Anton weiß nicht, welche Richtung er seinem ziellosen Leben geben soll. Sein Studium hat er abgebrochen und als Altenpfleger fühlt er sich nicht wohl. Seine Freundin, in die er sich während eines Klinikaufenthalts verliebte, verlässt ihn. Grund genug für den jungen Mann, seine Probleme in Hamburg wenigstens geografisch weit hinter sich zu lassen...
In New York lebt Jimmy, den seine Mutter einst liebte. Bei ihm kommt er unter und arbeitet in Jimmys Luncheonette, einem kleinen Imbiss mit großer Speisekarte. Onkel Jimmy und seine Crew arbeiten hart und stehen mit beiden Beinen fest auf der Erde. Brüchige Lebensgeschichten tragen sie alle in sich, ohne daran zugrunde gegangen zu sein. Der Junge wird angenommen, was aber auch bedeutet, dass er sich dem schnellen Arbeitsrhythmus unterzuordnen hat. Mit wohlfeilen Ratschlägen, die bestens geeignet sind, andere auf Distanz zu bannen, hält man sich in dem Wissen, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg finden muss, zurück. Der Imbiss, ein paar Straßenzüge und die Menschen darin und darum herum bilden Antons New Yorker Mikrokosmos, eine Art Insel, die fast kleinstädtisch anmutet, von Glamour keine Spur. Für den sensiblen und reflektierenden Jungen ist es dennoch eine faszinierende Welt, und besonders sein "Onkel" Jimmy zieht ihn immer mehr in seinem Bann, denn Jimmy hat Charisma und vor allem eine Obsession: Alcatraz und der große Ausbruch, bei der drei Häftlinge 1962 von der Insel flohen und niemals wieder gesehen wurden. Jimmy hat einen guten Grund zu glauben, dass die entflohenen Häftlinge nicht ertrunken sind und es geschafft haben. In seiner Wohnung hängen die Polizeifotos dieser Männer und in einer Kiste hat er alles Mögliche über die Gefängnisinsel und einige Häftlinge gehortet. Der junge Mann gerät immer mehr in den Bann der "Insel der Pelikane" und seines faszinierenden Onkels, der schon lange gelernt hat, sich nur auf seinen inneren Kompass zu verlassen. Zwar glaubt Anton, dass Jimmy auf dem Holzweg ist, aber die alte Gefängnisinsel lässt ihn nun auch nicht mehr los. Seine Gedanken kreisen immer weniger um sich selbst, dafür aber immer mehr um jenes lange zurückliegende Ereignis. Als er schließlich nach Hamburg zurückkehrt, ist er endgültig erwachsen geworden.
Der Faszination von Alcatraz ist wohl auch Benjamin Lebert erlegen, der die Geschichte und etliche Fakten, die alten Gefängnisinsel in der Bucht von San Francisco betreffend, in seine leise und tröstliche Geschichte um die Freundschaft eines jungen und alten Mannes einfließen ließ. Alcatraz gehört heute, aufgeräumt und touristischen Regeln folgend, zum Golden Gate National Recreational Park. Eine Art Disneyland ist das Ganze dennoch nicht. Besonders abseits der touristischen Meute bekommt man auch heute noch eine Ahnung, wie hart das Leben für die Gefangenen auf diesem abweisenden Felsen war. Auch im Sommer ist es nicht ratsam, diesen Ort ohne warme Kleidung zu besuchen und es dauert nicht lange, bis das zum Greifen nahe San Francisco (auch wenn nicht gerade Nebel herrscht) nur noch als Traum existieren zu scheint. Die Düsternis von Alcatraz, der Insel der Pelikane, ist immer noch spürbar, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen und es ist eine große Freude, dem legendären Felsen eingebettet in eine warmherzige Geschichte immer wieder zu begegnen. So gesehen ist diese Geschichte mit ihrem poetischen Namen auch eine Art raffinierter Reiseführer, wenn man sie denn für sich entdeckt hat. Aber was noch wichtiger ist, sie ist auch und besonders eine warmherzige Story für junge Menschen auf der Sinnsuche, die nur allzu oft mit abgeklärter Kaltschnäuzigkeit abgefertigt werden.
Robert Stadlober, der dem Ich-Erzähler Anton eine forsche, rebellische Stimme mit nachdenklichen Untertönen verleiht, bietet dem geneigten Ohr 237 Minuten andauernden Hörgenuss und erzählt die Geschichte in einem sehr passenden Sound. Völlig unbegreiflich ist mir, warum der "Flug der Pelikane" auch von den Profis in den Feuilletons meist unsanft zum Absturz freigegeben wurde.
Helga Kurz
3. Januar 2011