Viel ist bereits über das Schamanentum geschrieben worden. Neben wenigem nützlichen auch einiges, was besser kritisch gesehen werden sollte, angefüllt mit persönlichen Dogmen, gern auch phantastischen Traumvorstellungen und dergleichen.
Beim Begriff "Schamanismus" kommt es zu unterschiedlichsten Reaktionen. Manche sehen ein rein sibirisches Phänomen. Andere verbinden damit "indianische Spiritualität", wissen darin ein anthropologisch / ethnologisches Konstrukt oder entdecken eine Art archaischer Heilweise, Medizin, sogar Psychologie. Die meisten Blicke richten sich gen ferne Landen oder längst vergangene Zeiten.
Apu Kuntur versteht es meisterhaft, einen praktischen - vor allem einheimischen und modernen - Schamanismus zu beschreiben, der sich an keiner dieser künstlichen und spezialisierten Ideen festklammern muß. Er weist nach, dass das Schamanentum auch in unserer Zeit und Gesellschaft nicht nur eine Berechtigung hat sondern darüber hinaus tiefe, durch die Zeit reichende Wurzeln. Er vergißt dabei nicht, dass das europäische "Schamanentum" damals wie heute viel mit dem zu tun hat, was auch als Zauberei und Hexerei bezeichnet werden könnte. Diese alten Praktiken sind voll von überliefertem Wissen, welches bei genauerer Betrachtung als urschamanisch identifiziert werden muss und uns Menschen vom Anbeginn der Zeiten begleitet. Das fließt in die Arbeit ebenso ein wie neuzeitlichere Implikationen, Betrachtungen vom wissenschaftlichen Standpunkt oder schlicht der Warte des modernen Lebens.
Wenn Du Dich für eine umfassende und durchwegs praktische Darstellung interessierst, einen Weg gelebten Schamanentums für Dich zu entdecken, kann ich Dir dieses Buch nur wärmstens ans Herz legen. Hier wird nicht "pseudoschamanistisch" oder gar "esoterisch" verschnörkelt - hier wird sachlich und fundiert Klartext geschrieben. Trotzdem hängt an der Arbeit das Herzblut des Autors und die Kraft der Geister. Bei den Darstellungen kommt keiner zu kurz, weder Anfänger noch Fortgeschrittene, weder Theoretiker noch Praktiker. Den Kern- und Zugangstechniken des Schamanismus wird umfassende Aufmerksamkeit gezollt, notwendige Hintergrundinformationen - z.B. Trancestudien, Geisterklassen und möglichen Kartografien der NAW - werden nachvollziehbar vermittelt und es fehlt nicht an Anregungen, eigene und fortgeschrittene schamanische Techniken zu entwickeln, die für einen individuellen und lebendigen Weg unabdingbar sind. Apu Kuntur macht dabei nicht den Fehler, ein "absolutes und gesichertes", letztlich dogmatisches Wissen als Faktum zu maskieren. Seine Darstellungen begründen sich ebenso auf die Ergebnisse seiner umfassenden und langjährigen Studien wie auf seine persönliche, vor allem schamanisch geprägte Vision. Er hat begriffen und kann vermitteln, was viele unserer Wissenschaftler (nicht alle!) scheints bis heute nicht begriffen haben: dass es keine Objektivität ohne (wahrnehmende) Subjektivität geben kann. Demgemäß wird bei ihm dem subjektiven, dem persönlichen, der eigenen Vision, dem eigenen Bewusstsein ausreichend Raum eingeräumt und der Leser wird dadurch ermutigt und angestoßen, den auch wirklich eigenen Weg zu finden und zu gehen. Hierin liegt für mich eines der größeren Verdienste des schamanischen Ansatzes im Allgemeinen (neben dem, dass das Schamanentum Antworten und Problemlösungen bereithält, die andere, auch "konventionelle" Wege weitgehend schuldig bleiben) wie auch dem "Flug des Kondors" im Besonderen.
Lesbare und verständliche Texte, multizentrische praktische Ansätze (die weit über einen fünfzehnminütigen Trommelreiseschamanismus hinaus gehen), eine strukturierte und klare Darstellung sowie spürbare BeGeisterung lassen das Buch angenehm aus dem esoterisch literarischem Einheitsbrei heraus leuchten. Kurz: ein Schatz für Leser, die an authentischer, zeitgenössischer und praktisch umsetzbarer Schamanenkunst interessiert sind.
F. Röpti