In Timothey Findleys neuem Roman
Der Gesandte trifft die Hauptfigur Pilgrim einmal auch auf den amerikanischen Autor Henry James, der sogleich mit Banalitäten über das Handwerk des Schriftstellers verblüffen darf. "Namen, habe ich festgestellt, können vielsagend sein", plaudert James dort über seine eigene Figurenbenennung. Derartige Belanglosigkeiten hätte man dem Autor von psychologischen Meisterwerken wie
Bildnis einer Dame (1881) eigentlich gar nicht zugetraut.
Natürlich ist Findleys ebenso schöner wie depressiver Kunstgeschichtler Pilgrim selbst so ein Kind seines Namens. Wie in John Bunyans religiösem Erbauungsepos Pilgerreise (The Pilgrim's Progress, 1678-1684) auf einer endlosen Pilgerreise durch alle Zeiten, irritiert er seine Umgebung nachhaltig mit seiner rätselhaften Existenz. Als Pilgrim in Zürichs Nervenklinik Burghölzli auf C. G. Jung trifft, bestätigt er dessen These eines "kollektiven Unbewussten" ebenso, wie er das Selbstverständnis des Psychiaters in seinen Grundfesten erschüttert. Im Roman verkörpert er somit das "ewige" Mysterium der Kunst, das die Wirklichkeit immer wieder neu zu hinterfragen versteht. "Niemand ist im Stande, über sich selbst die Wahrheit zu sagen", musste James deshalb zu Romanbeginn behaupten: "darum ist meine Funktion so wichtig". Und in einem Brief Pilgrims an Jung steht zum Schluss: "Die großen Schamanen unserer Tage heißen Rodin und Strawinsky. Und alle predigen nur das eine: SEHT NOCH EINMAL GENAUER HIN."
Anspielungen an große Vorbilder finden sich bei Findley reichlich -- so an Thomas Manns Der Zauberberg und dessen quasi magisch-zeitlose Sanatoriumswelt. Und so endet denn auch Der Gesandte mit jenem (vom fiktiven Jung visionär erträumten) Kriegsausbruch, in dessen Wirren die Figuren ihrem Autor verlorengehen. Die englischsprachige Literaturkritik hat das 1999 erstmals erschienene Buch denn auch den "wahrscheinlich letzten großen Roman dieses Jahrhunderts" genannt. Das ist natürlich maßlos übertrieben. Alles in allem nämlich ist Der Gesandte zwar raffinierte und gut lesbare, aber leider etwas platte Kolportage. --Thomas Köster
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Zeitreise auf Jungs Couch
Timothy Findley und sein neuer Roman «Der Gesandte»
Den ersten hatten sie verschmäht. Den zweiten hatten sie nicht gewollt. Aber wie im Märchen bescherte der dritte seinem Autor Timothy Findley 1977 den Governor General's Award for Fiction: Zehn Jahre nach Erscheinen seines Débutromans in England, da ihn in Kanada keiner drucken wollte war der Kanadier mit «The Wars» über Nacht in seiner Heimat in aller Munde. Inzwischen hat der heuer 70-Jährige insgesamt neun Romane veröffentlicht, hat Stücke und Filmskripts geschrieben, Prosabände verfasst und herausgegeben und ungefähr jede Ehrung erhalten, die ein kanadischer Schriftsteller erringen kann. Nun ist Findleys jüngster Roman, «Pilgrim» (1999), unter dem irreführenden Titel «Der Gesandte» auf Deutsch erschienen.
Verdammt
Gesandt ist er nicht, der Held dieses bizarren Buchs, sondern verdammt: verdammt dazu, durch die Jahrhunderte zu pilgern, mal als Hirtenjunge, mal als Adelsfräulein; verdammt dazu, vom Tod zu träumen und doch nie zur Ruhe zu kommen, ein Ahasver, getrieben durch alle Menschheitskatastrophen, durch Kriege, Seuchen, Hungersnöte. Oder hat er all das bloss geträumt? In seiner jüngsten Existenz jedenfalls lebt Pilgrim so sein Name als begüterter Kunsthistoriker in London. Am 17. April 1912, ein paar Tage nach dem Untergang der «Titanic», erhängt er sich in seinem Garten, und zwei Ärzte erklären ihn für tot, «so tot, wie man nur sein kann». Stunden später beginnt er wieder zur atmen: Die Qual nimmt kein Ende. Pilgrims engste Freundin, die geheimnisvolle Lady Sybil genau, eine antike Sibylle , pflegt den Verstörten und besorgt ihm einen Platz in der psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich, die zu jener Zeit von Eugen Bleuler geleitet wird und in der C. G. Jung arbeitet.
Das Zusammentreffen des unsterblichen Patienten mit seinem unsterblichen Psychologen wird sich zum mentalen Duell auswachsen. Einem Duell auf fünfhundertfünfzig Seiten, das beide Streiter buchstäblich bis aufs Hemd entblösst. Es ist eine kuriose Konstruktion, die Timothy Findley da entworfen hat, eine Konstruktion, die es dem Romancier erlaubt, mit leichter Hand im Geschichtsbuch zu blättern, um dann wieder im Seelenleben des Psychoanalytikers zu wühlen. Hatte Findley sich in seinem letzten Roman, «Die Tochter des Klavierspielers» («The Piano Man's Daughter», 1995), auf die Familiensaga der irisch-kanadischen Kilworth-Sippe konzentriert ein Nachschlag zu «The Wars», das im Ersten Weltkrieg spielt , so fliesst diesmal ein gut Teil der Kulturgeschichte Europas ganz nebenbei mit ein und gleich noch eine Erklärung für Jungs Theorie vom kollektiven Unbewussten.
Pilgrim sass im Trojanischen Krieg unter einem Sonnenschirm auf dem Wall und genoss das Schauspiel «es regnete, als Hektor starb, wussten Sie das?»; er bekam schwarze Zähne, als er im 11. Jahrhundert das Buntglas für Chartres mit Blei einfasste; er lächelte bitter als Elisabetta Gioconda, vergewaltigt und geschwängert vom homosexuellen Leonardo da Vinci; er kannte Theresia von Avila, als sie noch ein verwirrtes junges Mädchen war; er ging mit Henry James Kaffee trinken, mit Oscar Wilde und dessen letztem jungem Mann, Gilbert, ins Bordell; er schaute bei Rodin vorbei . . . Und in seinen Tagebüchern, die C. G. Jung aufgeregt und erregt verschlingt ein heimlicher Schwuler auch er? , führt Pilgrim sinnlich und unterhaltsam durch diese Geschichte(n) des privaten Lebens.
Zugegeben: Timothy Findley versteht sich auf die Kunst der Anekdote. Da spaziert Gertrude Stein mit ihrem Hund zum Jardin de Luxembourg und macht geistreiche Bemerkungen. Da seufzt Vincenzo Perugia in Paris um seine ferne Heimat Italien und stiehlt die Mona Lisa. Da erleichtern sich die Höflinge des Sonnenkönigs hinter den Portieren des Palastes, um ja ihren Platz in der königlichen Warteschlange nicht zu verlieren. Trotzdem: Literarisch überzeugend ist es nicht, dieses Potpourri aus Bettgeschichten, Seelenkrämpfen und Treppenwitzen aus den vergangenen Jahrhunderten. Die Gioconda etwa schreibt pathostriefend und weise wie eine Parze in ihrem letzten Brief an ihren Vergewaltiger Da Vinci: «Ihr habt mich ausgeräubert . . . Und dabei habt Ihr es widerwillig getan und nicht einmal Spass daran gehabt. Mein Mann seufzt wenigstens, wenn er auf mir liegt. Ihr hattet keinen Seufzer für mich . . . Nur ein einziger lauter Schrei ist mir von diesem Augenblick in Erinnerung geblieben. Es war der Schrei eines Mörders, einer Bestie, die ihre Beute reisst . . . Ihr hättet ebenso gut schreien können: Ich schlachte und werde geschlachtet!»
An der Oberfläche
Gewalt, Krieg, Einsamkeit, Überleben in einer Welt des Wahnsinns: Immer wieder hat sich Findley, zeitweise Präsident des kanadischen PEN-Klubs, mit diesen Themen auseinandergesetzt. Dennoch, ins muntere Geplätscher der Dialoge, Briefe und Tagebucheinträge von «Der Gesandte» wirft der ehemalige Schauspieler keinen Stein, der heftig aufschlägt und in die Tiefe sinkt. Eine Übersetzung kann da nur verschlimmbessern. Die packendsten erzählerischen Wellen des Romans wirft der «Zürcher Teil» auf, jene Passagen beispielsweise, die von C. G. Jungs Profilneurose, seinen Amouren, seiner Stimme im Kopf und seiner Suche nach einem neuen Verständnis des Unbewussten handeln. Oder jene Passagen, die das Burghölzli dem Zürcher bis heute ein Begriff in seiner alten Pracht auferstehen lassen, mitsamt seiner Wendeltreppe aus Marmor, seinen Suiten für die Patienten, seinen Bädern. Auch im Hotel Baur au Lac gehen wir ein und aus, goutieren die Spezialitäten des Hauses, die Atmosphäre zwangloser Elégance. Doch selbst der Arme-Leute-Duft, die Arme-Leute-Ängste im Vorkriegs-Zürich fallen nicht völlig unter den Tisch, und die Frauenfrage schon in der «Tochter des Klavierspielers» Vordergrund findet ihre Inkarnation in der Gestalt von Emma, Jungs Frau. Alles drin. Und doch kaum etwas dran.
Alexandra M. Kedve
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.