Mit "Der Gast" (im Original "Body Rides" aus dem Jahr 1996) erscheint eines seiner doch schon späteren Werke erstmals auf dem deutschen Markt. In den USA wurden zu Anfang gleich 42 000 Kopien gedruckt, im Vergleich zu anderen seiner Werke eine unglaublich hohe Zahl, teilweise ist es die vierfache Menge. Warum, wir werden es wohl nie erfahren. Vielleicht deshalb, weil "Der Gast" einfach anders ist, der Schwerpunkt sich mehr in nur eine Richtung verschiebt.
Zur Story: Der 28 jährige Aushilfslehrer und Drehbuchschreiber Neal Darden, wird eines Nachts auf dem Weg zur Videothek, Zeuge eines brutalen Übergriffs auf eine junge - wie soll es auch anderes sein - sehr hübsche Frau. Der sonst recht ängstliche Neal - der USA typisch nachts immer eine Waffe im Fahrzeug-, oder bei sich hat - rettet sie, in dem er den Täter "scheinbar" erschießt. Er bringt die Frau nach Hause und sie überreicht ihm zum Dank ein goldenes, magisches Armband. Dieses ermöglicht es dem Träger durch Küssen des Schlangekopfes auf dem Band, in einen bekannten oder auch fremden Menschen zu schlüpfen, alles aus Sicht der jeweiligen Person zu sehen, zu fühlen und zu erleben. Man ist sozusagen zu "Gast", und hat daher keinerlei Einfluss auf das Verhalten der besuchten Person. Nach einem Test ist er mehr als begeistert, nimmt es an sich und fährt heim. Auf der Rückfahrt macht er einen Schlenker am Schauplatz des Verbrechens vorbei und muss entsetzt feststellen, dass weder der vermeidliche Wagen des Täters - der am Straßenrand stand - noch der Täter selbst, an der Stelle, an dem sie ihn zurückgelassen haben, zu finden ist. Auf schnellstem Wege, erst mit Hilfe des Armbandes und schlussendlich auch persönlich, macht er sich auf den Weg zur geretteten Elise. Doch nichts hilft, er kommt zu spät - beim zweiten Versuch hat es der doch "nicht" tote Verbrecher geschafft, sein eigentliches Vorhaben zu beenden. Ab diesem Zeitpunkt beginnen die Probleme von Neal erst richtig, der den Schlamassel anzieht wie ein Magnet, ebenso die hübschen Frauen, die ihm scheinbar zu Füssen liegen...
Der Schwerpunkt liegt eindeutig auf dem sexuellen Aspekt, und der gewohnt große Anteil an dumpfer Gewalt bleibt ein Stück weit auf der Strecke, er ist natürlich vorhanden, aber nicht so ausgeprägt wie sonst. Zu kurz aber kommt nicht die unglaubliche Situationskomik, ins besondere hervorgerufen durch die für Laymon typischen Figuren - spät pubertierend, dummgeil und absolut unlogisch in ihrem Verhalten. Diese Figuren aber sind es, die die Laymon-Fans erwarten, um sich über sie zu amüsieren und sie mit einem Augenzwinkern und Kopfschütteln durch die Story zu begleiten. Speziell Neal und Sue sind ein Paradebeispiel dafür, dass Laymon ein Meister im erschaffen solcher Charaktere war. Diesen beiden sind ihren Rollen in "Der Gast" förmlich auf den Leib geschnitten, passen wie ein maßgeschneiderter Anzug. Den 28 jährigen Neal, der von einer Katastrophe in die nächste schliddert, aber trotz allem unglaublich viel mit seinem Geschlecht denkt, muss man einfach gern haben. Jeder Mann - Neal sein Dasein in die Realität gespiegelt - würde sich solch ein Leben wünschen, zumindest was die sexuelle Richtung betrifft. Denn mit Sue stellt Laymon ihm eine 18 jährige junge Frau an die Seite, die in jedem feuchten Männertraum eine Rolle spielt. Das Interessante dabei, er ist schon mit einer hübschen Blondine liiert - was da nun passiert, dieses Zusammenführen der Figuren, zaubert einem ein Dauergrinsen ins Gesicht.
Seine Art, den Text fast wie den zu einem Drehbuch klingen zu lassen - das ist in keinem Fall abwertend gemeint - ist sein Markenzeichen, und ermöglicht es einem, die Story flüssig in einem Rutsch lesen zu können. Die Einfachheit seiner Figuren macht diese angenehm-, einfache Sprache erst möglich.
Aber was ihm einfach nicht gelungen ist, die Geschichte auf eine vernünftige Länge zu bringen. Zu viel belangloses Blabla füllt die Seiten und nimmt einem phasenweise den Spaß am Lesen. Eine Reduzierung auf ca.500 Seiten, gespickt mit den von ihm gewohnt, brutalen Passagen ' diese treten leider nur am Anfang und am Ende in Erscheinung ' und es wäre ein in allen Belangen überzeugender Roman geworden. Aufgrund dieser negativen Eigenschaften leidet natürlich auch die Spannung, die viel zu kurz kommt und 'Der Gast' somit nicht über das Mittelmaß hinausschießt. Schade, vielleicht hatte er einfach zu viele Ideen und Handlungen im Kopf, und hat versucht sie alle in diesem Werk unterzubringen.