Als Clara, ein Mädchen aus reichem Hause, den jungen Edwin kennen lernt, ist er arm wie eine Kirchenmaus und hat nur eines im Kopf: Musik, moderne Musik von Komponisten, die in den 20er-Jahren noch kein Mensch kennt. Sie arbeitet für ihn und liebt ihn mit der gleichen Hingabe wie er seine Musik. Er ahnt nichts von dieser Liebe, heiratet eine andere, wird berühmt. Claras Leben hingegen zerbricht, ihre Liebe zu Edwin wird zur stummen Besessenheit, von der nie jemand etwas erfährt.
Urs Widmer wurde 1938 in Basel geboren und arbeitet seit 1968 als freier Autor. Seine Romane gewannen zahlreiche Preise, für das Stück Top Dogs bekam Widmer 1997 den Mühlheimer Dramatikerpreis sowie den 3Sat-Innovationspreis. Außerdem wurde er in der Kritiker-Umfrage der Fachzeitschrift Theater Heute zum Dramatiker des Jahres 1997 gewählt. Der Geliebte der Mutter ist die Lebensgeschichte einer Frau, die nach ihrem Tod von ihrem Sohn aufgezeichnet wurde. Das Buch führt in eine Welt voller Gefühle und unerwiderter Leidenschaft, in der der Schmerz der Mutter jedoch nie pathetisch dargestellt wird. Vielleicht liegt es an der Distanz, in der ihr Leiden geschildert wird, vielleicht ist es aber auch die Unerschrockenheit mit der die Mutter ihr Leben führt, ihre emotionale Kraft, die selbst ihr "ich kann nicht mehr" zu einem Ausdruck der Selbstbehauptung macht. Urs Widmer wird zu Recht in einem Atemzug mit Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt genannt. Seine Sprache ist leicht und weiß doch um die Abgründe menschlichen Daseins. Sein Sprachwitz und seine gelassene Heiterkeit machen Der Geliebte der Mutter zu einem Werk, in dem auch zerstörerischen Gefühlen der nötige Respekt gezollt wird. --Bettina Wenzel
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Der Verrat am Stoff
Urs Widmers Roman «Der Geliebte der Mutter»
Man soll sich bloss nicht in die Irre führen lassen. «Der Geliebte der Mutter» lautet zwar der Titel von Urs Widmers neuem Roman. Doch von dem, der hier so prominent genannt wird, handelt der Roman zwar auch, mitunter ganz plakativ, im Grunde aber bleibt er eine Randfigur. Und er war, streng genommen, noch nicht einmal der Geliebte der Mutter, war es, wenn überhaupt, für ein paar Nächte. Dass ihn die Mutter dann ein Leben lang unglücklich geliebt hat, das ist eine andere Geschichte. Davon möchte möchte! Urs Widmer erzählen.
«Die Geschichte ist erzählt. Diese Geschichte einer Leidenschaft, einer sturen Leidenschaft. Dieses Requiem. Diese Verneigung vor einem schwer zu lebenden Leben.» So heisst es in einer etwas stutzig machenden Behauptung gegen den Schluss hin, nachdem der Ich-Erzähler den Tod seiner Mutter detailgenau geschildert hatte. Sie sei, als 82-Jährige, aus dem Fenster gesprungen und unten, diese Ausschmückung scheint unerlässlich zu sein, auf dem Dach eines Fiat 127 aufgeschlagen, dessen Besitzer sich in der Folge, auch das wird uns nicht vorenthalten, ein Jahr lang mit der Versicherung der Toten um die Schadenssumme gestritten haben soll.
Theatralik
Das Sterben scheint bei Urs Widmer ohnehin eine zum Kuriosen neigende, theatralische Angelegenheit zu sein. Gleich reihenweise und wie Pappfiguren kippt der Autor das Personal aus dem Roman. «Er sank um», heisst es gleich zu Beginn, wenn in einer Vorwegnahme der Tod Edwins, des sogenannt Geliebten, erzählt wird. Der Grossvater des Ich-Erzählers «krachte», als ihm die Stunde schlug, «zu Boden»; der Urgrossvater «stürzte tot in den Schnee». Einem Herrn Kern geht es nicht besser: «Er wandte sich jäh um (. . .) und stürzte zu Boden. Tot.» Und auch der Vater des Erzählers, von dem im Übrigen nie die Rede war, ist «plötzlich tot». Da muss, so argwöhnt man, etwas faul sein und nicht nur sprachlich.
Doch der Reihe nach. Urs Widmer erzählt von einem grossen Dirigenten und noch grösseren Mäzen, der zwar Edwin heisst, offenkundig am Zürichsee lebt und durch Heirat mit der Tochter eines Maschinenfabrikanten zu grossem Vermögen kommt, der indessen keinen Geringeren als den im vergangenen Jahr verstorbenen Paul Sacher vorstellen soll. Erzählt wird ausserdem die Geschichte der unerfüllten Liebe der Mutter des Ich-Erzählers zu besagtem Dirigenten. Und schliesslich handelt der Roman von Mutters «Art», wie es mehrfach heisst, will sagen von ihrer unaufhaltsamen Neigung zum Tod hin.
Das Buch ist mithin all dies und noch manches mehr und ist gerade deswegen weder richtig dies noch ganz das, ganz zu schweigen von «Requiem» oder «Verneigung». Doch ohne jede Einschränkung gilt: Zwischen den Zeilen liest man von dem Verrat an einem Stoff, der dem Autor womöglich naheging. Nun hat er ihn auf Distanz gebracht. Die Geschichte dieses «schwer zu lebenden Lebens», an der dem Erzähler nach eigenem Bekunden so viel liegt: Sie geht hinter einer üppigen Staffage aus Fakten und Ausschmückungen, Ab- und Ausschweifungen verloren.
Was ist für den Roman gewonnen, wenn es sich um eine in der Öffentlichkeit bekannte Person handelt, mit der diese Mutter für kurze Zeit eine Beziehung unterhält, die nur aus Verlegenheit als ein Liebesverhältnis zu bezeichnen ist, aus der eine unerwünschte Schwangerschaft, eine Abtreibung und danach eine lebenslängliche unterwürfige Leidenschaft hervorgeht? Hätte die Rolle nicht ebenso gut ein namenloser Klempner, Klavierlehrer oder Chirurg übernehmen können? Man komme uns nicht mit historischer Wahrheit: Hier haben zumal im Falle Paul Sachers die Boulevardmedien längst und durchaus unverblümt ihres Amtes gewaltet.
Und man komme uns noch weniger mit Authentizität: Die Überzeugungskraft der Kunst ist kein Surrogat des Authentischen. Sie entsteht allein aus der Verwandlung der Stoffe. Aus einem Paul einen Edwin zu machen, ihn nach Zürich zu versetzen und das von Paul Sacher 1926 gegründete Basler Kammerorchester Junges Orchester zu nennen, das reicht dazu noch längst nicht aus. Aber es genügt, um das Augenmerk sowohl des Lesers wie des Autors von einer vielleicht ergreifenden Geschichte auf letztlich belanglose Nebenschauplätze zu lenken.
Statt also den Stoff zu verwandeln, reichert Urs Widmer ihn an. Die Geschichte der Mutter verlängert er bis zu einem geradezu mythischen Ururgrossvater, der aus Afrika ins Piemontesische eingewandert sein soll (um daselbst schlagartig das Zeitliche zu segnen). Bietet allein schon diese Familiengeschichte übermässige Gelegenheit zu unabsehbaren Verästelungen des Erzählstrangs, so drängen sich naturgemäss rund um Edwins Orchester, für das die Mutter des Erzählers als «Mädchen für alles» arbeitet, die Anlässe zu erzählerischen Abschweifungen und renommistischem name dropping geradezu auf.
Sorglose Sprache
Auf was für Abwege den Autor dieses Ausweichen auf Nebenschauplätze führt, zeigt sich in einer Szene, die vom Tod der mit der Mutter befreundeten Orchestercellistin handelt. Nachdem die Musikerin längst aus dem Lebenskreis der Mutter getreten ist, trägt der Erzähler nach, sie sei in Berlin schwanger und «mitten aus einem Konzert heraus» von der Gestapo verhaftet worden; «im Schneeregen» habe sie in Treblinka einen «frostharten Acker» umgraben müssen, worauf sie von einem Aufseher erschlagen worden sei.
Solcherart bei der Zeitgeschichte geborgte tragische Dramatik kann die Arbeit am Stoff nicht ersetzen, sie könnte sie allenfalls begleiten. Hier indessen schwebt die Episode unmotiviert und ohne Bezug zum Erzählten im Leeren und macht ausserdem auf ein Zweites aufmerksam: Urs Widmer vertraut vom «Schneeregen» bis zum «frostharten Acker» zu sehr und zu oft aufs Klischee. Sprachlich ist ihm das Erstbeste meistens gut genug. Bei ihm sind die Blicke «vernichtend», die Oktavgriffe «kraftvoll» und die Stimme «schneidend». Es wird «dröhnend» gelacht, Röcke «wehen», und die Augen «funkeln», sofern sie nicht, wie indessen meistens, gerade «glühen». Auch sonst glüht vieles: der Himmel, die «Hitze im Hirn», das Entsetzen, der August; weiterhin glüht man entweder «vor Freude», oder man ist von dem Erlebten «durchglüht». So verdirbt auch noch eine sorglose Sprache den prekären Stoff.
Nur einmal erleben wir Urs Widmers Prosa auf der Höhe der Kunst, und nur dieses eine Mal lässt uns der Erzähler ganz nah an seine Mutter heran. Er schildert die Rückkehr der Mutter aus einer psychiatrischen Klinik, wo sie nach einem Nervenzusammenbruch mit Elektroschocks «behandelt» worden war. Innerlich ausgebrannt, nach aussen hin ohne Regung, betäubt sich die Mutter mit Gartenarbeit. In fiebriger Besessenheit pflanzt, hegt und erntet sie. Taub für jedes Gefühl und stumm gräbt sie sich in ihre Einsamkeit ein. Was um sie herum und in der Welt vorgeht: Sie nimmt davon keine Notiz. «Hitler griff Russland an, und die Mutter setzte Zwiebeln. Hitler belagerte Moskau. Die Mutter riss Rüben aus.»
In dieser grellen Verklammerung wird der Mutter eine Schlinge um den Hals gelegt; noch liegt sie zwar ganz locker, aber man ahnt, wie sie sich immer enger zusammenziehen wird. Vieles wurde zuvor von den seelischen Qualen der Mutter gesagt und behauptet; nun im Unausgesprochenen erhält das Unglück eine überzeugende Gestalt. Diese etwas mehr als sieben Seiten geben eine Ahnung, was aus dem Stoff hätte entstehen können.
Roman Bucheli
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.