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Kundenrezensionen

49
4,6 von 5 Sternen
Der Große Krieg: Die Welt 1914 bis 1918
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170 von 184 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 9. Dezember 2013
Einen ausführlichen Vergleich mit dem neuen Buch von Jörn Leonhard habe ich bei Leonhard geschrieben.

"Aus keinem Krieg kann soviel gelernt werden wie aus dem Ersten Weltkrieg", schreibt der Politologe (nicht Historiker!) Herfried Münkler in seinem 900 Seiten Buch. Als Politologe stellt Münkler daher immer wieder gerne Bezüge zur Gegenwart her, etwa zum Jugoslawienkrieg, dies unterscheidet das Buch von den vielen anderen neuen Publikationen zu diesem Thema.
Anders als Historiker stellt Münkler taktische und strategische Fragen in den Vordergrund. Er erklärt zum Beispiel die Paradoxien der Politik und des Krieges so: Deutschland hat den Krieg verloren, weil seine Führung nicht begriffen hat, dass man nach großen militärischen Erfolgen politisch bescheiden auftreten und eine Verhandlungslösung anstreben sollte. Stattdessen wuchsen nach den ersten Siegen nur die Ansprüche. Den gleichen Fehler machten die Alliierten später bei den Friedensverhandlungen 1919.

Faszinierend auch Münklers Analyse der Entscheidungsprozesse, die zur Schlacht von Verdun führten. Überraschend die ökonomischen Folgen des U-Boot Krieges für Deutschland.

Aha-Effekte stellten sich beim Lesen des Öfteren ein. Wo Historiker nur darstellen, versteht man bei Münkler plötzlich die Entscheiduntsprozesse und deren manchmal unvorhersehbaren Folgen.

Was die Ursachenanalyse betrifft, folgt Münkler dem Bestsellerautor Clark: Er verteilt die Verantwortung für die Katastrophe auf viele Schultern. Aber auch dem Zufall wird eine große Rolle zuerteilt, beispielsweise beim Attentat von Sarajevo. Wie Clark betont auch Münkler, dass alle beteiligten Protagonisten ihre Verantwortung gerne weggeschoben haben bzw. meinten, sie würden sich in einer Zwangslage befinden und nicht anders entscheiden können.

Leider ist der Untertitel von Münklers Buch, Die Welt 1914 - 1918". missverständlich. Denn Münkler beschreibt das Geschehen vorwiegend aus deutscher Perspektive. Wer wissen möchte, wie die Diskussionen in England, Frankreich, Russland, USA, verlaufen sind, muss zu Clark greifen.

Vor dem Kauf habe ich mir eine ganze Reihe von Büchern zum Ersten Weltkrieg angesehen. Münkler hat für mich am besten abgeschnitten, weil sein Buch glänzend geschrieben und am komplettesten ist.
Trotzdem hätte ich bei Münkler gerne mehr gelesen über die Vorgeschichte des Weltkrieges (Balkankrise) sowie Wirtschaft und Geld.

Münkler konzentriert sich auf den politisch-militärischen Bereich in Deutschland. Er beschränkt sich in der Analyse auf die kurzen Wege in den Krieg", also im wesentlichen Julikrise. Wer zu sehr auf die langen Wege" (Balkankriege) schaut setzt sich dem Vorwurf des Fatalismus aus, so Münkler.

Ich meine, Clark und Münkler ergänzen sich hervorragend: Clark beschreibt den langen Weg zum Krieg bis zum Kriegsbeginn, Münkler setzt die Geschichte bis zum Kriegsende und darüber hinaus fort.
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31 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
TOP 1000 REZENSENTam 14. Juli 2014
Nachdem ich mich durch Leonhards Monumentalwerk "Die Büchse der Pandora" gelesen habe, war ich auf "den Münkler" natürlich neugierig. Obgleich das selbe Thema Gegenstand ist, hält man hier jedoch ein Buch mit einem völlig anderen Ansatz in der Hand. Münkler streift so z.B. die Vorgeschichte (Attentat von Sarajewo, Juli-Krise) nur oberflächlich. Auch die Phase der gegenseitigen Kriegserklärungen reisst er nur knapp an.

Es folgt eine ausführliche Diskussion des deutschen Angriffsplans ("Schlieffen-Plan") im Stil eines "Was-wäre-gewesen-wenn" und die ebenso ausführliche Schilderung der ersten Kriegsphase bis zum Stillstand des Angriffs an der Marne.

Dieser Logik folgend handelt Münkler die einzelnen Kriegsphasen - die Materialschlachten von 1916, Verdun usw. - anschaulich und fast schon dokumentarisch spannend beschrieben ab. Auch Österreich-Ungarn und dessen fast-Untergang in den ersten Kriegsjahren kommt nicht zu kurz (ohne darauf hier im Detail eingehen zu können - und wollen).

Ziemlich in den Hintergrund tritt indessen ein Hauptanliegen des Leonhard'schen Werks, nämlich der Blick auf die Entwicklung der Kriegsgesellschaften und des sozio-ökonomischen und -kulturellen Umfelds in der kriegsteilnehmenden Ländern. Hier treten die ganz unterschiedlichen Ansätze der beiden Autoren am deutlichsten zutage.

Den dramatischen Ereignissen während der letzten deutschen Offensive 1918 bis hin zu den Waffenstillstandsverhandlungen ist der letzte Teil des Buchs gewidmet. Breiten Raum nimmt hier die Person Ludendorffs und die Diskussion seines Verhaltens bis hin zum Ende des Krieges ein. Überhaupt zieht sich die Schilderung der Entwicklung des Duos Hindenburg-Ludendorff von Kommandeuren an der Ostfront bis hin zur de facto Militärdiktatur wie ein roter Faden durch das Geschehen.

Den Abschluss bildet (wie bei Leonhard) einen Ausblick auf die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs bis in die Gegenwart - wobei ich die Parallele, die Münkler zwischen dem Einkreisungsempfinden der Deutschen vor 1914 und dem China heutiger Tage zieht - für reichlich gewagt halte. Aber auch hier bleibt Münkler eher an der Oberfläche und verzichtet auf eine detailliertere Ausarbeitung.

Was bleibt zurück ?

Der Eindruck eines - im Vergleich zu Leonhard - "populärwissenschaftlicheren" Werks, das zwar alles Wesentliche abhandelt, dabei aber einen eher oberflächlichen Eindruck macht. Analysen in die Tiefe der Kriegsgesellschaften bleiben aus und wenn es sie doch hin und wieder gibt, nehmen sie nur geringen Raum ein.

Mitreissend und spannend ist hingegen die Schilderung der Ereignissen an den verschiedenen Fronten die - wiederum im Gegensatz zu Leonhard - bildreich, spannend und mit vielen Details erzählt werden.

Dieser Gegensatz macht "den Münkler" sicher zum leichter zugänglichen Werk über ein extrem komplexes Thema, ja fast schon zur Einstiegsliteratur. Wer den Blick "in die Tiefe" sucht, greife lieber zu Leonhard.

Nichtsdestoweniger hat mich das Buch berührt und in den Bann gezogen. Hintergründe, die Münkler auslässt, habe ich dabei mit den sehr gründlichen Analysen von Leonhard aufgefüllt. Insofern also vielleicht doch keine Gegensätze sondern zwei wichtige Bücher über eine ebenso wichtige Epoche, die sich gut ergänzen.
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38 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Herfried Münklers "Der große Krieg" ist eine lesenswerte Gesamtdarstellung des Ersten Weltkrieges, die politikwissenschaftliche Analyse und historische Erzählung miteinander verknüpft. Das lässt sie tatsächlich aus der Flut der gegenwärtigen Veröffentlichungen zu diesem Thema herausragen.

Zunächst präsentiert sich das Buch wie eine weitere historische Darstellung, doch Münkler analysiert in dem Buch durchgehend die Handlungen, Entscheidungen und Optionen der Akteure mit politikwissenschaftlichen Methoden. So differenziert er stets zwischen den verschiedenen handelnden Personen. Beispielsweise erläutert er ausführlich, inwiefern sich auf deutscher Seite der Kanzler Bethmann-Hollweg vom General Moltke unterschied. Ersterer suchte nach politischen Lösungen auf dem Weg der Kooperation mit den anderen Großmächten, Moltke dagegen sah das Reich militärisch eingekreist. Münkler vermag es überzeugend darzulegen, wie und warum sich welche Perspektiven und Wahrnehmungen schließlich durchsetzten. Das Ergebnis ist eine differenzierte und nachvollziehbare Ursachenanalyse der Dilemmata, Erfolge, Irrtümer und Fehleinschätzungen der handelnden Personen.

Der Schwerpunkt der gesamten Analyse und Darstellung liegt auf dem Deutschen Reich. Aber auch die Akteure der anderen Großmächte werden differenziert analysiert. Dennoch wünscht sich der Leser an manchen Stellen, dass hier genauso tief in die Materie eingetaucht würde, wie es für die deutsche Seite geschieht.

Insgesamt bleibt es aber dabei: Münkler hat eine erkenntnisreiche, gut lesbare und in vielen Aspekten innovative Studie zum Ersten Weltkrieg vorgelegt, die viele eingefahrene Urteile über so manchen Akteur ein wenig gerade rückt. Die Lektüre lohnt sich!
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4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 15. Juni 2014
Mit über 900 Seiten werden alle Phasen des Krieges detailliert beschrieben und kommentiert. Man braucht etwas Zeit für diese Werk und einige Passagen hatte ich dann auch nur quer gelesen, was bei diesem Buch durch die klare Gliederung gut geht.

Das Buch stellt sehr gut die Stimmungslage von allen Beteiligten dar, wobei der Schwerpunkt bei der deutschen Seite liegt. Die Zeit meiner Urgroßeltern rückt mit diesem Buch näher, fühlt sich nicht mehr an wie eine längst vergangene Epoche. Man verliert diesen vergilbten schwarzweiß Eindruck von Männern mit Pickelhaube und Krauselbart, die eine blumige Sprache sprechen. Die Zitate aus Kriegstagebüchern und Briefen zeigen Menschen, die genauso aus dem zweiten Weltkrieg oder noch jüngerer Zeit stammen könnten.

Erstaunt hat mich, wie viele technische Entwicklungen in dieser Zeit schon zur Verfügung standen bzw. fertig gestellt wurden. Davon hatte ich zwar auch vorher schon einiges gewusst, doch hier wird die Entwicklung nachvollziehbar chronologisch aufgeführt.
Dieser Krieg endet völlig anders als der zweite Weltkrieg und der Autor macht gut verständlich warum das Entsetzen nach dem Versailler Vertrag so groß war.
Klare Empfehlung
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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 7. März 2015
Trotz guten Geschichtsunterrichts waren meine Kenntnisse über den Ersten Weltkrieg vor Lektüre dieses Sachbuchs lückenhaft. Die Eckpunkte waren mir bekannt: das Attentat in Sarajevo, die Schlacht von Verdun, Versailles, der Novemberaufstand. Weder über den genauen Verlauf dieses Kriegs noch über Vorgeschichte und Hintergründe wusste ich ausreichend genug.

Das umfassende Buch von Herfried Münkler hat diese Lücken bestmöglich geschlossen. Der Autor belässt es aber nicht nur bei der historischen Darstellung, sondern bietet immer wieder Einschübe, die den gesellschaftlichen Hintergrund der kriegsbeteiligten Nationen erläutern, die Sicht unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten auf das Grauen. Man könnte meinen, diese Einschübe wären langatmig, langweilig und dem Folgen des historischen Verlaufs hinderlich. Genau das Gegenteil ist der Fall. Sie bieten eine weitere Perspektive, die den üblichen historischen Abrissen fehlt.

Ach ja: Ich las dieses Buch im vergangenen Jahr auf dem Höhepunkt der Krimkrise. Das war dann wegen der vielen Parallelen und ähnlicher Argumentation der damaligen und aktuellen Akteure doch so gruselig, dass ich für mehrere Wochen mit der Lektüre pausieren musste.
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35 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 9. Februar 2014
"Der Große Krieg" von Herfried Münkler ist die erste größere Gesamtdarstellung des Ersten Weltkriegs aus der Feder eines deutschen Autors seit der Arbeit Peter Kielmanseggs (Deutschland und der Erste Weltkrieg, Frankfurt a. M. 1968). Freilich stützt sich das im Frühjahr 2009 konzipierte (S. 922), also hastig recherchierte und schnell geschriebene Buch überwiegend auf Sekundärliteratur.

Anders als der Untertitel suggeriert, handelt die Darstellung leider nicht von der "Welt 1914 bis 1918", sondern lediglich von der Welt AUS DEUTSCHER PERSPEKTIVE. Während die Entscheidungen, Entwicklungen und Verhältnisse im Deutschen Reich breit abhandelt werden, müssen sich die anderen kriegführenden Nationen mit spärlichen Bemerkungen begnügen.

Die deutlichsten Akzente setzt Münkler in seinen politischen Analysen. Schon der Buchtitel ist programmatisch, signalisiert er doch, dass der Erste Weltkrieg nicht aus der Perspektive des Zweiten, sondern als eigenständiges Ereignis betrachtet werden soll (S. 11), das uns in gewisser Weise näher steht als die Vorgänge zwischen 1939 und 1945. Die weltpolitische Multipolarität auf die wir uns heute zubewegen, sei zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon Realität gewesen.

Aus Münklers Sicht lässt diese historische Parallele alle Deutungen zweifelhaft erscheinen, die den Kriegsausbruch von 1914 auf zwingende strukturelle Ursachen zurückführen. Wer die Gestaltungsmöglichkeiten der Politik in der Julikrise herunterspiele, müsse sie auch in heutigen Krisen für gering halten. So spreche alles dafür, dass der Krieg durch vermeidbare politische Fehler herbeigeführt wurde. Kapitalistische und imperialistische Rivalitäten, die Mängel der deutschen Verfassung oder der deutsche Militarismus hätten nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Letzterer sei ohnehin relativ gewesen, da der Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttosozialprodukt in Deutschland geringer war als in Frankreich und Russland (S. 63), und das Reich nur etwa 50 Prozent seiner Wehrpflichtigen einberief.

In der Julikrise hätten alle Großmächte Fehler begangen. "Die Zeit der einseitigen Schwarzweißzeichnungen in der Ursachenforschung zum Ersten Weltkrieg ist vorbei ..." (S. 784). Deutschland habe den Österreichern einen Blankoscheck erteilt, Russland den Serben und Frankreich den Russen (S. 100). Der Schlüssel zum Krieg habe in St. Petersburg gelegen. "Hätte man dort auf Mobilmachung und Kriegserklärung verzichtet, so wäre es nur zu einem Dritten Balkankrieg gekommen ..." (S. 101).

Nachdem er durch Ungeschicklichkeit in den großen Krieg hineingeschlittert war, habe der Reichskanzler Bethmann Hollweg bis zu seinem Rücktritt im Juli 1917 einen Verständigungsfrieden angestrebt, sich aber aus innenpolitischen Gründen genötigt gesehen, den Annexionisten Zugeständnisse zu machen. Bethmanns Dilemma sei nahezu unlösbar gewesen. "Um die von den Annexionisten geschürte Erwartung eines deutschen Sieges zu durchkreuzen, hätte er ... die schwierige militärische Lage Deutschlands öffentlich darstellen müssen. Das wiederum hätte die deutsche Position bei den Verhandlungen mit der Entente geschwächt, wenn sie denn unter diesen Umständen überhaupt zustande gekommen wären ..." (S. 624).

Sehr aufschlussreich sind die mentalitätsgeschichtlichen Ausführungen Münklers. Zu den großen Rätseln der Zeit gehört die Kriegseuphorie im Sommer 1914. Zwar betont die neuere Forschung den vorwiegend städtischen und bürgerlichen Charakter des Phänomens, doch mindert dies kaum seine politische Bedeutung. Münkler zufolge hat die Grundstimmung eines Teils der Bevölkerung damals den Charakter eines "mythischen Deutungsschemas" angenommen, das ein Sinnangebot für ALLE Volksangehörigen enthielt, indem es die Ereignisse in ein Gesamtgeschehen von unermesslicher Bedeutung integrierte. "Was auch immer sich im Einzelnen zugetragen haben mag und was die Menschen je empfunden haben - es wurde aufgesogen durch das mythische Schema, das Erlebnis und Empfinden mit Bedeutung ausstattete, beides dem Zufälligen entzog und den Einzelnen somit an etwas Größerem teilhaben ließ. So und NUR SO war, nachdem sich der Mythos erst einmal durchgesetzt hatte, die individuelle Erinnerung an die ersten Augusttage des Jahres 1914 kommunizierbar" (S. 229).

Die ausführliche Schilderung der Kampfhandlungen vermittelt ein recht klares Bild vom Geschehen an den Fronten, einschließlich derer in Nahost und Afrika. Da Münkler aber überwiegend darauf verzichtet, Ausgangsstärken und Verluste der beteiligten Armeen anzugeben, und kaum alternative Operationsszenarien diskutiert, kann der Leser den Ausgang vieler Schlachten nur bedingt nachvollziehen. Welche Erfolgsaussichten der Schlieffenplan oder die deutschen Frühjahrsoffensiven von 1918 hatten, bleibt nach der Lektüre des Buches unklar.

Überzeugend rekonstruiert Münkler den taktischen Lernprozess an der Westfront. Die frontalen Massenangriffe der ersten Kriegsmonate hätten fast zur beiderseitigen Ausblutung geführt. Der Ende 1914 angeordnete Übergang zum Stellungskrieg sei eine Notmaßnahme der militärischen Führungen gewesen, um den Zusammenbruch ihrer Armeen zu verhindern. Tatsächlich habe dieser Schritt die Verluste deutlich gesenkt (S. 298). In der Folgezeit sei es den Militärs gelungen, sich immer besser auf die Bedingungen des modernen Krieges einzustellen. Nachdem von 1915 bis 1917 alle großen Offensiven im Westen gescheitert waren, hätten die Optimierung der Artillerievorbereitung (S. 597; S. 687), die Entwicklung der Stoßtrupps (S. 470) und das Aufkommen der Infiltrationstaktik (S. 688) im Frühjahr 1918 wieder taktische Durchbrüche ermöglicht. Damit war der Stellungskrieg im Prinzip überwunden. Die Panzer erwiesen sich in diesem Zusammenhang als unwesentlich. Ihre große Stunde sollte erst im Zweiten Weltkrieg kommen.

Münklers Antwort auf die Frage, wie die Soldaten das Leiden und Sterben des Grabenkrieges so lange durchhalten konnten, ist originell. Soldaten, deren Überleben die Fähigkeit erforderte, unter Lebensgefahr kaltblütig entscheiden zu können, hätten sich als heroisch betrachten MÜSSEN, um ihre Handlungsfähigkeit zu bewahren. "Man war überzeugt, dass die Niedergeschlagenen und Verzagten mit größerer Wahrscheinlichkeit fallen würden. Zumindest ein wenig heroisch zu sein, wurde in dieser Hinsicht zur Überlebensstrategie" (S. 467). Infolge ihrer Selbstheroisierung hätten die Soldaten den Krieg länger ertragen, als man es sich in der postheroischen Gesellschaft unserer Zeit vorstellen kann.

Anders als die Operationsgeschichte scheinen die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte des Krieges Münkler kaum interessiert zu haben. Das Thema ist ihm nur 30 Seiten wert (S. 563-593).

Trotz großer materieller und personeller Unterlegenheit habe Deutschland gute Aussichten besessen, den Krieg nicht zu verlieren, denn Ende 1917 seien Frankreich und England kriegsmüde und Russland durch die Revolution gelähmt gewesen. Leider habe den glänzenden Lernerfolgen des deutschen Heeres eine Lernblockade der deutschen Politik gegenübergestanden (S. 20). Mit der von großen Teilen der Öffentlichkeit, zahlreichen Intellektuellen und einer Mehrheit des Reichstags gestützten Entscheidung zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg (S. 522) habe das Reich die USA in das Lager der Entente getrieben und seine Niederlage besiegelt. So wurde die Tragweite vermeidbarer politischer Fehler ein zweites Mal demonstriert.

Obwohl Münkler weder intime Quellenkenntnis noch eine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Großen Krieg vorweisen kann, ist ihm ein eindrucksvolles Buch gelungen, das ebenso faktengesättigt wie anregend ist.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
Herfried Münkler hat mit diesem Buch eine hervorragende Zusammenfassung des 1. Weltkriegs verfasst. Obschon das Werk voluminös ist verliert der Autor sich aber nicht zu sehr in Details, zudem gestatten der lebendige Schreibstil sowie die Schriftgrösse, aufgelockert mit Karten- und Fotomaterial, ein angenehmes Lesen.

Neben den konkreten Schilderungen, geht der Autor ausserdem auf die Wirkungen, sowie Empfindungen des Krieges ein. Obschon der Schwerpunkt auf Deutschland liegt gelingt es Münkler aber eine neutrale Sichtweise zu präsentieren, wobei auch die Sichtweisen der Doppelmonarchie, sowie der Entente-Mächte beleuchtet werden.

Die Kriegsentwicklung verläuft insgesamt eher zufällig, in Deutschland wie auch in anderen Staaten gibt es dabei Befürworter eines Krieges sowie auch Friedensanhänger. Dieser Dualismus, wo die Kommunikation zwischen Politikern und Militär nicht klappte, führte insgesamt zur Entfesselung des Konfliktes. Man sah den Krieg als heroisches Ereignis an, wodurch auch auf intellektueller Basis angeregte Diskussionen stattfanden.

Die Kriegstaktik der Deutschen bestand darin den Gegner im Westen zu umschliessen und dann zu vernichten (Schlieffenplan), erst dann würde man sich mehr dem Osten widmen, wo man anfangs auf die Doppelmonarchie setzte. Der Plan misslang jedoch, im Westen kam der Angriff zum Erliegen, fortan waren Stellungskämpfe angesagt. Spätere Angriffe sowohl der Deutschen wie der Alliierten brachten keine grossen Veränderungen. Die Angriffe brachten jeweils gewaltige Verluste mit sich.Dieses zähe Kämpfen ermöglichte erst die Fortsetzung des Krieges über Jahre. Im Osten konnten Deutsche und Österreicher sich gegen die Russen behaupten, Geländegewinne verbuchen, jedoch den Gegner nicht niederringen. Russland brach schliesslich innerlich zusammen, dabei half Deutschland der revolutionären Bolschewiki-Partei in den Sattel. In Deutschland hatte das Militär die Politiker kalt gestellt und dirigierte das Geschehen. Erst nachdem man militärisch am Boden lag, drückte man sich vor der Verantwortung und gab die Fäden wieder in die Hände der Politiker. Schlimmer noch man gab diesen die Schuld und behauptete unbesiegt zu sein. Hieraus entwickelte sich die Dolchstosslegende, wodurch Deutschland auch nach dem Krieg politisch nicht zur Ruhe kam. Österreich-Ungarn seinerseits zerfiel nach dem Krieg komplett, wobei die jeweiligen Nationen eiegner Staaten errichteten.

Der Erste Weltkrieg umfasst neben dem mitteleuropäischen Raum ebenfalls andere Räume wie Mesopotamien, Ägypten, die Kolonien sowie die Weltmeere. In der Kriegsführung werden bringen neue Techniken veränderte Kampfweisen mit sich. So kommt es zu Gasangriffen, dem Einsetzen von Flugzeugen, U-Booten und Panzern, Stahlhelm und Gasmaske. Diese Techniken werden in späteren Kriegen weiter entwickelt. Münkler schildert ebenfalls die Leistung der Heimatfront, welche unter grossen Entbehrungen (u.a. Rationierung des Essens) in die Kriegsindustrie eingebunden wird.

Empfehlenswertes Buch. Andere interessante Bücher über das Thema sind :
Der Tod des Doppeladlers Von Rauchensteiner (hier liegt der Schwerpunkt auf Österreich-Ungarn)
Die Schlafwandler von Clark (detaillierte Schilderung der Entfesselung des 1.Weltkriegs).
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12 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 12. April 2014
"Der Große Krieg" ist ein sehr umfassendes Werk von ca 800 Seiten. Die Lektüre lohnt sich allemal, denn Münklers Buch enthält die Quintessenz von unzähligen Studien und Abhandlungen; all dies wird in einem flüssigen, gut lesbaren Stil präsentiert. Münkler schreibt zwar aus der deutschen Perspektive, doch gelegentlich wechselt er auch mal den Blickpunkt und bringt dann auch Abschnitte aus österreichischer, ungarischer, serbischer, türkischer, französischer, bulgarischer, russischer usw. Perspektive. So hat man als Leser das Gefühl, einen umfassenden Einblick in den großen Krieg mit seinen vielen Akteuren erhalten zu haben.

Bezüglich der Entstehungsgeschichte des Krieges folgt Münkler eher der Linie von Clark. Es gab viele Verantwortliche für den Ausbruch des Krieges. Münkler wendet sich damit vehement gegen Fritz Fischer und dessen einflußreiche Schüler, die in Deutschland quasi den Alleinschuldigen sehen. Die Fischer-Doktrin führte in der Folge zu einem rabenschwarzen, negativistischen Geschichtsbild. Einige Medien sahen es gar als ihre Hauptaufgabe an, belastendes Material gegen Deutschland zusammenzutragen.

Münklers Buch rückt vieles zurecht, er sieht Licht und Schatten bei allen Beteiligten. Er bringt einen neuen Ton in die deutsche Geschichtsschreibung: kritisch hinterfragend, dabei aber verständnisvoll und wohlwollend. Damit leistet er einen wichtigen Beitrag zu einer differenzierteren Sicht auf die deutsche Geschichte.
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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 17. Februar 2014
Unter den vielen Veröffentlichungen zu Spezialthemen des Ersten Weltkrieges ragt dieses Werk als Überblicksdarstellung des Krieges heraus. Der (Unter-)Titel ist allerdings etwas irreführend, da Münkler das Kriegsgeschehen vor allem aus deutscher Perspektive schildert und dessen Verbündete sowie die Kriegsgegner nur streift. Dafür erhält der Leser aber einen umso tieferen Einblick in die inneren Entwicklungen des Kaiserreichs und die Überlegungen und Kalküle der politischen und militärischen Entscheidungsträger, welche ihren (Fehl-)Entscheidungen zugrunde lagen. Auch auf die wichtigsten Entwicklungen auf den Schlachtfeldern der verschiedenen Fronten wird ausführlich eingegangen, ohne sich dabei aber zu sehr in Details zu verlieren.

Fazit: Eine ausgewogene und gut lesbare Darstellung der vier Kriegsjahre aus deutscher Sicht, die momentan noch ihresgleichen sucht. Wer sich sich für den Krieg näher interessiert, kommt an diesem Buch nicht vorbei.
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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich.
am 22. Oktober 2014
"Deutschland trägt die alleinige Schuld an diesem Krieg". Das hörte ich mein Leben lang in der Schule, im Rundfunk und konnte es in Zeitungen lesen. Jetzt weiß ich, dass Deutschland zu dieser Aussage bei der Unterzeichnung des Versailler Vertrages gezwungen wurde. Die Schuld tragen auch Österreich durch seine Kriegserklärung an Serbien, Russland, das zuerst mobil machte, Frankreich, das die Ergebnisse von 1871 revidieren wollte und GB, das den deutschen Angriff auf Belgien als Vorwand zu einer Kriegserklärung an Deutschland nutzte.
Im Buch wird dies alles analysiert und der Kriegsverlauf mit allem, was dazugehört beschrieben und kommentiert.

Wer noch mehr und dies in romanhafter Form lesen will, der sollte Ken Folletts "Sturz der Titanen" lesen.
Auch dort wird der Krieg beschrieben, aber anhand der Schicksale eines Dutzend Personen aus den fünf größten beteiligten Ländern.
Ich habe diese beiden Bücher Schritt für Schritt parallel gelesen.
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