Albert Camus (1913-1960) wuchs in Algier auf, studierte Philosophie und arbeitete unter anderem beim Verlag "Gallimard" als Lektor. 1957 erhielt er den Literaturnobelpreis. Seine bekanntesten Werke sind: "Der Fremde" (1942), "Der Mythos des Sisyphos" (1942) und "Die Pest" (1947).
Camus ist in der Philosophie als moralisierender Existentialist bekannt, als Einer, der sich mit dem Sinn des Lebens auf eine sehr konkreten Weise beschäftigt. Zunächst bester Freund von Jean Paul Sartre, dem Existentialisten schlechthin, überwarf er sich aus ideell-politischen Gründen mit ihm, genauer gesagt lehnte Camus den Kommunismus ab. Sartre stand mit seiner existentialistischen Philosophie (Hauptspruch: "Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein") eher im gesellschafts-politischen Rampenlicht, Camus ging es hingegen nie um konkrete politische Ereignisse, sondern eher um moralisch-ethische Fragen. Sartre und Camus rezensierten jeweils des anderen Werke: Sartre schrieb eine Rezension zu Camus' "Der Fremde" und Camus schrieb eine Rezension zu Sartres "Der Ekel" (1938). Camus und Sartre sind jedenfalls Geister ihrer Zeit und sehr ähnlich in ihrem Denken. Aus einem Vergleich zwischen den Beiden kann der philosophische Geist in all ihren Facetten gut herausgearbeitet werden.
"Der Fremde" gilt als Pflichtlektüre für alle Romanistik Studenten.
Meursault, der Protagonist, begeht unabsichtlich einen Mord. Beim Prozess stellt sich heraus, dass die Gesellschaft und die Richter nicht die Wahrheit sehen, sondern den Protagonisten, aufgrund seiner persönlichen Einstellung zum Leben, verurteilen. Die Wahrheit ist nämlich, dass er diesen Mord nicht aus Berechnung oder kaltblütig verübt hat, sondern aus einem viel banaleren Grund: als er den Streit zwischen seinem Nachbarn Raymond und einem Araber (den Bruder von Raymonds Ex-Geliebten) friedvoll schlichten wollte, blendete ihn die Sonne und er meinte zu erkennen, dass der Araber ihn mit dem Messer erstechen wollte. Deshalb erschoss er ihn. Der Mord wurde aus Selbstverteidigungsgründen ausgeübt. Dadurch aber, dass der Protagonist als Mensch vor dem Richter erscheint, dem alles egal ist, der zum Beispiel, als seine Mutter starb, keinerlei Gefühlsregungen zeigte und am Tag nach ihrem Tod eine Liebesbeziehung mit einer Frau einging, hält man ihn für einen kaltblütigen, unberechenbaren Mörder.
Camus Werke sind bekannt dafür, das Leben des Menschen als sinnlos und absurd darzulegen. Nicht nur das Leben der Menschen, sondern auch der Tod ist absurd und sinnlos und deshalb ist es einerlei, was der Mensch mit seinem Leben anfängt. Gerade in diesem Werk ist seine Sicht noch sehr pessimistisch angehaucht, der Protagonist erhebt nicht den Anspruch, wie später in "Die Pest" und auch im "Mythos des Sisyphos", trotz Erkenntnis der Sinnlosigkeit und Absurdität, mit Gleichmut und Freude, einer bestimmten, individuell ausgesuchten Tätigkeit nachzugehen. In diesem Roman geht es um die Erkenntnis der Sinnlosigkeit, aber auch um die Erkenntnis von Lügengespinsten vonseiten der Gesellschaft, die die einfache Wahrheit hinter ihren konventionsbedingten Lügengeschichten nicht verstehen und nicht akzeptieren will. Die gesellschaftliche Konvention, so übel sie auch sein mag, wird nie in Frage gestellt, der Massenmensch fühlt eine gewisse Sicherheit, wenn er die Meinungen und Gepflogenheiten übernimmt, die ihm von der Gesellschaft diktiert werden. Und ein Mensch wie Meursault kommt unmöglich gegen diese aufgesetzte, falsche Apparatur, die die vom Menschen erschaffene Gesetze beinhaltet, an.
Wenn man die aktuelle Situation betrachtet, dann muss man sich zum Beispiel die Frage stellen, warum es heute so "in" ist, Finanzschwindler gerichtlich zu verurteilen, die es ja schon immer gegeben hat. Und wie steht es mit den Richtern und Anwälten, die diese Gerichtsverhandlungen führen, wer kontrolliert, ob sie nicht genauso korrupt sind wie jene, die Opfer der allgemeinen Wut über die Schere zwischen Arm und Reich sind.
Meursault wird eine moralische Verdorbenheit vorgeworfen, obwohl er gar keine moralischen Grundsätze besitzt, er ist der Gleichgültige und wie es richtig in diesem Werk erkannt wird, kehrt sich die Moral bei der Gesellschaft ins Gegenteil um, insofern, dass die Menschen nur danach trachten, zuzusehen, wie ein Mensch an den Pranger gestellt wird:
"Wie hatte ich übersehen können, dass nichts wichtiger ist als eine Hinrichtung und dass es alles in allem das einzig wirklich Interessante für einen Menschen ist. Wenn ich je aus diesem Gefängnis herauskommen sollte, würde ich mir alle Hinrichtungen ansehen. Ich glaube, es war ein Fehler, an diese Möglichkeit zu denken. Denn bei der Vorstellung, eines frühen Morgens als freier Mann hinter einer Polizeikette zu stehen, gewissermaßen auf der anderen Seite, bei der Vorstellung, der Zuschauer zu sein, der zusieht und sich hinterher übergeben kann, stieg mir eine Woge giftiger Freude ins Herz. Aber das war unvernünftig. Es war ein Fehler, mich zu solchen Annahmen hinreißen zu lassen, weil ich im nächsten Augenblick so entsetzlich fror, dass ich mich unter meiner Decke zusammenrollte. Meine Zähne klapperten, ohne dass ich an mich halten konnte."
Im Mittelalter waren Hinrichtungen eine Sensation, und den Menschen war es egal, ob der Mensch, der hingerichtet wurde im Recht oder Unrecht war. Heute gibt es zwar keine Hinrichtungen mehr und doch geht es darum zuzusehen, wie zunächst hoch angesehene Menschen, wie der Arzt von Michael Jackson zum Beispiel, verurteilt werden. Man lese einfach die Kommentare in den Zeitungen, die Menschen trachten danach, andere zu verurteilen, Sündenböcke zu schaffen. Steckt da vielleicht nicht ein bisschen Neid und Lust nach Schadenfreude dahinter? Jedenfalls ist das Thema in diesem Roman höchst aktuell und meiner Meinung nach auch gewissensbildend.