Das Buch kann man grob in 3 Teile teilen, die für den deutschen Leser sehr unterschiedlichen Qualität haben:
Im ersten drittel geht es tatsächlich um die Frage, ob Gott existiert.
Der Teil ist zu lang und bringt demjenigen, der sich überhaupt schon mal ernsthaft mit dieser Frage auseinandergesetzt hat, nicht viel Neues.
Natürlich gibt es keine Antwort, Dawkins erklärt aber ganz überzeugend, warum er Gott für extrem unwahrscheinlich hält.
Dabei ist gut, dass er zuerst Gott begrifflich soweit definiert, das man wirklich darüber reden kann und das ganze nicht beliebig bleibt.
In häufigen, inhaltlichen Wiederholungen werden einzelne Aspekte in wenig philosophischer, oft auch nicht unbedingt wissenschaftlicher Weise dargelegt.
Lieber zitiert Dawkins reihenweise Leute für seine Ansichten, und bringt dazu u.a. besonders dämliche Zitate von (Möchtegern-)Theologen.
Das ist zwar ganz unterhaltsam, aber eben nicht beliebig lange.
Wirklich gestört hat mich, dass er bei einigen der Befürworter seiner Thesen aus früheren Zeiten, die man heute leider nicht mehr befragen kann, auch nicht davor zurückschreckt, Annahmen darüber zu machen, was sie wohl eigentlich hätten sagen wollen, wenn sie nicht so höflich/etabliert/diplomatisch/abhängig gewesen wären.
Seine Vermutungen mögen durchaus korrekt sein, aber es ist nicht besonders seriös.
(Why I am Not a Christian (Warum ich kein Christ bin), von Bertrand Russell, 1927, ist viel kürzer und ergiebiger!)
Zu der Kritik der Theologen, die u.a. in den Rezensionen anklingt, möchte ich aber anmerken, dass Theologen "fachlich" erst im Vorteil sind, wenn man als gegeben annimmt, dass (ein biblischer) Gott existiert. Zu der Frage der Existenz haben sie nicht mehr zu sagen als jeder andere Mensch.
Im 2. Teil versucht er zu klären, warum es überhaupt Religion gibt und die Frage zu klären, ob Moral ohne Religion möglich ist.
Im 3. und wichtigsten Teil erklärt er seine Feindschaft gegenüber ALLEN Religionen.
Er zitiert viele wichtige Leute aus der Evangelisten- und Kreationisten-Ecke der USA. Wirklich erstaunlich ist dabei die Verbreitung dieses Gedankenguts und in wieweit diese Spinner(sorry, aber bei der Schere im Kopf, die man haben muss, um eine neue "Naturwissenschaft" zu erfinden, damit man erklären kann, dass die Erde nur 6000 Jahre alt ist und wie alle Tiere in der Arche Platz gefunden haben, kann ich es nicht anders nennen) in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.
Letztendlich kann man die wirklich radikalen Christen (jenseits der Kreationisten) in den USA nur als Faschisten bezeichnen, die offensichtlich von einem amerikanischen Gottesstaat a la Taliban anstreben.
Der eigenen Rhetorik zufolge werden diese Leute sich sicher nicht damit aufhalten, z.B. Homosexuelle erst in Lager zu sperren.
Bei aller berechtigten Kritik an dem Buch darf man meiner Meinung nach nicht Ziel und Zielgruppe vergessen.
Unter dem Blickwinkel würde ich das so interpretieren:
Zuerst erklärt er den Amerikanern, warum man nicht unbedingt Christ (bez. religiös) sein muss, um ein Mensch zu sein.
Danach warum man auch als Atheist moralischen Denken kann, und am Ende, warum die gemäßigten Religionen den Boden für die radikalen bereiten und warum man seine Kinder vor einer religiösen Erziehung schützen sollte.
Aus deutscher Sicht scheint er das Kind mit dem Bade auszuschütten, aber die Perspektive, die letzte verbliebene Supermacht könnte zu einem Taliban-Staat werden, ist dermaßen beängstigend, dass es besser sein könnte (zumindest als Amerikaner), jede Religion aufzugeben.
Das Gott zu Bush spricht kann hier als Hinweis dienen, wo Amerika angekommen ist.
Die Kreationisten haben 100 Jahre gebraucht, um Mainstream zu werden, die radikaleren dürfen es nie schaffen!