Zum Buch
Amy Tan erzählt auf über 530 Seiten in der Ich-Form der Bibi Chen. Als guter Geist berichtet also Madame Chen von ihrem Tod, ihren amerikanischen Freunden und der ursprünglich geplanten Bildungsreise nach Burma. Sie tut das anfänglich heiter und humorvoll mit ein paar witzigen Sondereinlagen.
Dann beschreibt sie ausführlich jeden einzelnen Charakter ihrer 12 Freunde. Und erst, als der Leser alle ausreichend gut kennt, die Umstände zu ihrem Tod bekannt, aber nicht aufgeklärt sind und ihre Freunde sich beschließen, die Reise auch ohne sie anzutreten, da beginnt das Abenteuer eigentlich erst. Also nach weit über der Hälfte der Seiten. Es folgen Anekdoten aus dem Dschungel, Berichte über Burma und das Militär und schließlich das spurlose Verschwinden ihrer Freunde, welches sie als Geist munter mitverfolgt und welches sich schlussendlich auch zur Zufriedenheit aller auflöst.
Meine Meinung
Ich bin hin und her gerissen von diesem Buch. Erwartet habe ich definitiv etwas anderes. Der Klappentext ist zwar eindeutig, aber er führt trotzdem etwas in die Irre. Es geht mit dem Abenteuer ja erst los, nach über 250 Seiten. Vorher die Todesumstände und Erzählungen über Madame Chen, ihre Familie und der Grund, wie sie nach Amerika gekommen sind. Dann die Einführung in die einzelnen Charaktere (12 an der Zahl) und dann der Reisebeginn.
Das war mir persönlich etwas zu langatmig und ausführlich in dem Moment.
Dann ist man aber wieder abgelenkt von der Einreise nach Burma. Amy Tan bildet den Leser gezielt und gekonnt weiter in Sachen burmesischer Vegangenheit, Militärregime, dem Leben dort, den Dingen, die im Argen liegen, den Aufständen, den religiösen Besonderheiten (Nats), etc. Also durchaus interessant, all diese Dinge über Burma, seine Führung, seine Menschen, seine Bräuche und dergleichen zu erfahren. Alles aus dem Munde von Madame Chen, die Burma schon einmal bereist hat und dem Leser so mehr erzählen kann, als was er über die Einreise und weitere Reise ihrer Freunde erfährt. So ziehen sich über 100 Seiten, die schnell vergehen und endlich das Abenteuer ankurbeln, welches abzusehen ist und um Seite 250 dann auch aktiv losgeht. Die Hälfte ist also gelesen. Mit meiner Meinung nach z. T. überflüssigen Erzählungen, was die vorherige, ausführliche Charakterbeschreibung der "Amerikaner" angeht. Sie erklären sich nämlich durch ihre raumgreifenden Dialoge, ihre Unterhaltungen und Gedankengänge von selbst. Man lernt jeden einzelnen in der zweiten Hälfte so gut kennen, dass alles vorher, nicht hätte sein müssen. Die Charaktere offenbaren sich von selbst durch ihr Handeln und die Kommunikation.
Abschließend möchte ich also sagen, dass dieses Buch durchaus 150 Seiten weniger hätte haben können, was ihm keinen Abbruch getan hätte. Andererseits muss ich ehrlich sagen, dass es mit den 150 Seiten mehr aber nicht schlecht ist und die Leser sicherlich sehr zufriedenstellt, die eben gerne sehr viel über alle möglichen Charaktere erfahren möchten. Aber für das Abenteuer und die eigentliche Geschichte ist das unrelevant und hätte weggelassen werden können. Es hat den Beginn also nur verzögert, von dem im Inlet gesprochen wurde.
Ich würde also sagen - durchaus Unterhaltsam. Bin mir aber sicher, dass es vielen anderen deutlich besser gefallen wird, die diese Art Bücher lieben, mit ihren raumgreifenden Ausschmückungen und Erzählungen. Ich bin, ehrlich gesagt, wahrscheinlich zu sehr auf zügiges Voranschreiten aus den Krimis und Thrillern, die ich lese, verwöhnt. Das sollte man berücksichtigen und lieber einen Stern draufpacken auf meine Beurteilung.