Die Bücher des in Deutschland geborenen und in der Schweiz aufgewachsenen "Doppelbürgers" Tim Krohn, waren in der Schweiz eigentlich immer Bestseller. Spätestens seit seinen Büchern "Vrenelis Gärtli" und "Quartemberkinder" gilt er als genialer Kulturbuchautor. Mit seinem neuesten Buch "Der Geist am Berg" begibt er sich nun auf ein nicht nur für ehrgeizige Gipfelstürmer, sondern auch für Schriftsteller, eigentlich hochgefährliches Gelände. Berge verführen bekanntlich sehr leicht zu Pathos und Sensibilität. Große Schriftsteller wie Max Frisch ("Antwort aus der Stille" s. meine Rezension vom 05.02.2010) sind an den Bergen gescheitert, andere haben sich an das Thema nicht herangewagt. Tim Krohn umschifft die Tücken des Bergromans geschickt in dem er einen "Legenden Ton" wählt, denn die Protagonistin Stine, die wilde Grenzgängerin zwischen dem Berg und dem Tal, ist eine reine Kunstfigur, ein Mensch der von der Zivilisation noch nicht geprägt ist.
Es ist ein modernes Märchen, ein moderner und zugleich archaischer Heimatroman. Oben in den Bergen, in einer unwirklichen entlegenen Bergwelt unterhalb des Gipfels, auf einer steinernen Alp, lebt die unberechenbare Stine zusammen mit ihrer Mutter und dem Knecht Severin. Eine altertümliche Welt, ein bewusst stilisiertes Schweizbild, wie es das eigentlich seit vielen Jahrzehnten nicht mehr gibt. Geröll bedeckt die saftigen Bergwiesen, die Ziegen werden von Steinen erschlagen, die Mutter käst, Stine fängt die Ziegen ein und repariert die Umzäunungen und eines Tages explodiert ein wichtiges Aggregat. Ursprünglich wollte Stine die Alp nie verlassen, doch nun entschließt sie sich doch, der Not gehorchend, in das verhasste, unbekannte Tal hinabzusteigen, um in der Bar eines großen Hotels eine Stelle als "Barmaid" anzunehmen, um das für die Reparatur notwenige Geld zu verdienen. Sie wird nun mit einer völlig neuen Welt konfrontiert, denn bisher hat sie in den Bergen so gelebt, wie man dort schon vor hunderten von Jahren gelebt hat. Sie kommt in die Zivilisation und kann sich erstaunlich schnell anpassen.
Sie lernt in der Bar den Handelsreisenden Bruno kennen, den sie schnell mit ihrer angeborenen Wildheit und ihrem urwüchsigen Gesang verzaubert. Doch der hat nicht mit Stines obsessiver Leidenschaft gerechnet, denn als er zu seiner Verlobten nach Genf fährt, besteigt sie zum ersten Mal in ihrem Leben einen Bus und folgt ihm. Sie hat sich vorgenommen diesen Bruno zu jagen. Sie bricht nicht nur aus ihrem bisherigen Leben aus, sondern auch aus Gefühlen die ihr bisher nicht bekannt waren.
Die robuste Stine kämpft nun mit allen Mitteln die sie kennt und sie zahlt dafür einen hohen, einen bitteren Preis. .Auch der treulose Bruno kommt nicht ungeschoren davon. Großes Show down" in den Alpen und am Ende wartet das Grauen im See, denn Stine hält wie eine griechisch mythologische Sirene ihren Arm betörend lockend aus dem Teich. So endet das Divertimento zwischen dem anachronistisch gewordenen Wilden und dem Modernen wie ein Hexenmärchen aus einer Zeit als die etymologische Motivation noch lebendig war.
Fazit: Dieses alte und zugleich moderne Märchen erzählt in einer klaren, schroffen und spröden Sprache die einfühlsame und zugleich illustrative Geschichte einer wilden jungen Frau und so werden mit den Ingredienzien der Sage Schweizer Mythen, nämlich die archaische und die moderne Schweiz neu vitalisiert und einem literarischen Ökotourismus nachempfunden, einfühlsam gut, erotisch hauchdünn und charmant gewürzt, präsentiert.
Ein unbändiges Lesevergnügen, eine emphatische Leseempfehlung ein schmales Buch mit sehr schönen modernen Illustrationen von Laura Jurt, die jedoch überhaupt nichts Altertümliches haben.