Es ist entschieden ein ungewöhnliches Ereignis, aus deutscher Feder ein Stück italienischer Verlagsgeschichte dargestellt zu sehen; zumal wenn es sich um ein so entscheidendes Stück handelt, das zudem so farbig, lebhaft und kenntnisreich dargestellt ist.
Maike Albath erzählt, wie der Einaudi-Verlag und seine spezifische Verlagskultur aus der von Unternehmen wie Fiat und Olivetti geprägten Turiner Industrielandschaft hervorging. Ich fühlte mich oft an die linke und zugleich wohlhabende Kulturschickeria wie in Hamburg erinnert.
Die Ginzburgs und Cesare Pavese stehen im Mittelpunkt, aber auch Elsa Morante und anderen gilt der äußerst kenntnisreiche Blick der Autorin. Man müßte wissen, wie diese bekannten Autoren als Lektoren gewesen sind. Dazu erfahren wir nicht viel. Wir hören nur, daß Pavese Lampedusa ablehnte, daß Calvino Vorbehalte gegen Pasolini hatte. Solche Rotten Rejections erinnern an Gides Urteil über Proust. Gide war Lektor, lehnte Proust's Manuskript ab und bereute dies später.
Abgesehen von der mangelnden Analyse der Lektoratstätigkeiten dieser Einaudi-Prominenz bietet die Autorin jedoch scharfsinnige Analysen der Persönlichkeiten. Auch sie freilich vermag Pavese's Selbstmord nicht zu erklären, gibt aber eine Lesart. Scheinen sich auch ihre Reflexionen über Pavese's Sexualität auf den ersten Blick naiv auszunehmen (S. 113), heißt es vier Seiten später bündig und überzeugend: »'er hatte alles geschrieben, was er schreiben wollte.«
Weniger zutreffend, aber unvergeßlich ist folgende Bemerkung von Elsa Morante: »Pavese war geizig, er war so geizig, daß er sogar mit seinem Samen geizte.«
Mir ist nicht klar, was es bringen soll, die italienischen Zitate in dt. Übersetzung wiederzugeben (bei Gedichten mit Original, immerhin). Will sich die Autorin als Übersetzerin aus dem Italienischen empfehlen? Niemand bezweifelt, daß sie das kann, aber der Geschmack des Originals geht verloren, der isb. bei Pavese sehr spezifisch ist.
Die Wahl der staatlich oktroierten »Neuen Rechtschreibung« müßte nicht sein. Als ich auf's Gymnasium kam, wollte man mich auch umschulen. Ich habe mich geweigert, »Schifffahrt«, »Schloss«, »dass« und ähnlichen Unsinn zu schreiben und schlechte Noten kassiert, bis meine Lehrer es aufgegeben haben.
Den falschen Genitiv auf S. 31 (Abs. 2, Z. 7) hätte aber auch mein Deutschlehrer Günter Fischer angestrichen.
Und da wir gerade dabei sind: »Man regiere ein Land nicht mit dem Vaterunser, sondern ebenso mit Repression'« (S. 35) Fehlt hier das »nur«? Jedenfalls ergibt der Satz keinen Sinn. Grammatische Fehler können tödlich sein; (etwa wenn sie sich in Protokollen von Zeugenaussagen in Staaten befinden, in denen es noch die Todesstrafe gibt).
Ebenfalls keinen Sinn ergibt ein Satz auf S. 100: »Ähnlich wie für Faulkner, D. H. Lawrence und T. S. Eliot war er stark von James Frazer's The Golden Rough (1890) geprägt.«
Mme sprich von sich selbst nur im pluralis majestatis. Und meist von Konjunktionen läßt sie sich zu Scheinanalogien und logischen Sprüngen verleiten, manche Textpassagen folgen unvermittelt aufeinander. So erkennt man nur mit Mühe, warum auf SS 45f Pavese's Brieferl an eine Soubrette eingefügt ist. Diese Amoure, die keine war, wirkt in das Kapitel hineinforciert, ohne daß aus dem Zusammenhang hervorginge, warum das so sein muß. Hier wirkt die Schreibart der Autorin vom Journalismus ausgeleiert. Widmete sie sich allein der Kulturhistoriographie, könnte sie große Leistungen vollbringen, wenn sie zugleich auf journalistische Arbeit verzichtete.
Nicht ganz frei ist Meike Albath zudem von einem Übel, dem viele Autoren erliegen: Der retrospektiven Intentionszuschreibung. »Es muß diese atomsphärische Mischung gewesen sein, die Ginzburg, Einaudi und Pavese bewog, selbst etwas auf die Beine zu stellen.« (S. 38) Muß es? Forse che sì, forse che no.
»177 kamen während der Verbannung ums Leben.» (S. 64) Nicht besonders viel bei 17.000 Verbannten; vor allem bleibt offen, ob es sich schlicht um Sterbefälle oder mit der Verbannung zusammenhängende gewaltsame Tode handelte. »Ums Leben kommen« bezeichnet doch im dt. Sprachgebrauch den gewaltsamen Tod, dies wird hier aber nicht klar.
Und dann spricht die Autorin von einer »Schlüsselfigur« (S. 83) die durch ihre Kontakte zum Verlegerverband Papierzuteilung im Krieg ermöglicht. Hier teilt sie uns aber nicht mit, um wen es sich handelt und wirft damit die Frage auf, ob hier bewußt ein Name verschwiegen wird.
Zeittafel und Register fehlen, wären aber vonnöten. Dafür ist das Buch wunderbar gedruckt, gebunden und ausgestattet. Ästhetisch, schlicht und geschmackvoll. Man muß auch loben, daß die Autorin unter 200 S. bleibt und ihr Thema prägnant abhandelt.
Gut unterhalten und angeregt habe ich dies Buch in einem Zug gelesen und hoffe, die Autorin wird noch weitere Monographien dieser Art veröffentlichen.
Ich mußte aber fragen: What''s the point? Worum ging es ihr überhaupt? Warum hat sie das Buch geschrieben? Es wird rein dokumentiert oder erzählt, ohne daß eine These dieser interessanten Monographie eine plausible Stichrichtung verliehe.
Dennoch ist dieser Band zweifellos ein Ereignis und wird hoffentlich bald auch ins Italienische übersetzt, denn im dt. Sprachraum dürfte es nur Spezialisten interessieren, während es für Italiener einen wichtigen Teil ihrer Kulturgeschichte darstellt. Es wird in Italien zehn Mal mehr Leser finden als in Deutschland. Denn in Deutschland ist es ein Minderheitenprogramm, hier in Italien jedoch ein nationales Thema.