Wer bisher mit Carl Maria von Webers
Freischütz, dieser viel gepriesenen "ersten romantischen Oper" deutscher Produktion, nicht viel anfangen konnte, der hat sich möglicherweise an all zu deutschtümelnder Interpretation der Gesangspartien und an den altbackenen Dialogen gestört. Beide Hindernisse räumt Bruno Weil mit seiner Neuaufnahme des Wolfschlucht-Grusicals aus dem Weg: Sein Max ist kein strammer Stentor-Tenor mit heldischen Ambitionen wie einst Hans Hopf in
Erich Kleibers sonst sehr schönen Einspielung.
Stattdessen überrascht Christoph Prégardien mit einem sensiblen, differenzierten Porträt des jungen Jägerburschen, der in seiner Arie "Durch Die Wälder, Durch Die Auen" über weite Strecken im unteren und mittleren dynamischen Bereich zu verbleiben vermag, wie es der zunächst sehr verzagten Stimmungslage entspricht; dass Prégardien dann im dramatisch-verzweifelten Schlussteil dieser Arie nicht mit Wagnertenor-Metall aufwarten kann, ist im Rahmen der Gesamtanlage dieser Figur dann auch kein Problem.
Eine weitere Wohltat dieser Einspielung ist Johanna Stojkovic als Ännchen: Kein bieder-jungfräuliches, sondern eine kesses und selbstbewusstes Porträt dieser sonst oft sehr betulich gezeichneten Person vermag die Sopranistin mit ihrer ausdrucksvollen, wunderschön timbrierten Stimme zu verwirklichen. Einziger Nachteil: Neben ihr verblasst die für sich genommen recht überzeugende Petra-Maria Schnitzer als Agathe ein wenig. Unter den weiteren Sängern ist besonders Christian Gerhaher, doppelt besetzt als Kilian und Ottokar, positiv hervorzuheben.
Für das Problem der gesprochenen Dialoge fand Weil eine sehr unkonventionelle Lösung: Er strich die ursprünglichen Texte vollkommen aus der Partitur und ließ stattdessen den Schriftsteller Steffen Kopetzky Samiel-Monologe verfassen, in denen dieser Vertreter des Bösen in der Handlung sich selbst als "dunkler Geist des Kollektivs" charakterisiert, welcher, blind und lediglich mit traumähnlichem Bewusstsein versehen, nur mittels des negativen Verhaltens von Menschen in Aktion treten kann. Trotz des starken Eingriffs in die Substanz eine gute Idee, wie ich meine, denn sie gibt der Handlung einen bedenkenswerten neuen Bezugspunkt.
Eine weitere Premiere in der Freischütz-Aufnahmegeschichte: Die Instrumentalisten der Cappella Coloniensis musizieren auf historischen Instrumenten der Zeit. Vieles gerät dadurch schlanker und durchsichtiger, der Hörer erlebt die Partitur stellenweise ganz neu. Bedauerlich sind nur einige Intonationsschwächen bei den Bläsern, die beispielsweise den Genuss der Ouvertüre ein wenig trüben. --Michael Wersin
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Ein bisschen stark ist das schon, wenn Bruno Weil im Booklet-Text dieser Aufnahme im Interview verlauten lässt: "Geben wir dieser großartigen Musik doch einfach eine Chance", und dabei so tut, als habe es die überwältigenden Freischütz-Interpretationen von Carlos Kleiber und Nikolaus Harnoncourt nie gegeben. Selbstverständlich teile auch ich Bruno Weils Absage an die Pappmaschee-Bühnenwelt vieler Freischütz-Inszenierungen in der es nur noch galt, optisch Eindruck zu schinden.
Weil hat Recht mit seiner Forderung, das Hauptaugenmerk wieder mehr auf die Musik zu richten. Doch er meint, dies nur mit Originalinstrumenten zu erreichen. Und irrt dabei. Denn: Man kann die so erreichte Transparenz und Fragilität des Klangbildes nur bewundern, die Plastizität, mit der einzelne Instrumentalwirkungen gelingen, nur bestaunen. Doch gegen die atemberaubende Expressivität und musikalische Leidenschaft eines Kleibers, mit der dieser in seiner Produktion aus dem Jahre 1955 die mystische Atmosphäre des Waldes vermittelte und jene ferne sagenumwobene Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg schilderte, in der die Handlung spielt, kommt Weil nicht an. Im Gesamteindruck wirkt seine Deutung zu gebändigt, zu zahm.
Das merkt man besonders in den Chören. Den Solisten allerdings kann man größtenteils kaum den Vorwurf mangelnder Emphase machen. Christoph Prégardien gibt überzeugend einen braven und tüchtigen Jägerburschen Max ab und weiß ihm aber auch seelische Abgründe einzuhauchen. Petra-Maria Schnitzers zarte zerbrechliche Anmut in der Rolle der Agathe nimmt gefangen. Ihr Gesang bleibt auch bei den unvergänglichen Schlagern, für die die Oper so berühmt wurde, innig und intim. Ihr zur Seite steht Johanna Stojkovic, die mit unbefangener Natürlichkeit das junge Ännchen verkörpert. Georg Zeppenfelds Darstellung des Kaspar wiederrum bleibt eindimensional, er weiß dessen dämonische Tiefen nicht auszuloten.
Ein besonderes Plus dieser Aufnahme ist, dass Weil die zuweilen schwer erträglichen gesprochenen Dialogen von Friedrich Kind durch Texte des Berliner Dramatikers Steffen Kopetzky ersetzen ließ. Kopetzky ließ alle Dialoge streichen und stellte den "schwarzen Jäger" Samiel ins Zentrum des Werkes, gleichsam ein "Weberscher Mephisto", der das Geschehen vorantreibt und dabei alle Fäden in der Hand hält. --Teresa Pieschacón Raphael