Was ist das nur mit Katzenbach? Seine Romane beginnen mit einer Idee, die den Leser sofort packt und Hochspannung versprechen. Doch im Laufe der Zeit schläft die Handlung ein, nehmen unwichtige Details überhand, und wie eine Fliege auf dem Honig muss man sich durch eine immer zäher werdende Geschichte kämpfen, deren Spaß irgendwo unterwegs auf der Strecke geblieben ist.
Der Plot dieses Werks ist einfach zu umreißen: Eine Polizistin entdeckt, dass der vermeintliche Mörder ihrer Nichte nicht der tatsächliche Täter war. Dieser befindet sich noch auf freiem Fuß. Da die anderen Polizisten alle offenbar keine Lust haben, den Fall wieder aufzurollen, ermittelt sie auf eigene Faust. Über den Bruder des Mörders, einen forensischen Psychiater, versucht sie, sich ersterem zu nähern. Der Mörder, ein Fotograf mit einer Vorliebe fürs Morbide, hat in der Zwischenzeit eine Studentin entführt, die er mit unberechenbarer Gewalt zum Gehorsam zwingt und sie dann, gefügig gemacht, als Quasi-Sekretärin auf seine Mordzüge mitschleift.
Was sich theoretisch noch nach Spannung anhört, wird in der Praxis durch mehrere Methoden zu Tode geschwatzt. Zum einen wären da die endlosen inneren und äußeren Monologe, die die Personen andauernd und zu jeder Zeit halten müssen. Natürlich ist es nicht grundsätzlich verkehrt, Gedanken der Protagonisten darzustellen, ihre Zweifel und Irrtümer oder durch Erinnerungen ihre Vorgeschichte zu beleuchten. Doch Katzenbachs Charaktere tun dies andauernd. Die Polizistin, die zum Tatort kommt, wo sie ihre ermordete Nichte liegen sieht und nur noch auf sie zustürzen will, lässt sich erst auf einen endlosen Dialoge mit einem Polizisten, der sie daran hindern will, ein, erwägt sachliche Konsequenzen, Aspekte in Bezug auf ihre Arbeit, Auswirkungen auf ihre Psyche und mögliche Alternativen usw. Für fünf Meter in höchster Aufregung braucht sie offenbar zwanzig Minuten. Die Figuren scheinen generell keine klaren, einfachen Gedanken zu haben. Andauernd nehmen sie einen Gedanken unmittelbar nach dem Denken zurück, fallen ihnen plötzlich noch dieses und jenes ein, können offenbar keinen Schritt machen, ohne über ihre Kindheit und irgendwelche dramatischen Ereignisse ihrer Vergangenheit nachzudenken. Das Ergebnis dieser Fokussierung auf ihre Innerlichkeit ist, dass man oft den Eindruck hat, die Handlung würde zum Stehen zu kommen.
Tatsächlich passiert trotz des Umfangs dieses Werks nur sehr wenig. Die Polizistin kommt vor lauter Erinnerungen die ganze Zeit über irgendwie kaum voran, der Killer verbringt die überwiegende Zeit damit, der Studentin Gewalt anzutun oder zumindest anzudrohen und ihr den Mund zu verbieten, und letztere wagt sich vor Angst nicht zu rühren. Der Mörder plappert endlos dahin, während er und seine Gefangene durch die Staaten touren, will aber nicht so richtig unter die Haut gehen mit dem, was er so zu sagen hat. Eine Nebenfigur, die auf den letzten Seiten eingeführt wird und eigentlich keinen wirklichen Einfluss auf die Handlung hat, wird mit ihrer eigenen Geschichte ausführlich vorgestellt.
Über die Motivation des Killers, die den eigentlichen Aufhänger zu dieser Handlung gibt, kann man nur spekulieren. Gesetzt den Fall, unfreundliche Stiefeltern machen einen Menschen zu so einem Massenmörder ' was zum Teufel will er mit der Studentin. Soll sie seine Biographin sein? Rechtfertigt das Ergebnis den Aufwand, die Vorbereitung, die er investiert, eine geeignete Studentin auszuwählen, sie eine Ewigkeit mit psychischen Angst- und Gewaltspielchen psychisch zu zerrütten, nur um ihr unterwegs immer wieder sagen zu können: Schreibst du das auf? Du musst das alles aufschreiben! - Warum zum Geier kauft er sich kein Diktiergerät oder schreibt seine verdammten Langweilermemoiren einfach selbst, wenn es ihm schon um wortgetreue Wiedergabe geht?
Am Ende des Buchs hat man ein paar spannende Momente und viel heiße Luft erlebt und ist, wie üblich bei Katzenbach, kein bisschen schlauer. Die Sachen passieren einfach, wie sie passieren, die Zeit zwischendurch kriegen wir auch noch irgendwie rum. Simon Jäger liest wie üblich gut, um die verlorene Zeit tut es mir trotz allem leid. Wer an Katzenbach nicht vorbei kommt, sollte lieber zu zu Der Patient greifen.