Wer bei „Der Greif" damit rechnet, einen penibel recherchierten, einen Anspruch historischer Genauigkeit vertretenen und narrativ brillanten Roman serviert zu bekommen, der wird enttäuscht werden. Dankenswerterweise nimmt es der Autor mit der Geschichte nicht ganz so genau, um stattdessen lieber an einer Handlung mit fantastischen Zügen zu stricken. Dass der Protagonist bzw. die Protagonistin ein Hermaphrodit ist, der erst in einem Männer -, dann in einem Frauenkloster aufwächst und nach diversen recht unterhaltsamen Wildnisabenteuern schlussendlich zum Berater und Marschall des legendenumrankten Gotenkönigs Theoderich aufsteigt, sagt schon einiges über die vom Autor genommene Freiheit aus. Die Charakterzeichnung mag holprig sein, oft klingt eine naive Begeisterung fürs Germanentum an und der Plot rast dermaßen hektisch durch das zerfallende Römische Reich, dass zuweilen das Wo und Wie nur oberflächlich skizziert werden. Nichtsdestotrotz finden sich in „Der Greif" alle Zutaten für einen gelungenen spätantiken Abenteuerroman: exotische Sitten, Völker und Orte, jede Menge sexuelle Eskapaden (die Hauptfigur besitzt angesichts ihrer Zweigeschlechtlichkeit dazu geradezu ungeahnte Möglichkeiten), blutige Schlachten, große Worte - wer bei alledem nach Realismus fragt, ist eigentlich selbst schuld.