir auf der gleichen Bank saßen, dicht nebeneinander. »Vielen Dank!«, schrie er. Ich verstand nicht ganz, was er damit meinte. Und jetzt bekam ich noch mehr Angst. Ich müsste dringend aufs Klo. Ich hielt die Luft an. Ich wollte so gern die richtigen Dinge sagen, aber ich wusste nicht, was ich antworten sollte, weil ich nicht begriff, was er überhaupt meinte. Vielen Dank. Und ich konnte auch nicht anfangen zu weinen. Dann wäre Fred nur noch wütender geworden, oder er hätte mich vielleicht ausgelacht, und das war fast das Schlimmste überhaupt, wenn er über mich lachte. Ich beugte mich über meine Knie nach vorne. »Ja und?«, flüsterte ich. Fred stöhnte. »Ja und? Ich glaube, du bist doch dumm.« »Ich bin nicht dumm, Fred.« »Und woher willst du das wissen?« Ich musste nach­denken. »Mutter hat das gesagt. Dass ich nicht dumm bin.« Fred saß eine Weile schweigend da. Ich traute mich nicht, ihn anzusehen. »Und was hat Mutter über mich gesagt?« »Das Gleiche«, antworte­te ich schnell. Ich spürte seinen Arm auf meiner Schulter. »Du schwindelst deinen Bruder doch wohl nicht an«, sagte Fred leise. »Auch wenn ich nur dein Halbbruder bin?« Ich schaute auf. Das Licht um uns herum blendete mich. Und es schien, als wäre die Son­ne voller Lärm, einem lauten, schrillen Lärm aus allen Richtungen. »Bist du deshalb so wütend auf mich, Fred?« »Warum?« »Weil ich nur dein Halbbruder bin?« Fred zeigte auf meine Hand, in der ich immer noch das Wechselgeld hielt, ein Fünfundzwanzig-Öre-Stück, es war warm und klebrig wie eine platte Pastille, die jemand lange gelutscht und dann ausgespuckt hatte. »Wem gehört das?«, fragte Fred. »Das ist unsres, nicht?« Fred nickte mehrere Male, und mir wurde ganz heiß vor Freude. »Aber du kannst es gern haben«, sagte ich schnell. Ich wollte ihm die Münze geben. Fred saß regungs­los da und starrte mich an. Ich wurde wieder ganz unruhig. »Warum sagst du eigentlich vielen Dank? Wenn du Geld zurück kriegst, das uns gehört?« Ich holte tief Luft. »Ich hab das nur so gesagt.« »Denk das nächste Mal vorher nach, okay?« »Ja«, flüsterte ich. »Denn ich will keinen Bruder haben, der sich lächerlich macht. Auch wenn du nur mein Halbbruder bist.« »Nein«, flüsterte ich. »Ich werde nächs­tes Mal besser nachdenken.« »Vielen Dank ist ein Scheißwort. Sag niemals vielen Dank. Kapiert?« Fred stand auf, spuckte in hohem Bogen einen dicken, braunen Schleimklumpen aus, der mit einem Klatscher direkt vor uns im Gras landete. Ich sah eine ganze Schar Ameisen, die auf ihn zu krabbelten. »Ich hab Durst«, sagte Fred. »Man wird so verdammt durstig von Kandis.«
Wir gingen wieder zu Esther hinüber, zu dem Kiosk im Torweg gegenüber der Majorstuen Kirche, der weißen Kirche, deren Pfar­rer damals Fred nicht hatte taufen wollen, und später weigerte er sich auch, mich zu taufen, aber das nur wegen meines Namens. Ich stellte mich vor die Luke, auf Zehen, Fred lehnte sich an die Regenrinne, hob die Hand und nickte, als wären wir uns über eine große Sache einig geworden. Esther kam zum Vorschein, lächelte, als sie mich entdeckte, und musste noch einmal meine Locken befühlen. Fred streckte die Zunge so weit er nur konnte aus dem Mund und tat, als würde er kotzen. »Und was soll es jetzt sein, mein kleiner Herr?«, fragte Esther. Ich schüttelte ihre Finger von meinem Kopf. »Ein Saftpäckchen. Rot.« Sie sah mich etwas verwundert an. »Ja, ja. Ein rotes Saftpäckchen. Hätte ich mir doch denken können.« Sie fand das, was ich haben wollte. Fred stand da, im Schatten, aber er wurde gleichzeitig fast geblendet von dem scharfen Schein der weißgekalkten Kirchenmauer auf der anderen Seite. Fred starrte mich wortlos an. Er ließ mich nicht aus den Augen. Er sah alles. Er hörte alles. Ich legte schnell die Münze in Esthers Hand, und sie gab mir sofort einen Fünfer zurück. »Bitte schön«, sagte Esther. Ich sah ihr in die Augen. Ich stand auf Zehenspitzen und sah ihr in die Au­gen, schluckte ein paarmal, und über uns rollte immer noch der Himmel hinweg, langsam, wie ein großes, blaues Rad vor den Wol­ken. Ich zeigte auf den Fünfer. »Das ist unsrer«, sagte ich laut. »Nur dass du das weißt!« Esther fiel fast aus ihrer engen Luke. »Aber in Gottes Namen. Was ist denn mit dir los?« »Nichts, wofür man sich bedanken muss«, sagte ich. Und Fred packte mich beim Arm und zog mich den Kirkevei entlang. Ich gab ihm das Saftpäckchen. Ich hatte keine Lust auf ein Saftpäckchen. Er biss ein Loch in die Ecke und drückte den roten Saft in einem Streifen hinter uns aus. »Nicht schlecht«, sagte er. »Du machst dich.« Ich freute mich. Ich wollte ihm auch den Fünfer geben. »Behalte ihn«, sagte er. Ich drückte die Finger um die braune Münze. Ich konnte mit ihr Kibbelkabbel spie­len, wenn jemand mit mir Kibbelkabbel spielen wollte. »Vielen Dank«, sagte ich.
Fred seufzte tief, und ich fürchtete schon, dass er wieder wütend werden würde. Ich hätte mir am liebsten die Zunge abgebissen und sie verschluckt. Aber stattdessen legte er den Arm um mich, wäh­rend er den letzten Tropfen aus dem Saftpäckchen in den Rinnstein spritzte. »Weißt du noch, was ich dich gestern gefragt habe?«, fragt er. Ich nicke schnell und wage kaum zu atmen. »Nein«, flüstere ich. »Nein? Das weißt du nicht mehr?« Ich weiß es noch. Aber ich will nicht mehr daran denken. Und ich schaffe es einfach nicht, es zu vergessen. Es wäre mir lieber, wenn Fred nicht wieder davon anfangen würde. »Nein, Fred.« »Soll ich dich das Gleiche noch einmal fra­gen?« »Ja«, flüstere ich. Und Fred lächelt. Er ist nicht wütend, nicht, wenn er so lächelt wie jetzt.
»Soll ich für dich deinen Vater umbringen, Barnum?«, fragt er. Ich heiße Barnum.

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