Kein Buch für die Frommen, eher für die Skeptiker, für die Neugierigen, die wissen wollen, wie sich Glaube und Bewusstsein zu einander verhalten. Halbfas reflektiert den Glauben von archaischen Anfängen über das magische, das mythische und rationale Denken bis zu seiner heutigen Vermittlungskrise, in der dogmatische Erstarrung ihm alle Lebendigkeit nimmt, sofern nicht radikale Aufrichtigkeit zu Revisionen und neuen Ansätzen führt.
Der Verfasser hält zentrale Inhalte des christlichen Glaubens inzwischen der inneren Akzeptanz entfremdet. Die Leitbegriffe des Apostolischen Glaubensbekenntnisses seien dem Denken unverständlich geworden. Sollte dieser epochale Traditionsabbruch bestanden werden, gelte es, das Christentum von seinen Anfängen her neu zu sehen und neu zu bewerten. Er geht davon aus, dass die Zukunft nicht mehr mit Einzelkorrekturen, sondern nur noch mit einer alles umfassenden Neubestimmung gewonnen werden kann.
Halbfas zeigt in verständlicher Form, wie Wissen (Kosmologie, Anthropologie, Religionsgeschichte, Philosophie und Theologie) Grundbedingung und Voraussetzung für die innere Akzeptanz von Glaubensinhalten ist, wenn diese dem heutigen Wissenstand entsprechen sollen. Zitate aus Literatur, Philosophie, Theologie und Kunst belegen, wie lebendig ein solcher Glaube sein kann, sofern er nicht vorgeschrieben und dogmatisch angebunden wird. Die vorzüglichen Reproduktionen alter und moderner Kunst (Beckmann, Corinth, Hodler, Ernst, Magritte, Triegel u. a.) und ihre überzeugenden halbfas`schen Interpretationen belegen sinnhaft alle Ausführungen. Sie machen das Buch zu einem Leseerlebnis. So wird es neben der Vermittlung des aktuellen Wissenstandes zu einer fesselnden Lektüre, ohne an Ernsthaftigkeit zu verlieren.
Insgesamt ist Der Glaube" von Hubertus Halbfas das Vermächtnis eines kritischen, modernen Theologen, den die Sorge um die Wahrhaftigkeit religiöser Information umtreibt, was ihn bei aller Konfliktbereitschaft nicht abhält, seinen Weg gradlinig weiterzugehen. Es ist ein gutes Buch, ein wichtiges Buch, das Beste, was ich von Halbfas bisher gelesen habe, auch in Ausstattung und Konzeption exzellent.
Wünschenswert wäre, wenn es auch in den oberen kirchlichen Hierarchien Beachtung fände.
Mag es dort auch keine Zustimmung finden, so gibt es doch kein besseres Werk, das - gelegen oder ungelegen - ansagt, in welcher Krise sich das Christentum heute befindet. Soweit die Amtskirche diesen Prozess nicht wahrnimmt, beraubt sie sich selbst jeder Möglichkeit, die Zeichen der Zeit zu erkennen.
Für jene, die sich jenseits der Kirche und christlichen Glaubens sehen, ist es ein Werk, das ihnen innere Einblicke in die Geschichte und theologische Kritik des Christentums erlaubt. Die anderen, denen Religion wichtig ist, finden hier ein Buch, das über den heutigen Traditionsbruch im Christentum, hinausführt. Insgesamt für Gläubige wie Nicht-Gläubige ein Werk, das zu eigener Urteilsbildung anleitet. Ein sehr empfehlenswertes Buch.