Die erste, preisgekrönte Erzählung mit dem Titel "'Am Radio"' führt uns in die blitzblanke kleine Welt des Kleinen L., der als 'Exilchinese' in Berlin fremd ist und sich in dieser Fremdheit eingerichtet hat, der'wie so viele Zugereiste'genau das Fremdsein und die Anonymität der Stadt genießt. Als Ex-Übersetzer (oder vielmehr Dolmetscher) für den Großen Vorsitzenden war Fremdheit sein täglich Brot, denn der Übersetzer/Dolmetscher macht sich Fremdes vertraut, mit dem Auftrag, es dem Leser oder Zuhörer in vertrauten Worten und Wendungen zu vermitteln. Des Nachts erkundet der Kleine L. den weiten Äther, wenn er 'mit seinem Weltempfänger nach den entlegensten Programmen' sucht. Er verliert dieses Stückchen Heimat in der Fremde und seine schwerelose Anonymität, als sich der Nachbar beim ihm über sein lautes Radiohören beschwert.
"'Dörflicher Vorfall'" wurde als Handtellergeschichte verfasst. Auf knapp drei Seiten entfaltet sich eine Art Interview zwischen einem Zeugen und einem Fragenden (einem Nachbarn?, Reporter?, Polizisten?). Es beginnt mit einem Hund, der von seinem Herrchen erschossen wurde, und offenbart schließlich das Misstrauen der Alt-Dörfler gegenüber den Wochenendlern aus der Stadt, von denen sie sich ignoriert und unverstanden fühlen.
Wenn man, so wie ich, zwar Bruno Schulz und seine Geschichte und sogar seinen Heimatort Drohobycz in der Ukraine kennt, jedoch die Nachricht vom Raub seiner Fresken im Ausland verpasst hat, dann wirkt die letzte Erzählung '"Die Fresken"' wie eine meisterhafte Fiktion, nämlich wie die Umkehrung des durch 'Arisierung', Exil, Flucht, Auslagerung usw. erfolgten Kunstraubes. Doch es geht hier um einen tatsächlichen Vorfall: In einer umstrittenen Aktion entfernte die Organisation Yad Vashem 2001 aus einer Villa in Drohobycz die Fresken, die Bruno Schulz kurz vor seinem Tode für den ihn protegierenden Gestapooffizier angefertigt hatte. Hier liest es sich ein bisschen wie ein bedachtsamer Psychokrimi (Patricia Highsmith?), in dem wir in die Gedankengänge der Täter und somit auch in ihr kaum vernehmbares Unbehagen über diese Heimholung nach Israel eingelassen werden.
Die ansonsten sehr überschwängliche Kritik rügte den Autor für die Verarbeitung dieses Themas. Doch Gernot Wolfram denkt, fragt und schreibt nun einmal genau da weiter, wo andere aufhören mögen, weil es wohl doch noch ungesprochene Tabus gibt. Liebevoll stellt er seine ungewöhnlichen Figuren dar und gibt sie nie preis.