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Zurzeit boomt das Mittelalter ja regelrecht. Michael Crichton organisierte schon erste Zeitreisen (Timeline). Ist da etwa eine leise Sehnsucht spürbar von uns verkopften Überkultivierten nach archaischen Zuständen, nach Verderbtheit und Direktheit? Hier jedenfalls bekommt man all diese Dinge satt. Im schönen mediävalen Tauberstädtchen brennt E.W. Heine nämlich ein solches Feuervogelwerk an Bluträuschen und sexueller Ausschweifung ab, dass einen die Frage beschleicht, ob hier wohl einer seine sehr persönlichen Obsessionen auslebt. Zurück zu den Schweinen. Die nämlich werden verantwortlich gemacht für die unerklärlichen Brandstiftungen, die in letzter Zeit die Franziskanerhäuser Rothenburgs verwüsteten. "Uriel in urbe", der Teufel ist in der Stadt! Und den vermutet Bruder Barnabas, ein mit dem Fall betrauter Franziskaner-Detektiv, in den Sauen. Parallel entfaltet der Roman die zarte und tragische Liebesgeschichte zwischen der schönen Judith, einer spanischen Jüdin aus Aragon und dem Christen und Bürgermeistersohn Attila Toppler. Der konfessionelle Konflikt ist vorprogrammiert. Judith, auf ihrem langen Weg zur Erkenntnis (Medica-Ausbildung eingeschlossen), beginnt zu ahnen, welch dunkle Mächte sich ihrem Freiheitsdrang entgegenstellen!
Spannender Trip in eine Zeit, in der Städte nach Kot stanken, die Pest wütete und Menschen auf Marktplätzen zur Belustigung aller gevierteilt wurden. Passable Sommerlektüre, wenn auch in seiner erzählerischen Kraft nicht ganz an die Qualität eines Ken Follett (Die Säulen der Erde) heranreichend. --Ravi Unger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Protagonisten des Romans sind die Sepharda Judith und der vom Bürgermeister Toppler an Sohnes statt angenommene Attila. Nachdem ihre Familie Opfer der spanischen Inquisition geworden war, gelang Judith die Flucht aus Saragossa zu ihrem Onkel nach Rothenburg. Die aragonische Jüdin und das christliche Findelkind kommen sich einander näher, nachdem ihr Attila das Leben rettete....
Als Judith gegen ihren Willen verheiratet werden soll, flieht die junge an Alchemie und Medizin interessierte Frau nach Bozen. Während sich Atilla auf die Suche nach ihr macht, versucht der Franziskanermönch Barnabas eine geheimnisvolle Brandserie in der Stadt aufzuklären....
Der Roman weist einige historische Fehler auf. Die Bezeichnungen Hunnen und Mongolen werden als Synonyme gebraucht, obwohl es sich um verschiedene Völker handelt, die zudem zu unterschiedlichen Zeiten die Weltbühne betraten. Die Babylonier unter ihrem Herrscher Nebukadnezar und Feldherrn Holofernes werden mit den Assyrern gleichgesetzt, einem Volk und Reich, das zu jener Zeit bereits untergegangen war. Abraham konnte noch kein Jude gewesen sein, denn deren Stammvater Juda, der vierte Sohn Jakobs und Enkel Issaks sollte erst ca. 120 Jahre später (als sein Urenkel!) geboren werden. Der größte Schnitzer ist jedoch dies Aussage einer Romanfigur, die von wirtschaftlicher Konkurrenz im Jahre 1390 spricht, die nicht nur von Genuesen und Florentinern, sondern vor allem von den Tempelherren ausgehe. Den Templerorden gab es jedoch nicht mehr, da er bereits 78 Jahre zuvor (1312) von Papst Clemens V. aufgelöst worden war! Darüber hinaus gebrauchen die Romanakteure Begriffe, die es zu ihrer Zeit noch nicht gegeben hatte. Denn erst nach den Entdeckungen des Kolumbus sollte der erste Kürbis aus Amerika, und gar im 17. Jahrhundert der erste Tee aus Südchina, nach Europa gelangen. Als weitere krasse Anachronismen werden Pfeffersack und Feuerwerk (16. Jahrhundert), Kalesche und Taschenspielertrick (17. Jahrhundert), sowie Gobelin und Kormoran (18. Jahrhundert) verwendet.
"Der Flug des Feuervogels" zeichnet ein düsteres, jedoch reales spätmittelalterliches Szenario. Eine von Neid, Habgier, Ausschweifungen, Faustrecht, Sadismus, Pest, sowie Mord und Totschlag geprägte Zeit mit einer "Rechtsordnung" bei der Tiere zum Tode verurteilt werden und einer sogenannten "Heiligen Inquisition" alles erlaubt wird. Selbst die zunächst als aufgeklärter und toleranter Lichtblick erscheinende Lagunenstadt Venedig hat mehr als nur eine Schattenseite. Die manchmal in recht drastischer Weise und grober Sprache geschilderten Ereignisse, sowie das plötzliche und unerfreuliche Ende des Romans sind nichts für zartbesaitete Leser. Zudem wirkt die Liebe zwischen Attila und Judith eher unterkühlt. Für den Roman, der das Prädikat "historisch" durchaus verdient und erst auf den letzten Seiten seinen Buchtitel plausibel werden lässt, wäre ein Glossar wünschenswert gewesen. Zusammengenommen ist er mit 3 Amazonsternen zu bewerten und kann denjenigen Lesern empfohlen werden, die sich für das Spätmittelalter interessieren.
Zweierlei Arten von Berührungspunkten übten während des Lesens eine große Anziehungskraft auf mich aus: Dies sind zum einen die historischen Schauplätze des Werkes: Rothenburg ob der Tauber als Hauptort des Geschehens rückt aus den Schubladen der Erinnerung hervor; subjektive Eindrücke des imposanten Stadtbildes werden zum Leben erweckt. Gleichermaßen verhält es sich mit Venedig, in welchem Judith, eine der Hauptakteure des Buches, einen gewissen Lebensabschnitt mit Doktor Andreas verbringt. Zum anderen ist es die Sprache beziehungsweise die Veränderungen des Sprachstils innerhalb des Buches: sie schwankt von der Einfachheit bis hin zu Ausschweifungen, insbesondere wenn es sich um Fragen und Lebensweisheiten handelt, die um das vorherrschende Thema Liebe kreisen. Ein ganz besonderes »Bonbon« sind hierbei die lateinischen Zitate und deren Übersetzungen.
Judith ist eine »Heldin, wie sie im Buche steht« - sie gibt sich nicht zufrieden mit den bedeutungslosen Oberflächen des Lebens, sondern möchte eintauchen in die Welt der Wissenschaft und auch in die Tiefen der Liebe. Das interessanteste Verhältnis von Judith ist jene zu Doktor Andreas, mit dem sie während ihres Aufenthaltes in Bozen und später in Venedig allabendliche Gespräche führt; es scheint, als suche sie eine wissenschaftliche, aber auch emotionale Abgeschiedenheit und Objektivität, um Antworten auf jene Fragen zu finden, die sie sich dort erst zu formulieren wagt ... Mit den passenden Worten »In Dir muss brennen, was Du in anderen entzünden willst« des abendländischen Philosophen Augustinus schließe ich die Beschreibung dieses äußerst lesenswerten Romans.
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