Als literarisches Werk kann man den "Fragebogen" gar nicht hoch genug bewerten - erzählerisch ist es nämlich von höchster Meisterschaft, vermag die turbulente Zeit zwischen Kaiserreich und Entnazifizierung ungemein lebendig und anschaulich zu schildern, bleibt dabei zusammengehalten von einem süffisant-ironischen, aber stets menschenfreundlichen und nie ins Altkluge abdriftenden Erzählsstil. Gewiss muss man von Salomons Buch zu den großen Klassikern der deutschen (nicht bloß Nachkriegs-)literatur zählen; Für mich spielt es in einer Liga mit den Buddenbrooks, lässt dabei so manches blecherne Getrommel hinter sich.
Welches andere Werk der deutschen Prosa vermag auf über 600 kleinst- und enggedruckten Seiten so zu fesseln, von einer Epoche unzusammenhängend in die nächste, von einer Erzählebene in die andere zu springen, ohne jemals seine gebannt schmökernden Leser auf der Strecke zu verlieren.
Und gewiss, ein großer Teil der Faszination des Textes liegt in seiner ungewöhnlichen politischen Perspektive: hier schreibt einer von ganz weit Rechts - und trotzdem mit Herz und Hirn; Wer hätte gedacht, dass so etwas zusammengeht? Ernst von Salomon war überall dabei: bei den Freikorps, bei den Rathenau-Morden, dicht bei der Organisation Consul, welche sich im Auftrag der Republik gegen die Republik verschwor...
Häh, wie?!
Eben - wer von Salomon gelesen hat, weiß, dass die Geschichte des letzten Jahrhunderts um Größenordnungen komplizierter und vertrackter war, als es ein jeder von uns im "Staatsbürgerkunde-Unterricht" (Geschi, GK, Deutsch Oberstufe) mitbekommen hat. Da gibt es zwischen Rot und Tiefschwarz bis Schwarzbraun alle Töne und Schattierungen - ein verwirrendes Ineinander-Verstricktsein aller politischen Kräfte...
Und doch, so groß Ernst von Salomon als Literat einzuschätzen ist - so gefährlich einfach macht er es sich als Historiker und als Person des öffentlich-historischen Interesses. Ich glaube nämlich, dass es zur "deutschen Krankheit" gehört, zu meinen, wenn man bewiesen hätte, dass etwas außerordentlich komplex sei, habe man auch bewiesen, dass an diesem ganzen Knäuel gegenseitiger Bedingtheit niemand Schuld habe und niemand darin Verantwortung trage. Das ist sachlich falsch!
Niemand zwang von Salomon, sich an den Rathenau-Morden zu beteiligen. Niemand zwang ihn, Organisationen zu unterstützen, die den Staat zerschlagen wollten, dem er Loyalität schuldete, und niemand zwang ihn, als Drehbuchautor Helfershelfer der Nazi-Propaganda-Maschinerie zu werden.
Auch wenn alles ganz kompliziert war und schwer aufzudröseln ist: Der zweite Weltkrieg hat 60.000.000 Menschenleben gefordert, es sind Millionen von Menschen im sog. "Holocaust" umgekommen. Verdammt noch mal, lieber Herr von Salomon, irgendjemand muss die Verantwortung dafür auf sich nehmen. Sie tragen einen Teil davon, bei all ihrer klugen Ironie. Punkt.