Nur zwei Mal muss ich umblättern, und schon bin ich mitten im Thema und vollständig gefesselt: Ich entdecke ein Gesicht, das wie für die Ewigkeit in Stein gehauen ist. Es stammt von der Grabstätte Posthoff des Frankfurter Hauptfriedhofs. Die Frau wirkt schwermütig in sich gekehrt, ihr wunderschöner Blick ist in die eigene(?) Vergangenheit gerichtet. Gleich sind Erinnerungen da, an meine Kindheit, in der ich oft durch diese Parkanlage schlenderte, in der so viele mehr oder weniger berühmte Frankfurter ihre letzte Ruhe fanden, während meine Mutter das Grab meiner Urgroßmutter pflegte, aber auch an Spaziergänge über andere berühmte Friedhöfe: Père Lachaise in Paris oder Ohlsdorf in Hamburg zum Beispiel.
Dieses herrlich einfühlsame, trotz seiner Nähe am Objekt wohltuend distanziert und unvoyeuristisch gehaltene, technisch perfekte Foto von Peter Braunholz verspricht viel. Und der Rest des Bildbandes hält dieses Versprechen! Friedhofskenner, Frankfurt-Freunde Parkliebhaber werden von diesem Buch ebenso begeistert sein wie alle Menschen, die sich für Bildhauerei, Fotografie, Kunstgeschichte oder schlicht die Entdeckung von Menschen und ihren Sehnsüchten interessieren.
Doch nicht nur die außerordentliche Qualität der Fotos überzeugt, auch die gelungene Mischung aus Detail-, Architektur- und Gartenaufnahmen - das Nebeneinander von Stimmung, Intimität, Distanz und Nähe, das typisch für unser ambivalentes Verhältnis zu schönen Friedhöfen ist. Weil das Buch dieses Gefühl unterschwellig transportiert, gelingt ihm etwas wunderbares: Es ersetzt ein Stück weit den realen Spaziergang.
Hervorragend ergänzt wird der Bildband von kenntnisreichen, gut geschriebenen und äußerst informativen Texten der Kulturwissenschaftlerin Britta Boerdner und des Kunsthistorikers Christian Setzepfandt. Ausgewählte Bildhauer werden vorgestellt, Stil und Symbolik, die Geschichte des Parks, berühmte Gräber und Begrabene und vieles mehr.
Am liebsten möchte man das ganze Team gleich auf die Reise schicken - nach Paris und Hamburg zum Beispiel. Denn in meinem Bücherregal - Abteilung Friedhöfe - ist noch ziemlich viel Platz.