Dem Leser werde mit dem Mittel der Psychoanalyse die Spaltung des koreanischen Volkes verdeutlicht, schreibt der Kritiker. Die Traumata, erzeugt durch das Leid, welches sich Koreaner gegenseitig zufügten, ziehe in dem Roman gleichnishaft und ’meisterlich komponiert’ vor den Augen des Helden, der seine Heimat nicht mehr versteht.
Hwang Sok-yongs Bürgerkriegsroman ist der Versuch einer literarischen Austreibung des Leids aus der jüngeren koreanischen Geschichte.
Ein eindrücklicher Aufruf zur Versöhnung unversöhnlich scheinender Konflikte.
Der 1943 geborene Hwang Sok Young ist im besten Sinn ein repräsentativer koreanischer Autor. Das hat im letzten Jahr die deutsche Erstübersetzung seiner Romane ›Die Geschichte des Herrn Ha‹ und ›Der ferne Garten‹ gezeigt. Das zeigt jetzt eindrucksvoller noch der Roman ›Der Gast‹. Hwang hat sich konsequent, aber ohne einseitige Parteilichkeit mit der Geschichte und den aktuellen Problemen des bis heute geteilten Landes auseinandergesetzt.
Ein Roman, der lange nachwirkt.
Packend, ernst.
Hwang Sok-yong, einer der wichtigsten Schriftsteller Südkoreas, geriet 1989 mitten hinein in den kalten Krieg, als er ohne Genehmigung (und das hieß damals: illegal) zu einem Küstlerkongress nach Nordkorea reiste. Der Verurteilung nach dem Sicherheitsgesetz versuchte er durch einen Aufenthalt im Westen zu entkommen. Doch selbst 1993 musste er nach seiner Rückkehr nach Südkorea noch fünf Gefängnisjahre absitzen. Er weiß also, wovon er schreibt, wenn er das Verhältnis der feindlichen Parteien zum Thema seines ebenso erschütternden wie großzügigen Romans macht, der die Möglichkeit nach einer heilsamen Konfrontation zumindest im Buch möglich erscheinen lässt.
Yosops Reise in die Heimat inszeniert der Schriftsteller Hwang Sok-yong so nachhaltig beeindruckend und kunstvoll wie sein früheres Werk ›Der ferne Garten‹. Yosop begleitet seinen seelisch mäandernden Bruder, der maßgeblich an Massakern beteiligt war, in zwölf rituellen Sequenzen hinüber ins Jenseits und begegnet dabei einer Stimmenvielfalt aus der vergangenen Welt. Sok-yongs Titel ›Der Gast‹ – in Korea sinngemäß für Pocken – spielt auf die Konflikte zwischen einheimischen und westlichen Wurzeln, Ideologie und Religion an, weist aber auch auf die notwendige Haltung der Narben.
Der Roman ›Der Gast‹ ist spannend und untendenziös erzählt und er führt vor, wie durch geduldigen und vorwurflosen Dialog, Versöhnung möglich ist.
Als äußerst engagierter Schriftsteller benutzt Hwang Sok-Yong die Fiktion wie ein Instrument bei der Untersuchung der Funktionsstörungen seiner Gesellschaft. Doch die Kraft seiner Erzählkunst liegt nicht nur im Inhalt, sondern auch in der immer wieder erneuerten und glänzenden Form, welche kraftvoll und effektiv das tiefste Innere der gequälten Seelen ausleuchtet.
Hwang Sok-Yong ist ein wunderbarer Novellist und ein mitreißender Romanschriftsteller und er ist vom Schlag dieser Idealisten, denen es manchmal gelingt, dem Lauf der Geschichte schließlich ihren eigenen Text vorzugeben.
Seine Erzählung schnürt einem die Luft ab, vorsichtig und zurück-haltend, aber regelmäßig. Lädt sich ein in die Brust des verzauberten und entsetzten Lesers und richtet schamlos, aber höflich seinen traurigen Ernst ein, der frei von jeder Verzweiflung und Melancholie ist. ›L’invité‹ beeindruckt nicht nur durch sein Thema, sondern auch durch seinen Aufbau und seine Atmosphäre.
Ein eindrücklicher Aufruf zur Versöhnung aller unversöhnlich scheinenden Konflikte. Zwei Brüder stehen im Mittelpunkt dieses Romans: Vor vierzig Jahren sind sie aus Nordkorea geflohen, zunächst nach Südkorea, dann in die USA. Nun hat Joseop eine Einreiseerlaubnis für Nordkorea bekommen. Drei Tage vor der Abreise in die Heimat stirbt ganz plötzlich der ältere Bruder Johan. Dieser hatte als Anhänger einer reaktionären Gruppe junger Christen den amerikanischen Besatzern in Nordkorea als Handlanger gedient und brutale Morde vor allem an den Kommunisten, sogar in der eigenen Familie, begangen. Joseop weiß um die Gräueltaten, gesprochen aber wurde kaum darüber. Erst jetzt, da er die noch lebenden Familienange-hörigen in seinem Dorf wieder trifft, wird das Tabu gebrochen. Die Geister der Toten erscheinen ihm und die grausamen Morde ereignen sich wie zum zweiten Mal.