Rezension aus der Zeitschrift Skeptiker:
Was haben Hellsehen, Spuk und Psychokinese gemeinsam? Sie zählen zu den so genannten
paranormalen Phänomenen. Darunter können Anomalien verstanden werden, für die es anscheinend bisher noch keine wissenschaftlich akzeptierten Erklärungen gibt. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Betrachtung von Phänomenen (Verhalten und Erfahrungen), die als außergewöhnlich empfunden werden, es wird also nicht impliziert, dass die Phänomene wirklich mit normalwissenschaftlichen Prinzipien nicht erklärbar sind. Ein großer Teil dieser Phänomene wird von der Parapsychologie untersucht. Diese Disziplin
wird von der Wissenschafts-Community nicht wirklich anerkannt. Dabei sei ausdrücklich betont, dass die Parapsychologie heutzutage eindeutig streng wissenschaftlich vorgeht, was ihre Methodik angeht.
Die fehlende Akzeptanz vor allem bei Psychologen liegt weniger an der Fülle
der produzierten Daten. Der Grund ist vielmehr, dass - auch wenn gewisse Datensätze Anomalien aufweisen (über deren Replizierbarkeit diskutiert werden kann) - keine wirklich zufriedenstellenden Erklärungen oder plausiblen Theorien zur Verfügung stehen. Auf dieser Grundlage lässt sich jedoch die Existenz eines Phänomens nicht
belegen, wie es im Buch ganz richtig heißt (S. 121).
Andreas Hergovich von der Universität Wien hat ein Buch über den Glauben an
Psi geschrieben, das eine wichtige Lücke der deutschsprachigen Literatur schließt und eine Brücke zwischen Naiv-Gläubigen und verbohrten Ablehnern baut. Das Thema ist komplex und die Diskussion darum nicht immer sachlich. Hergovich betrachtet jedoch beide Positionen in einer angemessenen Art und Weise. Er schlägt eine beeindruckend spannende und weitgehendst verständliche Schneise in die komplexe Thematik des Glaubens an Psi und stellt auch die parapsychologischen Argumente ausführlich und kompetent dar. Das Buch ist mir 242 Seiten umfangreich und außerdem sinnvoll gegliedert.
Zunächst beschäftigt sich Hergovich mit der Geschichte der Parapsychologie von der Antike bis zur Hexenverfolgung, über den Beginn des Spiritismus in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis hin zur parapsychologischen Forschung der Gegenwart.
Im Anschluss werden Erklärungsansätze für das Paranormale behandelt. Einige parapsychologische Erklärungen versuchen die Phänomene mit physikalischen Theorien zu erklären, z.B. durch Zuhilfenahme der Quantenphysik. Aus physikalischer Sicht, sind diese Erklärungen bisher reine Spekulation. Mit der Quantenphysik lassen sich parapsychologische Phänomene jedenfalls bisher nicht erklären. Im nächsten Kapitel werden wissenschaftstheoretische Probleme erörtert, die mit der Existenzannahme von Psi einhergehen. Anschließend werden Probleme des empirischen Nachweises von Psi behandelt, z.B. die Replizierbarkeit paranormaler Phänomene. Einige Kritiker sind der Meinung, dass die seltene Replizierbarkeit parapsychologischer Daten geradezu symptomatisch für die fehlende wissenschaftliche Fundierung der Ergebnisse sei. Extrem und wenig überzeugend ist die Erklärung, dass diese Phänomene nur dann auftreten, wenn sie nicht dokumentiert werden sollen. Solche Phänomene sind höchstens in einem statistischen Sinne prognostizierbar, denn wenn sie auftreten, sind sie meistens nur sehr schwach. Kommt es zum Abfall einer Psi-Leistung bei einem Probanden, so wird dies von einigen Befürwortern nicht als Resultat der Regression zum Mittelwert interpretiert, sondern als Beleg für die Psi-Hypothese (so genannter Absink- oder Decline-Effect). Hergovich beschreibt weitere Probleme mit der Statistik, so auch das so genannte „File-Drawer-Problem". Darunter wird eine selektive Berichterstattung verstanden. Denn solange die Existenz paranormaler Phänomene in den Wissenschaften nicht allgemein akzeptiert wird, ist die Gefahr groß, dass vor allem die Studien mit signifikanten Resultaten publiziert werden und die anderen unter den Tisch fallen. Je mehr Studien durchgeführt werden, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass alleine per Zufall ein signifikantes Ergebnis zustande kommt. Daher müssen alle Studien insgesamt beurteilt werden. Ein besonderer Schwerpunkt des Buches ist der Frage nach dem Glauben an Psi gewidmet. Wie lässt er sich erklären? Dabei betrachtet Hergovich auch die Möglichkeit von Betrug im Zusammenspiel mit Leichtgläubigkeit. Auch wenn es genügend Betrugsfälle gab, betont Hergovich richtig, dass eine A-Priori-Betrugsunterstellung nicht zulässig sei und eine Autoimmunisierungsstrategie seitens dogmatischer Kritiker darstellt. Zum Schluss fragt Hergovich, ob der Glaube an paranormale Überzeugungen wirklich irrational ist. Dabei zieht er sehr anschaulich Parallelen zur Wahrnehmungspsychologie (S.213). So erscheint uns eine Linie mit nach außen zeigenden Pfeilspitzen an den Enden länger als eine Linie mit nach innen zeigenden Pfeilspitzen (Müller-Lyer-Täuschung), selbst wenn wir wissen, dass beide Linien gleich lang sind. Solche Täuschungen werden heute nicht mehr als Beleg für die fehlerbehaftete Wahrnehmung des Menschen angesehen, sondern als adaptive Mechanismen. Für heutige Kognitionspsychologen verdeutlichen sie Prozesse, die unter normalen Umständen die Verarbeitung visueller Eindrücke ermöglichen. Dazu zitiert Hergovich Forschungen, denen zufolge die Müller-Lyer-Täuschung in der dreidimensionalen Welt die korrekte Größeneinschätzung der Innen- und Außenkanten von Räumen widerspiegelt. Analog hierzu wäre der Glaube an Psi als kognitive Täuschung ein adaptiver Mechanismus, der uns hilft, in der Realität neue Zusammenhänge zu erkennen. In zwei Situationen ist er jedoch fehleranfällig: 1. Wo keine Zusammenhänge zu erkennen sind, also der Zufall herrscht, und 2. wenn wir über wahre Zusammenhänge getäuscht werden, wie es bei betrügerischen Medien der Fall ist. Ist der Glaube an Psi also völlig normal? Hergovich nennt noch weitere Punkte und kommt zu dem Schluss, dass der Glaube an Psi nicht wirklich irrational und daher ein wissenschaftlicher Kampf gegen die Irrationalität nicht gerechtfertigt sei. Der Glaube an Psi entspringe vielmehr einem metaphysischem Bedürfnis und könne daher nicht von der Wissenschaft beantwortet werden. Man muss Hergovich nicht zwingend bis zur letzten Konsequenz folgen und einige philosophische Annahmen bspw. zum Thema Rationalität, sollten in der nächsten Auflage vielleicht noch differenzierter betrachtet werden (siehe auch: Vollmer, Gerhard (1993) Wissenschaftstheorie im Einsatz, Stuttgart), dennoch sind seine Einwände sehr interessant und versprechen weiteren Diskussionsstoff.
Dieses Buch ist aus meiner Sicht ein gutes Beispiel einer „best practice" skeptisch-wissenschaftlichen Arbeitens. Ohne Arroganz oder Naivität hat sich Hergovich mit dem Thema beschäftigt und ein spannendes und anspruchvolles Buch geschrieben. Auf dieses Buch mussten wir lange warten. Es wird sich zeigen, ob Hergovich den Standpunkt der Parapsychologen aus deren Sicht richtig dargestellt hat. Auf die Kritik können wir gespannt sein. Jedenfalls sollte die Parapsychologie als Disziplin ernst genommen werden, auch wenn die Ergebnisse für Kritiker bisher nicht sonderlich beeindruckend sind. Wir dürfen weiterhin gespannt sein.