Der Autor ist das pure Gegenteil des großspurigen Titels. Er hat sich diese Bezeichnung ehrlich verdient, seine Kollegen stimmen hier ebenso wie alle Hörer in ein Lied ein, das man diesem bescheiden sympathischen Menschen singen möchte: he's a rainbow of pop history. Gegründet ist seine Liebe zur Musik in einer DDR_Jugend (geboren ist G. Schneidwind 1953) bzw. im Abhören der Westsender. <Für mich als Bewohner des Harzvorlandes gehörten Bonanza, Fury oder Rauchende Colts genauso zum TV-Erlebnis meiner Kindheit wie für die Kids im gerade mal 100 km entfernten Braunschweig. Und den Soundtrack der Jugendjahre lieferten Sender wie NDR 2, BFBS und auf Kurz- und Mittelwelle auch Radio Luxemburg und Europawelle Saar.>
Günter Schneideweind hört unter der Bettdecke Klassenkampf im Äther, wird während des Studiums Keller-DJ, lässt Platten der Stones oder Pink Floyd in ernsten Hüllen (man durfte nur klassische Musik importieren) schmuggeln, macht sein Hobby zum Beruf und kommt nach der Wende zum Süddeutschen Rundfunk bzw. SWR. Ein wandelndes Lexikon, antippbar und immer sprudelnd. Dabei ist seine Stimme nie rechthaberisch, arrogant oder unangenehm, er versteht es, Zusammenhänge spannend zu transportieren, immer mit dem Charme dessen, der sich diese Grundlagen gegen Widerstände angesammelt hat und sie gerne teilt.
Dieses Buch ist aber kein Lexikon, sondern eine kurze Biografie und eine Sammlung spannender Geschichten rund um die Größen der Popmusik. Man versteht, warum Bryan May über Günter Schneidwind sagt: <Er schafft es tatsächlich, dass man viel tiefer in sich selber schaut.> Dass sein Berufswunsch Rundfunkjournalist war, wundert mich nicht, ich kann mir lebhaft vorstellen, wie ihm diese Idee beim Musikhören geradezu gesungen wurde. Und was gibt es Schöneres, als das Hobby zum Beruf zu machen! Doch zunächst wird er bei der Aufnahmeprüfung abgelehnt, er studiert Anglistik und Germanistik, wird Lehrer. Doch Aufträge der richtigen Art kommen von einem ehemaligen Studienkollegen, der beim DT 64 (DDR Jugendprogramm) arbeitet: er übersetzt ins Englische und macht erste Interviews.
Günter Schneidewind bekommt bald eine eigene Sendung <Duett für Rekorder> und darf den Aufschrei moderner Popgruppen auch aus dem Westen sozialistisch und antikapitalistisch hintergrundverpacken. Tatsächlich liegen hier seine Anfänge für so präzise Kenntnisse der gesellschaftlichen Zusammenhänge, Lieder bzw. Gruppen. Um das barrierefrei für kritische Vorgesetzte zu transportieren bzw. auch die St.si gut zu stimmen, musste man wohl etwas genauer hinhören, präziser übersetzen, ja man lernte wahrscheinlich, Ungesagtes hörbar zu machen und Zwischentöne zu vermitteln. In 1990 erhält Schneidewind Verbindungen zum Süddeutschen Rundfunk und heuert hier schließlich als freier Mitarbeiter an. Amüsant die Geschichten, als er auf Herrn Holtmann trifft, einen Moderator, dessen ganze Typik wohl das genaue Gegenteil von ihm darstellt.
Umso wohltuender die hervorragenden Schneidewind Skizzierungen einer Soziologie der Popgeschichte von den 60ern bis heute. Auf Seite 31 die Erklärungen über Jethro Tull, deren erstes Cover gegen alle Regeln des Pop bzw. Marketing verstieß. <Auf dem Cover stand weder der Name einer Band noch ein Titel, lediglich kauzig anmutende ältere Herren in Kleidern ihrer Landsleute des 19. Jahrhunderts schauten verdrießlich.> Schon Billy Wyman von den Rolling Stones musste sein Alter von 27 herabsetzen, weil er beim Durchbruch der Stones offensichtlich dem Management zu alt war. Jethro Tull bzw. Ian Anderson ist eine seiner präferierten Gruppen und wir erfahren alles rundum um diese Zusammenhänge, fokussiert auf diese Aussage von Anderson: <Er habe lediglich die Gitarrenlinien, wie Clapton sie führte, in Flötenlinien übertragen. Wenn man genau hinhört, wird man bemerken, dass meine Songs von der Anmutung her eher Girarrenstücke sind als Lieder für Flöte.> Immer wieder lässt Schneidewind Gesprächsfetzen einfließen und spinnt so ein kluges Netz um Personen, Gruppen und Musik. Tatsächlich wird vieles entzaubert bzw. dem Marketing-Gedanken geopfert und je näher man vielen Helden kommt, umso mehr Faszination verlieren sie. Bei Ian Anderson ist dies auch so: einfach ein ganz normaler Mensch, der andere Songschreiber bewundert und auch im Alter immer noch bessere Lieder schreiben will, von einem "Whiter shade of pale" träumt. Schön ist dieser Satz von Anderson: Ich für meinen Teil habe mein Geld in Schottland in Firmen und Fischfarmen gesteckt. Ich habe in Menschen und ihre Zukunft investiert auch dadurch, dass ich immer pünktlich und reichlich meine Steuern zahle.
Joan Baez, David Bowie, David Clayton-Thomas, Donovan, Marianne Faithful, Bob Geldof, Robin Gibb, Ian Gillan, Ken Hensley, Jon Lord, Manfred Mann, Brian May, John Mayall, Paul McCartney, Meat Loaf, Mike Oldfield, Robert Plant, Suzi Quatro, Cliff Richard, Rolling Stones, Satus Quo, Carlos Santana, Bonnie Tyler: Günter Schneidewind trifft sie alle und entfaltet mit diesem Buch eine weite Strecke der Popgeschichte, eine Sammlung von Menschen, die in ihren Aussagen die letzten 40 Jahre Musikgeschichte des Pop gekonnt skizzieren und spannend erklären. Besser als jedes Lexikon dies könnte. Hier erzählt jemand, der dies aus innerem Antrieb tut und immer noch von der Neugierde des Unter der Bettdecke Hörenden angetrieben wird. Auf der Umschlagseite 3 findet man eine CD eingeklebt inkl. Original-Interviews (70 min) mit 12 Rockstars, die Günter Schneidwind auf SWR 1 realisiert hat. An keiner Stelle dieses Buches war etwas langweilig, die Geschichte des Pop und seiner Antriebskräfte wird lebendig, Schneidewind unterfüttert seine Interviews mit spannenden Hintergrundgeschichten, die Lebenslinien als Prototypen für gesellschaftliche Entwicklungen der letzten 40 Jahre offenlegen. Ich wäre gespannt auf eine Fortsetzung, denn in diesem Buch sind bei weitem nicht alle Begegnungen eingeflossen, die der Autor gespeichert hat.