"Der Geist der Bücher" ist nicht nur eine Hommage an berühmte Literaturklassiker, sondern vor allem ein grandioses Abenteuer. Zusammen mit dem 15jährigen Ben wird man in die fantastische Welt der Literatur katapultiert und gemeinsam mit ihm, Julia Capulet und Mercutio (ja, genau die von Shakespeare) begegnet man auf der Suche nach Bens entführter Tante, der Schriftstellerin Lynn, unzähligen literarischen Bekannten.
Kapitän Ahab und seine Mannschaft, Robinson Crusoe und sein Gefährte Freitag, Don Quijote und Sancho Panza, Oliver Twist, Madame Bovary, Anna Karenina, der junge Werther, das Fräulein von Scuderi und viele andere Protagonisten berühmter Klassiker kreuzen den Weg der drei jungen Menschen und helfen ihnen bei ihrer Suche und dem Kampf gegen den finsteren Gondar, was erstaunlich viele mit dem (vorläufigen) Tod bezahlen müssen. Ich fand, in diesem Buch wurde wirklich verhältnismäßig viel und vor allem recht grausam gestorben.
Die Sprünge zwischen den einzelnen Büchern geschehen recht abrupt, oft ohne bewusste Entscheidung der Protagonisten und erfreulicherweise selten auf dieselbe Art und Weise. Mal taucht eine Tür auf, mal stürzen sie in eine Grube oder ein bestimmter Duft bringt sie an ihren neuen Bestimmungsort. Da man als Leser stiller Beobachter des Ganzen ist und nie einen Wissensvorsprung hat, kann man sich gut in Ben hineindenken und erlebt alles genauso atemlos und unvorhersehbar wie er.
Lange weiß man nicht, wie es überhaupt möglich sein kann, durch verschiedene Bücher zu reisen, ja regelrecht Teil davon zu werden und ihren Ausgang zu verändern. Am Ende wird das jedoch sehr gut erklärt und auch die Rolle des bösen Gegenspielers Gandor und seiner Schattenkrieger ist nachvollziehbar angelegt und eine wirklich schöne Idee. Wer denkt schon an ihresgleichen, wenn man ein Buch liest?
So spannend sich diese Geschichte auch liest, musste ich doch manches Mal stutzen. Ist es wirklich realistisch, dass ein Teenager wie Ben sich so gut auskennt mit den Klassikern der Literatur? Da seine Tante Schriftstellerin ist, kann es natürlich sein, dass er einiges aufgeschnappt hat, aber er kam oft wirklich verdammt schnell darauf, in welchem Buch er sich gerade befindet.
Schade fand ich es außerdem, dass man in den einzelnen Werken immer nur sehr kurz verweilte und die literarischen Helden nicht stärker mit der Story verbunden wurden. Ich hätte mir noch mehr Gespräche gewünscht, wie es in Ansätzen z.B. beim jungen Werther oder mit Mephisto passierte. Bei den Bovarys verbrachten die Freunde eine ganze Nacht und so blieb Zeit, Emmas Situation zu erfassen, ihren Charakter ein wenig näher zu betrachten. 100 Seiten mehr hätten mich nicht gestört, wenn so mehr Raum für die literarischen Persönlichkeiten entstanden wäre.
Ich hatte Glück, dass ich fast alle vorkommenden Bücher schon gelesen habe und so ein wenig Hintergrundwissen als Grundlage hatte. Jüngere Leser, die vielleicht nur zwei, drei Werke kennen, erleben "Den Geist der Bücher" sicher ganz anders und vor allem oberflächlicher, da sie mit vielen Personen nicht direkt etwas anfangen können.
Auf jeden Fall ist dieses hübsch gestaltete Buch eine kurzweilige Lektüre für Liebhaber der Literatur und Abenteuern, aus der man aber noch mehr hätte machen können.