Aus zahlreichen Verfilmungen ist die Handlung größtenteils bekannt. Die wahre Form des Leidens aber, das Mitfühlen und Mitfiebern mit Nemesis (die Göttin der strafenden Gerechtigkeit) und schließlich Dantes' Rache - das erfährt man nur, wenn man es sich erarbeitet und das Buch liest, das sehr gut geschrieben ist. Es gibt Stellen, an denen die Gefühle einen überwältigen, an denen man einen Kloß im Hals runterschlucken muss (als z.B. "Simbad" jene alte Geldbörse mit dem Diamanten auf die Fensterbank legt, auf der Morel senior sie seinerseits Jahre zuvor legte, um dem sterbenden Vater Dantes die Qualen des Hungers zu erleichtern), die einen tiefer bewegen, als es ein Film kann, der mit vorproduzierten Bildern und Tönen arbeitet.
Das geschickt gesponnene Rachewerk Dantes lässt einen mitfiebern, wie es weitergeht, von Seite zu Seite. Teilweise wirkt die Story etwas grotesk (z.B. der unterirdische Palast auf Monte Christo, die Zaubertränke des Grafen und dergleichen), aber durchaus nicht unglaubwürdig - Edmond Dantes wird so hinreissend illustriert, dass der Leser ihm alles zuzutrauen bereit ist... ja, der Leser WILL, dass Edmond wie Deus ex machina handelt, weil die Gerechtigkeit danach schreit, dass Berge versetzt werden.
Besonders gefällt mir der Schluss, denn er ist authentisch, kein Happy-End-Kitsch, und überlässt dem Leser die Beantwortung der Frage, ob Rache wirklich erfolgreich sein kann; denn das, was Edmond am meisten ersehnte, kann er nicht mehr bekommen. Ihm verbleibt Dumas' Fazit : die Weisheit des Menschen besteht nur in den zwei Worten - Warten und Hoffen.