Mit dieser Warnung wiesen die Kartographen des Römischen Reiches auf Gebiete jenseits der Grenzen hin, die noch nicht erkundet worden waren, und lieferten dergestalt auch gleich eine Vermutung über den Grund dieses Desideratums.
Der Verweis auf die Löwen zeugt von Angst vor unbekannten Gefilden und ihren möglichen Bewohnern, wobei das bewunderte und gefürchtete Raubtier nicht immer im Dunkel eines undurchdringlichen Dickichts oder einer unerforschten Höhle lauern muß, sondern auch - Joseph Conrads grandioser Roman "Heart of Darkness" (1899) macht dies in eindringlichen Bildern klar - im Innern der menschlichen Seele hausen kann.
In Stephen Hopkins' Film "The Ghost and the Darkness" (1996) geht es zwar um zwei Löwen aus Fleisch und Blut, doch scheint sich hinter diesen Menschenfressern noch ein dunkleres Geheimnis zu verbergen - immerhin werden die Löwen von den Einheimischen ehrfurchtsvoll auf die Namen "Ghost" und "Darkness" getauft -, so daß die Geschichte des Protagonisten und seiner Jagd auf die bedrohlichen Tiere als Kommentar auf die europäische Kolonisierung der Welt gelesen werden kann.
Hopkins erzählt die auf authentischen Ereignissen beruhende Geschichte des irischstämmigen Ingenieurs John Henry Patterson (Val Kilmer), der im Auftrag der Krone nach Tsavo in Britisch-Ostafrika, dem heutigen Kenia, entsandt wird, um eine Eisenbahnbrücke über den Fluß Tsavo zu bauen - ein Auftrag, für den ihm nur ein engbemessener Zeitrahmen zur Verfügung steht, da sein zynischer Vorgesetzter Beaumont (Tom Wilkinson) mit der Vervollständigung seiner Bahnlinie anderen imperialistischen Nationen zuvorkommen will. An der Baustelle trifft Patterson, der einerseits schon immer davon geträumt hat, nach Afrika zu gehen, andererseits aber wegen der bevorstehenden Niederkunft seiner Frau ein Interesse daran hat, seinen Auftrag möglichst schnell auszuführen, auf die unterschiedlichsten Charaktere - da ist der idealistische und zutiefst gläubige Missionar Angus Starling (Brian McCardie), sein Widersacher im Geiste, der desillusionierte und kaltschnäuzige Arzt Hawthorne (Bernard Hill), der - auch als Erzähler fungierende - weise und humorvolle Samuel (John Kani), der verschlossene Abdullah (Om Puri) und der hochgewachsene Vorarbeiter Mahina (Henry Cele), der schon einmal einen Löwen mit seinen bloßen Händen getötet hat.
Zunächst geht die Arbeit an der Brücke, den Umständen entsprechend, gut voran, doch schon bald beunruhigt ein menschenfressender Löwe die Arbeiter. Patterson verdient sich seine ersten Sporen, indem er dem Raubtier kurzentschlossen eine Falle stellt und es mit einem Schuß tötet. Doch die Sicherheit ist trügerisch, denn zwei weitere Löwen machen die Arbeit für die Männer zu einer unberechenbaren Gefahr, und diese Tiere sind so aggressiv, daß sie die Arbeiter sogar tagsüber angreifen und eher aus Freude am Töten zuzuschlagen scheinen. Schon bald muß Patterson erkennen, daß er gegen diese Löwen machtlos ist, die Arbeiter verlassen auf Betreiben Abdullahs die Baustelle, und Beaumont verspricht, Pattersons Karriere zu ruinieren. Da taucht der renommierte Großwildjäger Charles Remington (Michael Douglas), ein ehemaliger Südstaatendraufgänger, auf, um die Raubtiere zur Strecke zu bringen. Doch in der Höhle der Löwen wartet eine grauenhafte Entdeckung auf Remington und Patterson ...
"The Ghost and the Darkness" ist in erster Linie ein solider Abenteuerfilm, der durch atemberaubende Landschaftsaufnahmen und beeindruckende Bilder der majestätischen Raubkatzen besticht. Die Bilder, die niemand Geringeres als Vilmos Zsigmond (u.a. "Heaven's Gate" (1980) und "The Deer Hunter" (1978)) von den Löwen liefert, machen recht gut deutlich, warum der Anblick dieser Tiere die alten Römer mit abgrundtiefem Schrecken erfüllte, und man möchte unversehens mit William Blake "Tyger, Tyger" ausrufen.
Im Vordergrund steht der Kampf der Europäer gegen die mit mystischen Kräften ausgestatteten Raubtiere, der sich leicht als Loblied auf die Zivilisation auslegen läßt. Dennoch läuft Hopkins nicht blindlings in die Falle der imperialistischen Geschichtsklitterung - auch wenn sein Patterson ein Idealist ist, der davon träumt, mit seiner Brücke einen Kontinent zu verbinden, und der von der Schönheit seines Bauwerkes inmitten der überragenden Landschaft Afrikas so angetan ist, daß er hier eher eine Symbiose als die Zerstörung und Bändigung ungezähmter Natur sieht. Die Figur des Beaumont nämlich zeigt die kalte Machtgier des Imperialismus, die sich hinter wohlklingenden Phrasen von Humanität versteckte, darin ganz Conrads Mr. Kurtz ähnlich, in ihrer häßlichen Nacktheit, und es wird deutlich, was die Triebfeder europäischer Kolonisationspolitik war, auch wenn einzelne ihrer Vertreter - wie Patterson und Starling - durchaus edle Motive haben mochten.
Andererseits wird an der dämonischen Bösartigkeit der beiden menschenfressenden Löwen kaum ein Zweifel gelassen, so daß der Wert der Zivilisation letzten Endes nicht in Frage gestellt wird, auch wenn das Beispiel Beaumonts nahelegt, daß sie oft als fadenscheinige Rechtfertigung für bloße Selbstsucht und Maßlosigkeit herhalten muß. Trotz dieses grundsätzlichen Bekenntnisses zur westlichen Zivilisation billigt der Subtext des Filmes der indigenen Kultur ein Recht auf Eigenständigkeit zu: So ist Samuel, einer der großen Sympathieträger dieses Filmes, völlig immun gegen Starlings Bekehrungsversuche und hält gutgelaunt an seiner eigenen Lebensweise, die etwa auch die Polygamie vorsieht, fest.
Gleich nach den Löwen wird die Leinwand in "The Ghost and the Darkness" natürlich von Michael Douglas beherrscht, neben dem sich Val Kilmer ein wenig blaß und konfirmandenhaft ausnimmt, obwohl Kilmer dadurch punkten kann, daß ihm die erste halbe Stunde des Filmes ohne Douglas gehört.
Alles in allem ist "The Ghost and the Darkness" ein spannender Abenteuerfilm zum Thema "Mensch gegen Bestie", der freilich nicht an meinen unangefochtenen Spitzeneiter in dieser Sparte, Lee Tamahoris ungleich komplexeren "The Edge" (1997) mit einem bärbeißigen Anthony Hopkins heranreicht. Von mir dennoch 4,5 Sterne.