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Der Garten des Archimedes: Essays
 
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Der Garten des Archimedes: Essays [Taschenbuch]

George Steiner , Michael Müller

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Produktbeschreibungen

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Der tragische Blick

George Steiner zieht vor Gericht

George Steiner ist der Scholastiker unter den Essayisten. Abgeschirmt von den Strömungen der Postmoderne, sitzt er in seiner Klause und stellt seine eindringlichen Fragen, unmittelbar zu Gott. Seine Einsamkeit ist eine emphatisch erlebte, es ist die Einsamkeit eines geduldigen, strengen Lesers, für den die Begegnung mit dem Text eine Art existentieller Herausforderung bedeutet.

Im Bild des Lesers hat Steiners Nachdenken denn auch seine zentrale Ikone gefunden. Er umkreist und deutet sie programmatisch in dem seinen Band mit Essays und Abhandlungen einleitenden Text, der sich an einem bekannten Gemälde von Chardin orientiert. Auf diesem Gemälde des Jahres 1734 wird ein Verständnis des Lesens sichtbar, das Steiner durch eine Deutung der Bilddetails erläutert.

Der lesende Philosoph Chardins trägt eine kostbare Kleidung; das Lesen ist für ihn ein Akt höflicher, ja beinahe zeremonieller Begegnung mit einem geachteten Fremden. Diesen Fremden – die Stimme des Textes – empfängt er festlich, erwartungsvoll, in einer Haltung, die Ehrerbietung bezeugt. Das Buch, in dem er liest, ist nicht einfach irgendein Gegenstand, den man flüchtig aufschlägt und mit halber Aufmerksamkeit betrachtet, es ist vielmehr so etwas wie die Repräsentanz eines anderen Menschen, dem man sich nun mit allen Sinnen zuwendet.

Erfüllte Zeit

Aus einer solchen Lesehaltung entspringt auch Steiners Schreiben. Es lebt von einer beinahe asketischen Beschränkung auf das Wesentliche und ist zunächst einmal Dienst an den grossen Texten, ihre Auslegung und die Herausarbeitung ihrer Besonderheiten. Dieser Dienst ist aber – wieder stellt das der Blick auf Chardins Gemälde heraus – so etwas wie der Ausdruck «erfüllter Zeit». Denn neben dem lesenden Philosophen steht das Stundenglas. Es erinnert daran, dass die Zeit des Lesens begrenzt ist, die Zeit des Buches aber über diese begrenzte Zeit, die dem nur sterblichen Leser zur Verfügung steht, hinweg andauert. Das Stundenglas zeigt im Verrinnen des Sandes das Vergehen, in der Struktur des Glases aber, welche an die das Unendliche symbolisierende Ziffer Acht erinnert, das Bleibende.

Steiners Fragen zielt denn auch immer auf die Grundfragen, denen er die zentralen Antworten, die die Kulturgeschichte der letzten zweieinhalbtausend Jahre gegeben hat, entgegenhält. Die Grundfragen haben, wie Steiner zeigt, unser historisches Wissen überdauert, sie sind uneingeschränkt aktuell, während die Antworten uns zwingen, unsere eigene Antwort zu formulieren.

Auf Chardins Gemälde des Lesenden entdeckt Steiner aber neben dem Stundenglas auch noch die Schreibfeder im Tintenglas. Lesen heisst nicht nur, den Text zu überfliegen oder zu studieren; zum Lesen gehört auch der Griff zur Feder, die an den Rand, zwischen die Zeilen oder in ein Merkbuch die Gedanken und Antworten des Lesers auf den Text notiert.

Steiner pointiert daher die Leistung des Lesens: «Gut zu lesen bedeutet, dem Text zu antworten, sich ihm gegenüber verantwortlich zu fühlen.» In solchen Kernsätzen kommt sein ganzes interpretatorisches Credo zum Ausdruck. Er hält an ihm fest, indem er es gegen die Verfallstendenzen der Gegenwart einsetzt. Denn für Steiner haben die Bücher und Texte längst ihre alte auctoritas verloren, an die Stelle der Bindung an das Wort ist die Bindung an vitalistische Lebensimpulse getreten, Erbe einer verkürzt verstandenen Romantik, die das Unmittelbare an die Stelle des Indirekten setzte.

Steiners Anstrengungen zielen also darauf, dem Gegenwartsleser seine Unbedarftheit zu nehmen und ihn zurückzuversetzen in den alten Horizont einer sich am Dauernden messenden Kultur. Daher formuliert er jene Fragen, die nur aufs Grundsätzliche zielen. Seine Essays stellen diese Fragen, die am Anfang ganz einfach daherkommen, ruhig und unaufdringlich: Was heisst «Übersetzen»? Was bedeutet es, vergleichend (also «komparatistisch») zu lesen? Gibt es so etwas wie die «absolute Tragödie»? War Shakespeare wirklich ein grosser Autor? Warum haben die Juden Jesus nicht als Messias anerkannt? – Auch dem Leser wird in Steiners Essays aufgegeben, auf diese Fragen zu antworten. Wie Chardins Philosoph soll er im Blick auf das Stundenglas die Schreibfeder benutzen, um sich in Konkurrenz zu anderen Autoren, die solche Fragen schon beantwortet haben, «dem Text gegenüber verantwortlich zu fühlen». Es ist erstaunlich, wie Steiner es schafft, dass sich der Ernst, den seine Aufgabenstellungen enthalten, während der Lektüre auf den Leser überträgt. Nie hat man das Gefühl, gelehrten Scheingefechten beizuwohnen. Die Essays verhandeln vielmehr ihre Themen so einfach und doch hartnäckig, als gelte es, vor einem imaginären, unbestechlichen Gericht die Wahrheit zu ermitteln. Das macht Steiners Argumentationen zwingend, dicht und scharf. Für den Leser bedeuten sie eine intellektuelle Herausforderung; würde Steiner ein solches Wort nicht verachten, könnte man sogar von einem intellektuellen «Vergnügen» sprechen.

Befragungen Gottes

Der Untergrund all dieses Argumentierens, Deutens und Abwägens ist das jüdische Schriftverständnis; der Autor hat ihm eine lange Abhandlung gewidmet. In strengem Sinn sind dieses Schriftverständnis und das jüdische Lesen Befragungen und Umschreibungen Gottes. Der lesende Mensch ist einer, der die gegenseitige Bestimmung von Gott und Mensch überprüft oder nachvollzieht. Dass Lesen Antworten bedeutet, hat erst in dieser Deutung seinen Halt. Sie verlangt vom Leser das Äusserste: die Selbstbestimmung seiner Existenz im Blick auf die alten «Wesensfragen» der Geschichte. Darin kommt der Fundamentalismus Steiners zur Sache: Er orientiert sich nicht am melancholischen, sondern am tragischen Blick, am Blick dessen, der um die «absoluten Tragödien» weiss.

Steiner verabschiedet seinen Leser mit dem schönsten Essay seines bedeutenden Buches. Er ist «Zwei Nachtmahle» betitelt und handelt von den Abendmahlen des Sokrates und des Jesus von Nazareth, die beide im Zeichen des nahen Todes stehen. Auch hier ist Steiners Vergleichen keine blosse kulturhistorische Übung, sondern eines, das die schmerzliche, nie überwundene Fortdauer dieser beiden Tode in unseren Kulturen spürbar machen will: «Von seinem göttlichinspirierten Gewissen dazu getrieben, zieht Sokrates die Gültigkeit weltlichen Rechts und öffentlichen Interesses in Zweifel. Von Gottvater dazu beauftragt, stellt der Rabbi aus Nazareth die immanente ordo in der Welt in Frage: seine ‹Narrheit› stösst die Vernunft um. Zwischen diesen beiden Provokationen besteht eine entscheidende Verbindung. Sie erpressen uns mit Forderungen nach Perfektion. Sie konfrontieren uns mit den Ansprüchen des Ideals, welches wir ganz klar als solches erkennen, das wir aber nicht zu erfüllen vermögen . . .»

Solchen Sätzen ist anzusehen, wie sehr Steiner sich darum bemüht, die «grossen Themen» wieder näher zu rücken. Seine Essays und Abhandlungen versuchen nichts anderes, als der Kultur der Gegenwart wieder ein Gedächtnis zu geben.

Hanns-Josef Ortheil

Kurzbeschreibung

Im vorliegenden Essayband beschäftigt sich George Steiner - zorniger Kritiker des sekundären Kulturgeschwätzes - ausschließlich mit den großen Texten der Weltliteratur: von der Bibel bis Franz Kafka, von den antiken Tragödien bis Sigmund Freud. Die kenntnisreichen Essays aus den Jahren 1978-1996 sind dabei ein Plädoyer für die altmodische Kunst der ernsten Lektüre.

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