(Vorsicht, Spoiler!)
Was "R.", der geheimnisvolle Chef des britischen Geheimdienstes hier über den leicht psychopathischen Killer The General (Peter Lorre) sagt, das trifft in gewisser Weise auch auf "Secret Agent" zu, den Alfred Hitchcock 1936 drehte. Ihn einen Hitchcock-Film zu nennen, ist eher ein Kompliment für den Film als für den Regisseur, und auch die Bezeichnung "Agentenfilm" verdeckt, daß die hier handelnden britischen Agenten derart stümperhaft zu Werke gehen, daß man fast schon wieder geneigt wäre, diese Stümperhaftigkeit als raffinierte Tarnung ihrer eigentlichen Professionalität zu sehen.
In "Secret Agent" geht es um einen Kriegshelden und Schriftsteller namens Brodie (John Gielgud), dessen Tod inszeniert wird, damit er für den Geheimdienst arbeiten und einen deutschen Spion, der einen schlimmen MacGuffin plant, eliminieren soll. Man ist an dieser Stelle schon versucht zu fragen, warum der Geheimdienst denn ausgerechnet einen völlig unbeleckten Außenseiter mit einer solch wichtigen Aufgabe betraut. Allzu viel scheint R. diesem Kriegshelden in Sachen Agentenarbeit denn auch nicht zuzutrauen, denn er stellt ihm einen als "Curly Mexican" oder auch "The General" bekannten Killer zur Seite, womit er ein weiteres Mal die Effizienz des Geheimdienstes, diesmal in Sachen optimaler Ausnutzung der personellen Ressourcen, unter Beweis stellt. Da die Story aber außerdem ein Romantic Interest benötigt, wird Brodie auch noch die Agentin Elsa Carrington (Madeleine Carroll) in die Schweiz, wo sich der deutsche Spion aufhält, vorausgeschickt, damit sie seine Ehefrau spiele. Dort verliebt sich alsbald der Lebemann Robert Marvin (Robert Young) in sie und wirbt auch dann noch recht dreist um sie, als er die Bekanntschaft ihres scheinbaren Ehemanns gemacht hat. Brodie und der General nehmen vor Ort ihre Nachforschungen auf und machen Mr. Caypor (Percy Marmont), einen ältlichen Engländer, der eine deutsche Frau (Florence Kahn) geheiratet hat, als Zielperson aus. Während einer Bergtour beseitigt der General Caypor, wobei Brodie, von Skrupeln an der Ausführung des Mordes gehindert, aus der Ferne durch ein Teleskop zusieht. Allerdings stellt sich bald heraus, daß Caypor völlig unschuldig war - als erfahrener Agentenfilmzuschauer weiß man ja, daß der Bösewicht niemals ein Hunde-, sondern, wenn überhaupt, ein Katzenbesitzer ist - und der wahre Schurke noch frei herumläuft.
Anscheinend ging es Hitchcock darum, den Gewissenskonflikt, in den der Protagonist durch einen hinterhältigen Mord, an einer unschuldigen Person allzumal, gestürzt wird, in den Vordergrund zu stellen, denn sowohl Brodie als auch Elsa werden von Reue geplagt. Indes muß man dieses psychologische Unterfangen des Filmes als mißlungen betrachten, denn weder die Brodie- noch die Elsa-Figur agiert konsistent und damit glaubwürdig. Nach dem Mord an Caypor trägt Elsa auf einem Volksfest zwar eine Leichenbittermiene zur Schau, doch Brodie scheint sich diese Stimmung gar nicht erklären zu können, und als er ihr erzählt, er selbst habe den Mord gar nicht begangen, sondern ihm nur aus der Ferne zugesehen, da scheint auch für Elsa alles in bester Alpenmilchbutter zu sein, und die beiden fallen einander um den Hals und frönen ihrer neuentdeckten Liebe. Mrs. Caypor taucht weder in der Handlung noch in den Gesprächen der zwei überhaupt je wieder auf.
Versagt der Film an der Stelle, an der er am interessantesten hätte werden können, so tun dies die britischen Agenten fortwährend. Sie killen den falschen Mann, den sie mit Hilfe eines Knopfes [!] identifiziert zu haben glauben, sie geben vor dem Hotelpersonal ihre angenommenen Identitäten preis, sie kommen partout nicht auf die Idee, daß ein Organist, der seit fünf Minuten denselben Ton anhält, tot sein könnte, und tun auch sonst ihr Möglichstes, um das täglich mit neuem Leben gefüllte Adjektiv "saudumm" um ungeahnte Bedeutungsfacetten zu erweitern. All dies fällt natürlich auf den Film zurück und macht ihn als Spionagethriller ziemlich lahm.
Besonders ärgerlich ist zudem die Rolle, die Peter Lorre, dieser großartige Schauspieler, verkörpern muß. Hier wird er doch tatsächlich als Clown eingesetzt, und die Darstellung des von ihm gespielten Süd- oder Zentralamerikaners als übertrieben lüstern, leidenschaftlich und kindisch eitel - in einer Szene zerlegt er doch in einem Wutanfall sogar das Hotelmobiliar, ohne daß dies einen wirklichen Anlaß hätte - muß sich schon den Vorwurf des Rassismus gefallen lassen. Alles in allem verdrießt es einen, einen so guten Schauspieler wie Lorre auf diese Vaudeville-Rolle beschränkt zu sehen, in der er sich sichtlich unwohl fühlt.
Jedoch hat der Film auch einige Lichtblicke, die ihn als Kind Hitchcocks ausweisen. Da wären zum einen die manchmal überraschend witzigen Dialoge à la "Do you understand German, Mr. Marvin?" - "No, but I speak it fluently." Auch die von mir sehr geschätzte Marotte Hitchcocks, in seinen im Ausland spielenden Filmen immer ortstypische Schauplätze zu verwenden und diese augenzwinkernd mit dem blutigen Geschehen zu verknüpfen, wird hier gepflegt. Was die Windmühlen und der von ihnen transportierte Code einige Jahre später in "Foreign Correspondent" sein werden, das ist hier eine Schokoladenfabrik. Die Taktik, geheime Botschaften in bestimmten Schokoladentafeln zu transportieren, ist so albern, daß man sie Hitch einfach durchgehen und mit ihm darüber schmunzeln muß. Auch einige Situationen brennen sich ob ihrer Intensität dem Gedächtnis ein: Bei mir war dies vor allem die Szene, in der die arglose Mrs. Caypor einer sichtlich von Gewissensbissen geplagten Elsa und einem aalglatten Mr. Marvin Sprachunterricht erteilt, während ihr Hund doch deutlich zu merken scheint, daß seinem Herrchen in den Bergen gerade etwas angetan wird. Bei Lord Carnavons Hund soll dies ja schließlich auch funktioniert haben, aber hier hat der Pharaonenfluch auch etwas nachgeholfen.
Wo wir gerade von Hunden reden: Die Szene, in der Brodie Caypor zum ersten Mal trifft, indem er versehentlich auf seinen Hund tritt, finde ich aufgrund ihres Charakters als Vorausdeutung auf den Mord an einem Unschuldigen ebenfalls recht gelungen.
All dies ist meiner Meinung nach jedoch nicht ausreichend, um diesen Film wirklich über den Durchschnitt zu heben, auch wenn er Gurken wie "Topaz" natürlich um Längen überragt. Gurkig ist hier vor allem die qualitative Umsetzung des Filmes auf der DVD. Wer den Film in einer besseren Qualität sehen möchte, dem sei die - allerdings nur englischsprachige Version verfügbaren - Box "Alfred Hitchcock. The Early Years. 1926-1938" von Concorde empfohlen.