Kurzbeschreibung
Für alle Leser von Richard Laymon und Jack Ketchum
Finn lebt in totaler Finsternis – denn er ist blind. Seit dem gewaltsamen Tod seiner Frau versucht er als Lehrer an einem Internat seiner Vergangenheit zu entkommen. Bis er eine junge Frau grausam zugerichtet auf einem Friedhof findet. Mit dem Geruch von Blut kehren auch Schuld und Rache in sein Leben zurück.
Finn lebt in totaler Finsternis – denn er ist blind. Seit dem gewaltsamen Tod seiner Frau versucht er als Lehrer an einem Internat seiner Vergangenheit zu entkommen. Bis er eine junge Frau grausam zugerichtet auf einem Friedhof findet. Mit dem Geruch von Blut kehren auch Schuld und Rache in sein Leben zurück.
Über den Autor
TOM PICCIRILLI lebt in Denver, Colorado, wo er neben dem Schreiben unmäßig viel Zeit damit verbringt, Trash-Kultfilme zu sehen sowie Hardboiled-Romane zu lesen. Er ist ein Fan des asiatischen Kinos, insbesondere von Horror- und Samuraistreifen. Außerdem geht er gern mit seinen Hunden in der Nachbarschaft spazieren. Tom Piccirilli ist der Autor von zwanzig Romanen, mit denen er viermal den Bram Stoker Award gewann und auch für den World Fantasy Award nominiert wurde.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Die Schülerin
Der Geruch von Blut. Finn hält die Hand vor die Nase, aber es ist schon zu spät. Fast zärtlich durchdringt er ihn, erst wie ein Streicheln, dann stechend tief. Ein feuchtes Rot glüht in seinem Kopf. »Ah Das nächste Wort wäre »verdammt«, aber er bekommt es nicht über die Lippen. Erinnerungen drängen in sein Bewusstsein. Die Aura von Farbe und Bewegung verdichtet sich, wird klarer und nimmt allmählich Form an.
Es ist seine Frau Danielle am Morgen ihres zwölften Hochzeitstags. Sie steht nackt am Herd, wirft einen Blick über ihre sommersprossige Schulter und fragt: »Pfannkuchen oder French Toast?« Noch nass vom Duschen beugt er sich vor, schmiegt sich an ihren Hals, legt die Lippen auf ihren pochenden blauen Puls, fasst um ihre Taille nach dem straffen weichen Bauch und zieht sie auf den Küchenboden. Er mag es, die kalten italienischen Kacheln unter seinem Rücken zu spüren.
Der Blutgeschmack rinnt seine Kehle hinunter. Er hustet, und dann ist da noch ein anderes Geräusch, vielleicht ein Glucksen. Eine merkwürdig angenehme Erfahrung, fast vertraut, aber es macht ihm auch Angst. Die Ärzte sagen, das sei unmöglich. Seine Psychiaterin hält es für unwahrscheinlich, sie würde natürlich gern jeden Zweifel ausschließen und nestelt dabei an ihrem Taschentuch. Sie bekommt hundertfünfzig Dollar die Stunde - seiner Ansicht nach ist sie ihm den einen oder anderen
Zweifel schuldig, auch wenn er nur alle sechs bis acht Wochen kommt.
Sie alle räumen ein, der Geruchssinn sei eng mit dem Gedächtnis verknüpft, aber sie sagen auch, dass frisches Blut nicht riecht, weil es noch nicht oxidiert ist. Und Finn spreche ja immer von ganz kleinen Mengen. Manchmal nur ein paar Tropfen.
Sie haben Recht. Er kennt sich aus mit Blut. Er weiß, wie es fließen, spritzen oder sprudeln kann. Wie es in Ritzen sickert, wie es schmeckt, sein eigenes oder fremdes. Er war überströmt davon und hat selbst schon einiges verloren.
Jesse Ellison hat sich an der scharfen Kante der metallenen Fensterbank geschnitten und grummelt leise vor sich hin, während sie versucht, das Fenster zu schließen. Sie ist sechzehn, ein Tollpatsch und eher schlaksig, wie man an ihrem unbeholfenen Gang hört. Sie schleift mit den Füßen über den Boden, kommt häufig zu spät und platzt dann, ein oder zwei Minuten, nachdem Finn mit dem Unterricht begonnen hat, ins Klassenzimmer.
Trotz ihrer Schlaksigkeit ist sie kräftig und muskulös und hat etwas Derbes an sich. Wenn sie ihn im Vorübergehen berührt - normalerweise aus Versehen, manchmal aber auch aus jugendlicher Verwirrtheit -, spürt er eine natürliche Stärke von ihr ausgehen. Sie zupft ihn am Ärmel, um ihm durch die Flure zu helfen, und versucht dauernd, ihn zu bemuttern.
Finn stellt sich vor, dass sie große Hände mit langen, plumpen Fingern hat. Die anderen Mädchen lachen über sie. Sie erträgt ihre Sticheleien mit einer Reife, wie sie kaum eine ihrer Mitschülerinnen hat.
Wenn er an sie denkt, sieht er die Tochter des Opfers eines Familiendramas vor sich, einer der letzten Fälle, mit denen er zu tun hatte. Vater und Mutter Radiologen, Penthouse in der Park Avenue. Der Mann fand heraus, dass seine Frau es mit dem Pförtner und dem Fensterputzer trieb, und brachte sie mit einem Abflussreiniger-Cocktail um. Während Finn seine Routinefragen stellte, lief das Mädchen durchs Wohnzimmer, auf dessen Wände Schwarz-Weiß-Bilder ihrer halbnackten Eltern in provokanten Posen gemalt waren, und stieß mit dem Ellbogen Fotos vom Klavier. Sie hatte ein offenes Gesicht, leere karamellbraune Augen und schlaffe Lippen. Dieses Bild hat Finn vor Augen, wenn er Jesse begegnet.
Eiskalte Luft kommt durchs Fenster und schlägt ihm ins Gesicht. Heute Abend schneit es bestimmt wie die Hölle.
Im zweiten Stock kann er gut hören, wie unten die Schülerinnen und ihre Familien die SUVs beladen und sich zum Abschied Frohe Weihnachten wünschen. Er erkennt die Stimmen mehrerer Väter von diversen Elterngesprächen. Sie haben alle etwas latent Genervtes.
Es sind berufstätige Männer, die ihren Töchtern eine Chance im Leben geben wollen, indem sie sie auf eine Privatschule schicken. Um das Schulgeld bezahlen zu können, machen sie zwanzig bis dreißig Überstunden und arbeiten am Wochenende, und jetzt müssen sie sich einen Tag freinehmen, um ihre Kinder abzuholen und sie für die Weihnachtsferien wieder mit nach Hause zu nehmen.
An ihrem langweiligen Gerede erkennt man, dass sie alle dieselben Leiden und zweifelhaften Werte teilen, Samstagabend-Bowler, die wollen, dass ihre Töchter mal einen Mann heiraten, der etwas Besseres ist als sie. Sie brüllen und hupen sich gegenseitig an, bevor sie davonfahren.
Endlich schafft es Jesse, das Fenster zu schließen. Sie pfeift durch die Zähne, als sie ihre Wunde sieht. Er hört, wie sie sich nervös hin und her dreht und nicht weiß, was sie als Nächstes tun und wie sie die Blutung stillen soll. Ein leises mädchenhaftes Geräusch dringt aus ihrem Mund.
Finn streckt die Hand nach der Tafel aus und hält sich fest. Mit dem Geruch kommt die Wut, wie jedes Mal droht sie ihn zu übermannen. Die linke Hand umklammert den Griff seines Gehstocks. So sind schon einige in die Brüche gegangen. In seinen Händen ist noch Kraft.
Die Dunkelheit wird wieder lebendig, vor seinen Augen spult sich ab, was die Ermittler »den Vorfall« genannt haben. Er ist in seinem angeknacksten Schädel gefangen und spürt, wie der stechende Schmerz in ihm nachhallt. Es dauert einen Augenblick, bis er sich zusammenreißen und erinnern kann, wo und wer er jetzt ist.
Ich bin der Stein in der Nacht, denkt Finn. Ich zerbreche nicht.
»Zeig das mal Schwester Martell, Jesse«, sagt er mit einem natürlichen, lockeren Lächeln, das alles und nichts sagt. Er greift in die Hosentasche und holt ein Taschentuch raus. »Hier, nimm das. Sie ist doch noch in ihrem Büro, oder?«
Er weiß, dass sie noch da ist. Sonst hätte er ihren Wagen gehört. Roz Martell fährt einen klapprigen 58er Comet, der inzwischen zweimal den Kilometerzähler umrundet hat. Der Motorblock hat schon drei Brände hinter sich, und der Wagen qualmt, dass Finn die Ölrückstände in der Luft wie einen Schleier auf der Haut spürt. Wenn sie Gas gibt, knattern die Fehlzündungen wie ein Maschinengewehr, und die Mädchen fangen an zu kichern. Damals in der Stadt hat sie damit ganze Gangs von der Straße gejagt.
»Ich glaube, ja«, sagt Jesse. Mit einem schnellen Griff schnappt sie sich das Taschentuch. »Woher wussten Sie, dass ich mich verletzt habe?«, fragt sie mit dem Anflug eines Grinsens in der Stimme.
Wie die meisten Menschen ist sie beeindruckt von solchen Kunststücken. Es ist einer der Gründe, weswegen sie ein bisschen verknallt in ihn ist. Es erhebt ihn über das pure Mitleid und macht ihn fast attraktiv. Manchmal wollen die Mädchen ihn in den Arm nehmen, so wie man Babys hätschelt oder einen Liliputaner hochhebt.
Er schwingt den Gehstock und klopft auf den Stapel Bücher auf seinem Schreibtisch. »Vergiss nicht den Kerouac, den Robbins und den Vonnegut.«
»Danke, dass Sie sie mir leihen, Mr. Finn.«
»Kein Problem.«
»Ich pass drauf auf.«
»Ich weiß.«
»Sie gehen immer so gut mit Ihren Büchern um. Keine gebrochenen Buchrücken und nirgends ein einziges Eselsohr. Manche Mädchen sind so fies, die spucken in der Hausaufgabenstunde zwischen die Seiten. Das ist echt supereklig. Ihre sehen immer aus wie neu.«
Auch wenn sie Recht hat, Jesse merkt nicht, dass ihre Bemerkung absurd ist. Zum Glück. Sie sollte auf keinen Fall Angst haben, in seiner Gegenwart etwas Falsches zu sagen. Es gibt Leute, die können in seiner Gegenwart keinen Satz mit Ich beginnen, weil sie denken, sie könnten seine Gefühle verletzen.
Und trotzdem kocht die Wut in ihm, sie will raus, will das Mädchen anschreien, Ich kann verdammt nochmal nicht sehen, was zum Teufel interessieren mich noch Bücher?
Ein...
Der Geruch von Blut. Finn hält die Hand vor die Nase, aber es ist schon zu spät. Fast zärtlich durchdringt er ihn, erst wie ein Streicheln, dann stechend tief. Ein feuchtes Rot glüht in seinem Kopf. »Ah Das nächste Wort wäre »verdammt«, aber er bekommt es nicht über die Lippen. Erinnerungen drängen in sein Bewusstsein. Die Aura von Farbe und Bewegung verdichtet sich, wird klarer und nimmt allmählich Form an.
Es ist seine Frau Danielle am Morgen ihres zwölften Hochzeitstags. Sie steht nackt am Herd, wirft einen Blick über ihre sommersprossige Schulter und fragt: »Pfannkuchen oder French Toast?« Noch nass vom Duschen beugt er sich vor, schmiegt sich an ihren Hals, legt die Lippen auf ihren pochenden blauen Puls, fasst um ihre Taille nach dem straffen weichen Bauch und zieht sie auf den Küchenboden. Er mag es, die kalten italienischen Kacheln unter seinem Rücken zu spüren.
Der Blutgeschmack rinnt seine Kehle hinunter. Er hustet, und dann ist da noch ein anderes Geräusch, vielleicht ein Glucksen. Eine merkwürdig angenehme Erfahrung, fast vertraut, aber es macht ihm auch Angst. Die Ärzte sagen, das sei unmöglich. Seine Psychiaterin hält es für unwahrscheinlich, sie würde natürlich gern jeden Zweifel ausschließen und nestelt dabei an ihrem Taschentuch. Sie bekommt hundertfünfzig Dollar die Stunde - seiner Ansicht nach ist sie ihm den einen oder anderen
Zweifel schuldig, auch wenn er nur alle sechs bis acht Wochen kommt.
Sie alle räumen ein, der Geruchssinn sei eng mit dem Gedächtnis verknüpft, aber sie sagen auch, dass frisches Blut nicht riecht, weil es noch nicht oxidiert ist. Und Finn spreche ja immer von ganz kleinen Mengen. Manchmal nur ein paar Tropfen.
Sie haben Recht. Er kennt sich aus mit Blut. Er weiß, wie es fließen, spritzen oder sprudeln kann. Wie es in Ritzen sickert, wie es schmeckt, sein eigenes oder fremdes. Er war überströmt davon und hat selbst schon einiges verloren.
Jesse Ellison hat sich an der scharfen Kante der metallenen Fensterbank geschnitten und grummelt leise vor sich hin, während sie versucht, das Fenster zu schließen. Sie ist sechzehn, ein Tollpatsch und eher schlaksig, wie man an ihrem unbeholfenen Gang hört. Sie schleift mit den Füßen über den Boden, kommt häufig zu spät und platzt dann, ein oder zwei Minuten, nachdem Finn mit dem Unterricht begonnen hat, ins Klassenzimmer.
Trotz ihrer Schlaksigkeit ist sie kräftig und muskulös und hat etwas Derbes an sich. Wenn sie ihn im Vorübergehen berührt - normalerweise aus Versehen, manchmal aber auch aus jugendlicher Verwirrtheit -, spürt er eine natürliche Stärke von ihr ausgehen. Sie zupft ihn am Ärmel, um ihm durch die Flure zu helfen, und versucht dauernd, ihn zu bemuttern.
Finn stellt sich vor, dass sie große Hände mit langen, plumpen Fingern hat. Die anderen Mädchen lachen über sie. Sie erträgt ihre Sticheleien mit einer Reife, wie sie kaum eine ihrer Mitschülerinnen hat.
Wenn er an sie denkt, sieht er die Tochter des Opfers eines Familiendramas vor sich, einer der letzten Fälle, mit denen er zu tun hatte. Vater und Mutter Radiologen, Penthouse in der Park Avenue. Der Mann fand heraus, dass seine Frau es mit dem Pförtner und dem Fensterputzer trieb, und brachte sie mit einem Abflussreiniger-Cocktail um. Während Finn seine Routinefragen stellte, lief das Mädchen durchs Wohnzimmer, auf dessen Wände Schwarz-Weiß-Bilder ihrer halbnackten Eltern in provokanten Posen gemalt waren, und stieß mit dem Ellbogen Fotos vom Klavier. Sie hatte ein offenes Gesicht, leere karamellbraune Augen und schlaffe Lippen. Dieses Bild hat Finn vor Augen, wenn er Jesse begegnet.
Eiskalte Luft kommt durchs Fenster und schlägt ihm ins Gesicht. Heute Abend schneit es bestimmt wie die Hölle.
Im zweiten Stock kann er gut hören, wie unten die Schülerinnen und ihre Familien die SUVs beladen und sich zum Abschied Frohe Weihnachten wünschen. Er erkennt die Stimmen mehrerer Väter von diversen Elterngesprächen. Sie haben alle etwas latent Genervtes.
Es sind berufstätige Männer, die ihren Töchtern eine Chance im Leben geben wollen, indem sie sie auf eine Privatschule schicken. Um das Schulgeld bezahlen zu können, machen sie zwanzig bis dreißig Überstunden und arbeiten am Wochenende, und jetzt müssen sie sich einen Tag freinehmen, um ihre Kinder abzuholen und sie für die Weihnachtsferien wieder mit nach Hause zu nehmen.
An ihrem langweiligen Gerede erkennt man, dass sie alle dieselben Leiden und zweifelhaften Werte teilen, Samstagabend-Bowler, die wollen, dass ihre Töchter mal einen Mann heiraten, der etwas Besseres ist als sie. Sie brüllen und hupen sich gegenseitig an, bevor sie davonfahren.
Endlich schafft es Jesse, das Fenster zu schließen. Sie pfeift durch die Zähne, als sie ihre Wunde sieht. Er hört, wie sie sich nervös hin und her dreht und nicht weiß, was sie als Nächstes tun und wie sie die Blutung stillen soll. Ein leises mädchenhaftes Geräusch dringt aus ihrem Mund.
Finn streckt die Hand nach der Tafel aus und hält sich fest. Mit dem Geruch kommt die Wut, wie jedes Mal droht sie ihn zu übermannen. Die linke Hand umklammert den Griff seines Gehstocks. So sind schon einige in die Brüche gegangen. In seinen Händen ist noch Kraft.
Die Dunkelheit wird wieder lebendig, vor seinen Augen spult sich ab, was die Ermittler »den Vorfall« genannt haben. Er ist in seinem angeknacksten Schädel gefangen und spürt, wie der stechende Schmerz in ihm nachhallt. Es dauert einen Augenblick, bis er sich zusammenreißen und erinnern kann, wo und wer er jetzt ist.
Ich bin der Stein in der Nacht, denkt Finn. Ich zerbreche nicht.
»Zeig das mal Schwester Martell, Jesse«, sagt er mit einem natürlichen, lockeren Lächeln, das alles und nichts sagt. Er greift in die Hosentasche und holt ein Taschentuch raus. »Hier, nimm das. Sie ist doch noch in ihrem Büro, oder?«
Er weiß, dass sie noch da ist. Sonst hätte er ihren Wagen gehört. Roz Martell fährt einen klapprigen 58er Comet, der inzwischen zweimal den Kilometerzähler umrundet hat. Der Motorblock hat schon drei Brände hinter sich, und der Wagen qualmt, dass Finn die Ölrückstände in der Luft wie einen Schleier auf der Haut spürt. Wenn sie Gas gibt, knattern die Fehlzündungen wie ein Maschinengewehr, und die Mädchen fangen an zu kichern. Damals in der Stadt hat sie damit ganze Gangs von der Straße gejagt.
»Ich glaube, ja«, sagt Jesse. Mit einem schnellen Griff schnappt sie sich das Taschentuch. »Woher wussten Sie, dass ich mich verletzt habe?«, fragt sie mit dem Anflug eines Grinsens in der Stimme.
Wie die meisten Menschen ist sie beeindruckt von solchen Kunststücken. Es ist einer der Gründe, weswegen sie ein bisschen verknallt in ihn ist. Es erhebt ihn über das pure Mitleid und macht ihn fast attraktiv. Manchmal wollen die Mädchen ihn in den Arm nehmen, so wie man Babys hätschelt oder einen Liliputaner hochhebt.
Er schwingt den Gehstock und klopft auf den Stapel Bücher auf seinem Schreibtisch. »Vergiss nicht den Kerouac, den Robbins und den Vonnegut.«
»Danke, dass Sie sie mir leihen, Mr. Finn.«
»Kein Problem.«
»Ich pass drauf auf.«
»Ich weiß.«
»Sie gehen immer so gut mit Ihren Büchern um. Keine gebrochenen Buchrücken und nirgends ein einziges Eselsohr. Manche Mädchen sind so fies, die spucken in der Hausaufgabenstunde zwischen die Seiten. Das ist echt supereklig. Ihre sehen immer aus wie neu.«
Auch wenn sie Recht hat, Jesse merkt nicht, dass ihre Bemerkung absurd ist. Zum Glück. Sie sollte auf keinen Fall Angst haben, in seiner Gegenwart etwas Falsches zu sagen. Es gibt Leute, die können in seiner Gegenwart keinen Satz mit Ich beginnen, weil sie denken, sie könnten seine Gefühle verletzen.
Und trotzdem kocht die Wut in ihm, sie will raus, will das Mädchen anschreien, Ich kann verdammt nochmal nicht sehen, was zum Teufel interessieren mich noch Bücher?
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