Ich hätte gerne mehr über die Werke des Malers Hieronymos Bosch erfahren. In dem Roman "Der Garten der Lüste" von John Vermeulen setzt sich der Autor aber nur ansatzweise mit Boschs Werken auseinander. Entstanden ist aber m.E. ein (relativ) spannender Historienroman aus dem 15. Jahrhundert mit Hexenverbrennung, verbotener Geschwisterliebe, Inquisition, geheimen Bruderschaften und Alchemie. Die Werke Boschs werden nur teilweise beschrieben und kaum mit Titel benannt, wodurch die Zuordnung unnötig schwer ist. Vom "Narrenschiff" erfahren wir z.B., dass der blaue Kahn mit einem kotzenden Verdammten den Ekel über die Verlotterung der menschlichen Würde versinnbildlichen soll. Am Mast weht eine Fahne mit dem Zeichen des Irrsinns und der Verrohung. An anderer Stelle erfahren wir, dass er ein ganz grausiges Bild gemalt hat mit einem Mönch, der vom Höllengetier zerfleischt wird. Doch ohne Titelnennung kann ich dieses Bild überhaupt nicht zuordnen, was ich schade finde. Schließlich ist nicht jeder ein absoluter Kenner von Boschs Werk.
Der Roman stellt Bosch als einen introvertierten und repressiven Künstler mit einem Hang zur Selbstzerstörung dar. Ich nehme an, dass die im Buch ausführlich beschriebene große Liebe zu seiner Schwester Herberta und die weniger große Liebe zu seiner Frau Aleyt van der Meervenne rein fiktiv sind - womöglich als Erklärung für die Schwermütigkeit, die in Boschs Werken liegt. Auch die niederträchtige Stiefmutter Mechtheld ist vermutlich eine Erfindung des Autors. Boschs Werk ist gespickt von Symbolen, die von der Inquisition in der Person des Jakob Sprenger als hinterlistige Spötteleien getarnt als Frömmelei interpretiert werden.
Die Verbindungen zu Erasmus von Rotterdam, Martin Schongauer, Mathis Gothardt Grünewald und anderen Geistesgrößen der Zeit, die der Autor konstruiert, finde ich interessant. Durch die Mitgliedschaft in einer geheimen Bruderschaft "Ecce homo" ("Siehe welch ein Mensch"), die jedes Dogma als Beweis vollkommener Ignoranz ablehnt, erschließen sich Bosch eine Szenerie von freier Liebe, Vergnügen, Lust und Frieden, den er womöglich im "Garten der Lüste" dargestellt hat. John Vermeulen ist auch überzeugt davon, dass Bosch ein intensiver Nutzer von Hanföl war, das ihn in seiner Schaffenskraft beflügelte, aber auch zermürbte.
Mit 590 Seiten halte ich den Roman für zu lang. Eine Konzentration auf das Werk von Hieronymus Bosch hätte dem Buch gut getan - die vielen fiktiven Konstruktionen über das Leben von Bosch enthalten viele Wiederholungen und bleiben letztendlich an der Oberfläche. Auch John Vermeulen konnte das Mysterium Hieronymus Bosch nicht gänzlich erhellen.