Wenn Nikolaus Harnoncourt eine Oper dirigiert, kann man sicher sein, dass das Ergebnis keine Routineaufführung wird. So auch in diesem Mitschnitt einer konzertanten Aufführung von 1995. Harnoncourts Weber ist melancholisch, schroff, düster, sein Wald nicht der zahme Forst des 20. Jahrhunderts, sondern die Wildnis früherer Zeiten. Seine Tempi sind eher breit, die Kontraste schroff, das Klangbild dunkel. Die Berliner Philharmoniker sorgen insbesondere in Ouverture und Wolfsschluchtszene für Kraft und Spannung.
Der große Trumpf dieser Aufnahme gegenüber den bis heute besten Konkurrenzaufnahmen unter
Joseph Keilberth,
Carlos und
Erich Kleiber ist der Max: Endrik Wottrich war zum Zeitpunkt dieser Aufnahme ein jugendlicher Heldentenor mit sicherer Höhe und kernigem Timbre, und damit einer der besten Interpreten des Max auf Tonträger. Leider hat Wottrich das Versprechen, dass er mit dieser Aufnahme gegeben hat, nicht halten können, hat seine Stimme mit zu schweren Rollen beschädigt.
Luba Orgonasova überzeugt mich als Agathe weniger als in ihren Mozart-Aufnahmen. Ihre volle, vibratoreiche Stimme wirkt für die Agathe einfach zu sicher, zu erwachsen. Die zarte Innigkeit von Elisabeth Grümmer (Keilberth und Erich Kleiber), die Verletzlichkeit von Gundula Janowitz (Carlos Kleiber) erreicht sie nicht. Dazu kommt eine recht undeutliche deutsche Aussprache. Eine gute, keine überragende Agathe.
Matti Salminen ist ein angemessen brutaler Kaspar mit düsterer Artikulation und großer Stimme. Leider stört auch sein Akzent hier mehr als in vielen anderen Aufnahmen. Deshalb haben Karl Christian Kohn (Keilberth) und Max Pröbstl (E. Kleiber) die Nase vorn.
Christine Schäfer ist ein sehr gutes Ännchen - nicht der sonst häufig zu hörende naive Backfisch, sondern eine junge Frau voller Mitgefühl. Die übrigen Solisten überzeugen sehr, vor allem der würdige Eremit von Kurt Moll - einzig Gilles Cachesmailles Kuno leidet unter seinem Akzent.
Eine gute, überzeugende Aufnahme - zumal zu diesem Preis.