Das Problem von Freiheit, Verbrechen, Schuld und Strafe, sowie die Polarität zwischen Gut und Böse bestimmen das Werk Dostojewskis. In "Die Brüder Karamasow" erfahren diese Themen ihre letzte vollendete literarische Gestaltung. Dostojewskis letzter und bedeutendster Roman erzählt von der Idee der absoluten Freiheit. Und hier im Fünften Kapitel des fünftes Buches dieses besten Romans aller Zeiten wird Iwan seinem Bruder Aljoscha ein prosaisches Gedicht erzählen, wo die Fragen an Jesus, sich zu offenbaren, nicht beantwortet werden, weil die Freiheit des Einzelnen über allem steht. "Nicht vom Brot allein lebt der Mensch" ist die hier dominierende Antwort und Feststellung, die das Handeln rechtfertigt, nämlich einen Stein nicht in Brot zu verwandeln.
Iwan nimmt diesen Punkt auf und transformiert ihn in das spanische Sevilla des 16. Jahrhunderts, wo die Fragen der Verbesserung der guten Nachricht nicht mehr gestellt werden bzw. auf dem Scheiterhaufen der Inquisition beantwortet werden. Jesus taucht auf und wird, bevor er zum neuen Aufstand aufrufen kann, in Gewahrsam genommen.
Die Unterhaltung, der Monolog des Großinquisitors mit dem vermeintlichen Jesus im Gefängnis zeigt deutlich, dass die Glaubengeschichte nicht nochmals aufgerollt, geschweige weitergeführt werden kann. Es ist ein abgeschlossenes Kapitel und die Freiheit, die Jesus in der Wüste gab, ist heute gewichen einer Freiheit, die übergeben wird an die (säkular oder kirchlich) Herrschenden, da der Mensch an sich geführt und losgelöst eigener notwendiger Entscheidungen erst zum geführten Glück kommen kann. Freiheit und Glück scheinen sich in dieser Philosophie aufzuheben. Der Mensch braucht einen Hirten und die Kirche konnte die Hirten nicht mehr stellen, da Jesus die Kirche und ihre Diener wissentlich zu Gunsten der Freiheit im Stich ließ.
Dostojewski lässt Iwan die Kritik an die damals aktuelle Kirchenmacht üben, lässt Aljoscha zuhören und später diskutieren. Iwan lässt den Großinquisitor als Monolog seine Kritik an der Kirche, an dem Handeln Jesus gegenüber den drei Versuchungen in der Wüste vollständig ausführen - aber er lässt in seiner Geschichte Jesus schweigen bis zum Ende. Alles ist gesagt, der Bibelgeschichte ist nichts hinzuzufügen. Wie Hamlets letzte Worte: „Der Rest ist Schweigen“ bleibt auch hier für alle Zeiten die Geschichte abgeschlossen, (weil sie die zukünftige bereits integriert hat.) Einzig eine Geste als letzte Antwort bleibt Jesus, ein Kuss auf die trockenen Lippen des 90jährigen Großinquisitors als er das Gefängnis verlässt. Als nochmaliger Beweis dafür, dass Freiheit des Denkens und des Vorwurfs an der Liebe Jesus zum Menschen trotz Kreuzigung und möglichem Scheiterhaufen nicht rütteln kann.
Was bleibt am Ende: Freiheit überwältigt, Brot und Hunger sind Machtinstrumente (Lieber Knecht und satt), die Kräfte gegen Freiheit überwiegen und der Wille, alles in der Welt zu einem Ganzen zu machen, schürt den Kampf zwischen den Religionen. "Nur die im Besitz ihrer Gewissen sind, beherrschen den Menschen."
Dostojewski hat eine Erzählung von hoher Aktualität geschaffen. Seiner Zeit voraus ist immer derjenige, der die menschlichen Abgründe sehr wohl wahrnimmt.