Bastien Vives fertigte dieses Buch im Sommer 2007 an, da war er 23 Jahre alt. Ein Wunderkind auf dem Papier, in Wirklichkeit noch sehr jungenhaft, fast möchte man, dass er jeden Abend um 22 Uhr zu Hause ist. Er ist jetzt schon ein voll ausgereifter Künstler, hat eine eigene, unverwechselbare Stimme, gleich mehrere grafische Stile, die er auf virtuose Weise beherrscht, und er ist ein Beobachter von Gesten und Blicken, von Bewegungen im Raum, und vor allem: Dieses Mädchen im Schwimmbad, das würde auch ich gerne kennen lernen. Heute! Auch ich wäre jeden Mittwoch dort. Auch ich würde in ein Tief fallen, wenn sie plötzlich einen Typen mitbringt. Auch ich habe mich ein ganz klein wenig in eine Frau verliebt, die sehr viel jünger ist als ich und dazu noch nur grafisch existiert. Wie macht Bastien Vives das?
Die Handlung von "Der Geschmack von Chlor" ist in etwa genau so ergiebig wie eine kurze Erzählung von Peter Stamm oder eine beliebige Seite von "Die Obdachlosigkeit der Fische" von Wilhelm Genazino. Der Inhalt ist auch nicht wesentlich, was bezaubert und melancholisch stimmt ist die Ausführung, und natürlich die Qualität der Zeichnungen. Ein etwa Zwanzigjähriger geht wöchentlich ins Schwimmbad, dort ist alles mehr oder weniger Türkis oder Hellblau: Das Wasser, die Kacheln, die Wände, die Glasdecke. Rückenkraulen soll er wegen einer Wirbelsäulenverkrümmung, tut sich aber schwer damit, weil er die genauen Bewegungsabläufe nicht kennt. Sein Blick fällt auf eine fette Frau am Beckenrand. Dahinter schreitet: Sie. Im Schwarzen Arena-Badeanzug. Sie wird sein Fix- und Orientierungspunkt sein. Erst auf Seite 43 wird er ein Wort an sie richten. Sie bringt ihm das Schwimmen neu bei. Er lernt schnell.
Nein, sie plappern nicht über Gott und die Welt wie in Filmen von Eric Rohmer. Vielmehr sprechen sie über das Schwimmen, über wenig anderes, und sonst auch nicht viel, denn sie schwimmen, kraulen, tauchen. Und doch spüre ich, wie sehr er ihre Nähe sucht und braucht, ohne dass Vives einen inneren Monolog dafür benötigt. Kommen Sie sich näher? Ja, aber nur Millimeter. Es geht um diese Millimeter. Sie werden sich nicht küssen, und weder erfahren wir seinen noch ihren Namen. Zum Schluss bleibt ein Geheimnis: Was hat sie ihm unter Wasser mitgeteilt? Und warum - verdammt noch mal - hat er sie nie nach Hause begleitet? Warum so vorsichtig? Dabei weiß ich: Genau so wäre es auch bei mir gewesen. Mit zwanzig müsste man schon so sein wie mit dreißig, dann wäre vieles einfacher.
95 Prozent des Buches: Schauplatz Schwimmbad. Geschätzte 80 Prozent: Im Wasser. Auf den Seiten 104 bis 132 schwimmt er alleine. Wir sehen, wie er sich abstößt, seine Arm- und Beinarbeit, wie er Luft holt, immer wieder zum Balkon schaut (sie kommt nicht), keine Luft mehr bekommt, und dann sieht er etwas... Wir erfahren nicht, ob sie es ist. Die Panels sind per Hand gezogen, etwas zittrig, wie auch die Kacheln zittrig sind, doch sonst wirkt die Ausstattung sehr aufgeräumt, jedoch ist die Kolorierung so konsequent, farblich begrenzt und doch vollkommen ausreichend, so schön, wie kein Schwimmbad auf der Welt wohl sein könnte. Ein Blick auf andere Arbeiten von Bastien Vives bestätigen das hohe Niveau seiner Grafik. In meiner kleinen Comic-Bibliothek mache ich gleich Platz frei für Bastien Vives. Hoffentlich wird viel von ihm in den kommenden zehn, zwanzig Jahren ins Deutsche übersetzt. Oder ich lerne endlich Französisch.