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Produktinformation
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Vor gut 400 Jahren, 1598, erreichten holländische Seefahrer auf dem Weg nach Ostindien die kleine Insel Mauritius im Indischen Ozean. Zurückgekehrt berichteten sie von einem dort lebenden "widerlichen Vogel": schwanengroß, flugunfähig, rund und unansehnlich mit seinen kurzen Beinen und dem dicken Rumpf, unbeholfen und lächerlich mit den winzigen Flügelstümpfen und seinem riesigen Hakenschnabel im nackten Gesicht und überdies mit einem Fleisch, das "immer ungenießbarer wird, je länger man es kocht": Das war der Dodo Raphus cucullatus. Seine mangelnde Eignung für die Küche hat ihn nicht gerettet. Die Seefahrer und die von ihnen eingeschleppten Schweine, Katzen und Ratten stellten ihm so nach, daß er kaum 100 Jahre später ausgestorben war. Und das Interesse der Zeitgenossen und Nachfahren hielt sich in engen Grenzen: Ein Fuß im Britischen Museum, ein Schädel in Kopenhagen, ein Fuß und ein Kopf in Oxford, ein später aus den Knochen verschiedener Exemplare zusammengesetztes Skelett im Museum in Durban (Südafrika), wenige Zeichnungen und Augenzeugenberichte das ist alles, was uns vom Dodo blieb. Sein Gesang, wenn es denn einen gab, ist für immer verloren. Der Drontenvogel, von dem man bis heute nicht weiß, ob er näher mit den Rallen oder den Tauben verwandt war, wurde zum Sinnbild für den rücksichtslosen Umgang des Menschen mit der Natur, für den mittlerweile allgegenwärtigen Artenschwund und insbesondere für das Verschwinden von Inselformen. "As dead as a dodo", sagen Angelsachsen, wenn etwas unwiderruflich vorbei ist. Im vorliegenden Buch, dessen Original die "New York Times" 1996 als bestes Sachbuch auszeichnete, macht der amerikanische Wissenschaftsautor und preisgekrönte Essayist David Quammen deutlich, daß Raphus cucullatus kein Einzelfall ist: Nicht besser erging es anderen Vögeln wie dem Einsiedler auf der nahe Mauritius gelegenen Insel Rodriguez, den Moas und Huias auf Neuseeland, den Elefantenvögeln auf Madagaskar, der Wandertaube, dem Riesenalk sowie dem Tasmanischen Beutelwolf (Spektrum der Wissenschaft, August 1999, S. 70) und dem balinesischen Tiger. Wie vieles andere in der Biologie zeigt sich das Muster des Artenabgangs am besten auf Inseln, jenen Mikrokosmen, in denen sich das Wirken der Evolution wie im Zeitraffer beobachten läßt, weil sich in kleinen isolierten Populationen genetische Veränderungen schneller durchsetzen. So entstehen Lebensformen, die nirgendwo sonst vorkommen. Wieso treibt die Evolution auf Inseln besonders kapriziöse Blüten, die ihrerseits in erhöhtem Maße vom Untergang bedroht sind? Um diesen Fragen nachzugehen, ist David Quammen in die Fußstapfen großer Naturforscher getreten, von Alfred Russel Wallace (18231913) bis zu Robert MacArthur, Edward O. Wilson, Michael Soulé und Michael Gilpin. Wie sie hat er sich auf eine abenteuerliche Reise rund um den Globus begeben, zu den Komodowaranen in Indonesien, den Halbaffen auf Madagaskar, den Paradiesvögeln auf Aru und in die Regenwälder am Amazonas, um an den Feldforschungen einer Wissenschaft teilzunehmen, die sich Inselbiogeographie nennt, aber weitaus mehr im Blick hat als nur Inseln. Quammen ist dabei eine intelligente und gleichwohl unterhaltsame Verknüpfung aus Wissenschaftsgeschichte (insbesondere zu Wallace), Reisereportage (wenngleich einige Episoden entbehrlich wären) und Forschungsbericht gelungen. Sein Buch ist ebenso facettenreich wie die insulären Lebensräume, die es zum Thema hat, und hat mir Lesevergnügen bereitet wie schon lange kein naturkundliches Sachbuch mehr. Ohne den Zeigefinger eines berufsmäßigen Umweltaktivisten zu heben, macht Quammen zugleich deutlich, daß Inseln mit ihren überschaubaren Lebensgemeinschaften nur Nebenschauplatz einer ungleich größeren Tragödie sind: der weltweiten Zerstörung von Ökosystemen. Indem er das Ausmaß des drohenden Verlustes eindrücklich vor Augen führt, gibt er über seine gelungene Geschichte hinaus ein eloquentes Plädoyer für den Erhalt der biologischen Vielfalt. Es bleibt die Hoffnung, daß zukünftig nicht noch mehr Arten ähnlich stumm wie der Dodo verschwinden werden. Rezensent: Dr. Matthias Glaubrecht
Hat man sich - vielleicht angelockt durch den exotisch klingenden Titel oder das witzige Titelbild - erst einmal auf die ersten Seiten des 825 seitigen Wälzers eingelassen, so nimmt einen sehr rasch die Welt der Biogeographie, die sich mit der Verteilung des Lebens auf unserer Welt befaßt, gefangen. Ein erster Höhepunkt ist der spannende Wettlauf der englischen Forscher Alfred Russel Wallace und Charles Darwin im 19. Jahrhundert um die erstmalige Formulierung einer Evolutionstheorie. Bis dahin hatte bei der Frage der Artenverteilung über die Erde die mehr auf Glauben, denn auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhende Theorie vom speziellen Schöpfungsakt gegolten.
Quammen, ein preisgekrönter Wissenschaftsautor aus dem US-Bundesstaat Montana, führt in 10 Kapiteln den Leser gekonnt in die Evolutionsforschung ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute ein, bringt uns die beteiligten Wissenschaftler, ihre Ansätze und Begrifflichkeiten näher. Er lockert seine Ausführungen und Erklärungen zur Inselbiogeographie mit der Schilderung persönlicher Lebensumstände und Kuriositäten der beteiligten Wissenschaftler oder eigener abenteuerlicher Reisen so geschickt auf, daß Langeweile oder Ermüdung nicht aufkommen können. Der Leser lernt auf spielerische Weise vieles, was er zuvor noch nie über Artenvielfalt, Artensterben und Artenschutz gehört hatte.
Gleichzeitig werden ihm mit dem Dodo, dem Indri, dem Borstenigel (auch Tanrek genannt), dem Thylacin und dem Komodowaran faszinierende Tiere vorgestellt und nahe gebracht, die ihm weder im normalen Biologieunterricht noch in einem Zoo jemals untergekommen sind. Schade nur, daß das Buch sie nicht auch im Bild darstellt. Quammen geht so bedeutsamen Fragen nach wie, ab welcher zahlenmäßigen Untergrenze bezogen auf ein Gebiet eine Art ausstirbt oder welche Mindestgröße ein Naturreservat haben muß, um ein zumindest mittelfristiges Überleben selten gewordener Tierpopulationen zu gewährleisten. Sein Stil ist flüssig und (abgegesehen von wenigen theoretischen Passagen ) allgemeinverständlich.
Doch je weiter der Leser bei der Lektüre voranschreitet, um so mehr überfällt ihn das pessimistische Gefühl, daß der Mensch als das größte Raubtier aller Zeiten trotz aller Gegenbestrebungen den Lebensraum einstmals zahlreicher Tierarten so beschneiden und vernichten wird, daß uns und unseren Nachfahren nach einem gigantischen Artensterben eines Tages keine Ökologen, Feldbiologen oder Zoologen, sondern nur noch Museumsdirektoren, Paläontologen und Historiker erzählen können, daß unseren Planeten einmal Elefanten, Bären und Lemuren geziert haben.
Fazit: Selten ist Geld so gut angelegt wie bei diesem so unterhaltsamen wie lehrreichen Sachbuch. Überaus nützlich ist das 11-seitige, wenngleich immer noch zu kurze Glossar, und die umfangreiche Bibliographie. Quammens mehr als verdienstvolles Werk läßt uns die in ihrer Artenvielfalt leider schrumpfende (Tier-) Welt mit anderen Augen sehen. Die Mischung aus lebendig geschriebener Wissenschaftsgeschichte, instruktiv dargebotener Evolutionstheorie und persönlich geschilderten Reiseabenteuern ist ein einzigartiges Lesevergnügen.
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