Ich habe schon vor Jahren Pat Conroys "Die Herren der Insel" gelesen und war von seiner gewaltigen Erzählkunst sehr beeindruckt. Nun, nicht zuletzt verleitet durch die guten Rezensionen, habe ich mir "Der Gesang des Meeres" vorgenommen. Leider wurde ich enttäuscht. Ich sage es direkt, dass ich nach etwas über zweihundert Seiten das Buch weggelegt habe. Die Geschichte kommt einfach nicht zustande. Der Leser wird durch Rom und Venedig geführt, kann an einigen kulinarischen Köstlichkeiten teilhaben und schließlich mehrere Männer am Krankenbett der Mutter/Ehe- und Ex-Ehefrau beobachten, die mit ihrer Streitsucht die Geduld auf eine harte Probe stellen. Ach, nicht zu vergessen ist der Produzent, der unbedingt eine Fernsehserie über seine Familie herausbringen will und mit verbalem Durchfall den Leser gehörig nervt.
Auf den ersten Seiten wirkte Jack, der Erzähler, noch ausgesprochen sympathisch. Schwere Traumata haben ihn und seine kleine Tochter aus seiner Heimat, den Südstaaten, nach Rom vertrieben. Auch nach fünf Jahren hat er mit seiner Vergangenheit zu kämpfen und will von Land, Familie und Freunden nichts mehr wissen. So weit, so gut.
Danach verliert nicht nur er sich in permanenten Anspielungen an Vergangenes. Auch alle anderen Personen, und die jetzt nach fünf Jahren in kürzester Zeit in die Geschichte purzeln, reden permanent von einer vagen Vergangenheit, lassen den Leser wohlweislich im Ungewissen. Die Geschichte entwickelt sich einfach nicht weiter. Man hat das Gefühl, die Handlung dreht sich ständig im Kreis. Wieder und wieder wird nur darüber diskutiert, dass es Vorfälle gegeben hat. Aber man bekommt außer dem Selbstmord seiner Frau nur nebulöse Andeutungen wie die sprichwörtlichen Knöchelchen zugeworfen. Das kann natürlich erst einmal sehr wirkungsvoll sein, aber da man nicht weiß, ob sich dies auf den nächsten hundert Seiten noch ändert, verliert man sehr schnell die Lust an der Geschichte.
Weitere Kritikpunkte:
Dass Jacks achtjährige Tochter unglaublich schön, reizend und bezaubernd ist, habe ich noch als typisch väterliche Verblendung hingenommen. Aber sie ist nicht nur so wunderbar, dass jeder Italiener, der dem Kind begegnet, in Verzückung gerät und dabei vergisst, dass auch die eigenen Kinder nett, hübsch und klug sind, nein, sie ist auch noch enorm gescheit und artikuliert sich zum Teil wie eine Sechzehnjährige.
Aber auch Jacks tote Frau, die Mutter und die Kindheitsfreundin sind von solch blendender Schönheit, dass sie allen Männern den Kopf verdrehen. Das grenzt schon hart an Realitätsverlust.
Des weiteren widerspricht sich Jack in seinen Entscheidungen ständig selber. Zwar gibt er sicherlich an zehn verschiedenen Stellen kund, dass seine Flucht nach Europa das einzig richtige ist, dass seine Familie/Schwiegerfamilie jegliche Chance auf Zusammenführung verspielt hat, doch schon öffnet er allen Beteiligten alle Türen zur Vergangenheit und Gegenwart. Schon beim Besuch der Schwägerin in Rom untersagt er ihr erst vehement den ersehnten Kontakt zu seiner Tochter, erlaubt ihr Minuten später jedoch unbegrenzte Besuche während (!!) seiner tagelangen Abwesenheit, obwohl seine Schwiegereltern versucht hatten, ihm gerichtlich das Sorgerecht zu entziehen und keinerlei Besuchsrecht einzuräumen. Das nimmt ihm jegliche Glaubwürdigkeit.
Ich weiß natürlich, dass dieses Buch noch einiges aufzuwarten hat, das sollte es auch bei fast neunhundert Seiten. Deshalb auch drei Sterne. Der Weg dahin ist mir aber zu langatmig und ermüdend. Ein Buch muss mich nach zwanzig, spätestens fünfzig Seiten in seinen Bann gezogen haben. Diesem Buch habe ich mehr als zweihundert Seiten gegeben, doch die Chance ist vertan. Schade.