Buchdeckelreportagen
Werner van Gent über Kurdistan und Kosovo
Reportagen, aneinander gereiht und zwischen zwei Buchdeckel geklemmt, verändern ihren Charakter. Sie werden gewichtiger, weisen über den Tag hinaus, und ihr Anspruch wird zeithistorisch oder literarisch. Das ist riskant. Werner van Gent, langjähriger Südosteuropa-Korrespondent des «Tages-Anzeigers» sowie von Radio und Fernsehen DRS, geht mit seinem Buch noch einen Schritt weiter. Er versammelt Reportagen aus zwei Bürgerkriegen, jenem im Irak seit den späten 80er Jahren und jenem in Kosovo seit Ende der 90er Jahre, und montiert sie alternierend. Er wählt also eine Konstruktion, die den Vergleich ermöglicht, eigentlich sogar verlangt. Damit steigt das Risiko zusätzlich. Dass van Gent dabei nicht einfach scheitert, beweist seine Qualitäten als Reporter, der Anschauung und Analyse geschickt kombiniert. Dass das Resultat nicht immer überzeugt, liegt an vielen ungefähren Andeutungen und unausgeführten Beurteilungen, die zum «flüchtigen» Charakter einer Reportage gehören, manchmal sogar ihren Charme ausmachen. Im Buch dagegen vermisst man neben den spannenden Durchblicken, die es dem Leser verschafft, einen wirklich vergleichenden Überblick über das, was der bizarre Untertitel als «die humanitären Kriege in Kurdistan und Kosovo» bezeichnet.
Bei Saddams Opfern
Aber man lernt viel. Van Gent gehört nicht zu den Korrespondenten, die vom sicheren hauptstädtischen Horchposten aus elektronisch gut vernetzt «ihr» Territorium überwachen. Er ist sur place 1988 in den riesigen Flüchtlingslagern im Grenzgebiet zwischen der Türkei und dem Irak, in denen Zehntausende von Kurden vor den Gasangriffen Saddams Schutz suchen. Und er ist einer der ersten Journalisten, denen sie ihre Schreckensgeschichten preisgeben. Im Westen glaubt man sie nur ungern, denn Saddam ist der Feind des Feindes Iran. Van Gent geht nahe hin zum Geschehen, dazu zwingt ihn seine Kamera. Eigentlich widersteht ihm das, und so schildert er fast obsessiv immer wieder die «Gerüche des Grauens», die über den geflohenen, hoffnungslosen Menschen schweben und seine Psyche malträtieren: brennender Müll, stinkende Fäkalien, faulende Esswaren und manchmal verwesende Menschenleiber.
Zwiespältiges Bild des Westens
Er ist auch im Gebiet von Drenica am Ort und schreibt über das Katz-und-Maus-Spiel von UCK und serbischer Polizei. Er analysiert die Eskalation des Konflikts im Herbst 1998, nachdem auf amerikanische Initiative die UCK zur Befreiungsbewegung aufgewertet worden ist und Europa es versäumt hat, die kompromissfähigen Kräfte auf beiden Seiten zu stützen. Er schildert den Aufbau der westlichen Drohmaschinerie, mit der sich die Nato «festblufft» und in einen Krieg gerät, dessen Ziel ihr immer wieder abhanden kommt: Zuerst soll der grosse Diktator zur Unterzeichnung des Vertrags von Rambouillet gezwungen werden, dann soll die «humanitäre Katastrophe» verhindert, dann gestoppt, schliesslich rückgängig gemacht werden. Und heute, retrospektiv, legitimiert der Aufbau eines multiethnischen Kosovo den Krieg. Mit spitzer Feder weist der Autor auf die Kluft zwischen den volltönenden Verlautbarungen der internationalen Administratoren und der traurigen Realität einer nur oberflächlich zivilisierten Bürgerkriegsgesellschaft hin, in der vor allem eines fehlt: die Herrschaft des Gesetzes. Vielleicht unterschätzt er dabei die Schwierigkeiten, die ein Protektorat mit sich bringt, das als demokratischer Lehrmeister sich selber abschaffen soll, ohne angeben zu können, was danach kommt.
Eher unergiebig ist van Gents Medienkritik: Die Medienmeute sind immer die andern. Natürlich gibt es viele und gute Gründe, die Rolle der Medien in den beiden Bürgerkriegen und im speziellen vor und während der Nato-Intervention in Jugoslawien zu kritisieren. Aber es bringt wenig, die Voreingenommenheit von Journalisten zu kritisieren, ihre Sucht, die Welt in Gut und Böse einzuteilen, und das rücksichtslose Benehmen, wenn der Scoop lockt. Denn was sie antreibt, bleibt im Dunkeln. Interessant sind ja nicht die raufenden Reporter, sondern ist die Entwicklung eines Marktes, der «News» immer schneller umsetzt und klare Vorstellungen darüber hervorbringt, was Nachrichtenwert hat. Darüber und über die Wirkungen der entsprechenden Kriegsberichterstattung erfährt man zu wenig.
Beobachtung und Urteil
Van Gent ist ein Moralist. Dagegen ist nichts einzuwenden, zumal sein Urteil vorsichtig ist und er als genauer Beobachter feststellt, dass sich Opfer und Täter oft erschreckend gleichen. Aber auf der Suche nach Verantwortlichen und den politischen Prozessen, die zu den Katastrophen in Kosovo und im Kurdengebiet führen, löst sich die Trennschärfe seiner Beobachtungen ein Stück weit auf. Hinter der Ereignisbühne walten anonyme Mächte wie «die Welt» (die wegschaut), «der Westen» (der den Krieg vom Zaun bricht) oder «die USA» (ohne die nichts geht). Es ist schade, dass der Autor hier nicht ebenso genau hinschaut wie bei seinen Berichten aus dem Kriegsgebiet. Der politische Ertrag der moralischen Empörung wäre ungleich grösser. Aber eben: Vielleicht ist der Anspruch auf noch mehr Präzision nur die Folge davon, dass van Gent seine ausgezeichneten Reportagen zwischen zwei Buchdeckel geklemmt hat.
Andreas Ernst