"Der Flug des Feuervogels"
Im Jahre 1390 setzt sich in Deutschland der Schwund königlicher Macht, zugunsten der Territorialfürsten, unvermindert fort. König Wenzel sollte schließlich zehn Jahre später von den Reichsfürsten abgesetzt werden. Während der verarmte Ritterstand zum Raubrittertum verkommt, erfreuen sich die Freien Reichstädte wachsender Prosperität. Eine der größten Reichstädte ist Rothenburg ob der Tauber, in der die Juden nicht in einem Ghetto, sondern mit den Christen zusammen leben. Nach Rabbi ben Meir wird die Stadt auch als "Jerusalem des Nordens" bezeichnet....
Protagonisten des Romans sind die Sepharda Judith und der vom Bürgermeister Toppler an Sohnes statt angenommene Attila. Nachdem ihre Familie Opfer der spanischen Inquisition geworden war, gelang Judith die Flucht aus Saragossa zu ihrem Onkel nach Rothenburg. Die aragonische Jüdin und das christliche Findelkind kommen sich einander näher, nachdem ihr Attila das Leben rettete....
Als Judith gegen ihren Willen verheiratet werden soll, flieht die junge an Alchemie und Medizin interessierte Frau nach Bozen. Während sich Atilla auf die Suche nach ihr macht, versucht der Franziskanermönch Barnabas eine geheimnisvolle Brandserie in der Stadt aufzuklären....
Der Roman weist einige historische Fehler auf. Die Bezeichnungen Hunnen und Mongolen werden als Synonyme gebraucht, obwohl es sich um verschiedene Völker handelt, die zudem zu unterschiedlichen Zeiten die Weltbühne betraten. Die Babylonier unter ihrem Herrscher Nebukadnezar und Feldherrn Holofernes werden mit den Assyrern gleichgesetzt, einem Volk und Reich, das zu jener Zeit bereits untergegangen war. Abraham konnte noch kein Jude gewesen sein, denn deren Stammvater Juda, der vierte Sohn Jakobs und Enkel Issaks sollte erst ca. 120 Jahre später (als sein Urenkel!) geboren werden. Der größte Schnitzer ist jedoch dies Aussage einer Romanfigur, die von wirtschaftlicher Konkurrenz im Jahre 1390 spricht, die nicht nur von Genuesen und Florentinern, sondern vor allem von den Tempelherren ausgehe. Den Templerorden gab es jedoch nicht mehr, da er bereits 78 Jahre zuvor (1312) von Papst Clemens V. aufgelöst worden war! Darüber hinaus gebrauchen die Romanakteure Begriffe, die es zu ihrer Zeit noch nicht gegeben hatte. Denn erst nach den Entdeckungen des Kolumbus sollte der erste Kürbis aus Amerika, und gar im 17. Jahrhundert der erste Tee aus Südchina, nach Europa gelangen. Als weitere krasse Anachronismen werden Pfeffersack und Feuerwerk (16. Jahrhundert), Kalesche und Taschenspielertrick (17. Jahrhundert), sowie Gobelin und Kormoran (18. Jahrhundert) verwendet.
"Der Flug des Feuervogels" zeichnet ein düsteres, jedoch reales spätmittelalterliches Szenario. Eine von Neid, Habgier, Ausschweifungen, Faustrecht, Sadismus, Pest, sowie Mord und Totschlag geprägte Zeit mit einer "Rechtsordnung" bei der Tiere zum Tode verurteilt werden und einer sogenannten "Heiligen Inquisition" alles erlaubt wird. Selbst die zunächst als aufgeklärter und toleranter Lichtblick erscheinende Lagunenstadt Venedig hat mehr als nur eine Schattenseite. Die manchmal in recht drastischer Weise und grober Sprache geschilderten Ereignisse, sowie das plötzliche und unerfreuliche Ende des Romans sind nichts für zartbesaitete Leser. Zudem wirkt die Liebe zwischen Attila und Judith eher unterkühlt. Für den Roman, der das Prädikat "historisch" durchaus verdient und erst auf den letzten Seiten seinen Buchtitel plausibel werden lässt, wäre ein Glossar wünschenswert gewesen. Zusammengenommen ist er mit 3 Amazonsternen zu bewerten und kann denjenigen Lesern empfohlen werden, die sich für das Spätmittelalter interessieren.
"Die Raben von Carcassonne"
Leander Luis von Latour, Enkel eines Sarazenen, ist in dritter Generation der Henker von Carcassonne. Neben Kenntnissen der menschlichen Anatomie, die er sich aufgrund seines Berufes aneignen konnte, hat er sich seine Philosophie konstruiert, wonach er sich als Pendant zu einer Hebamme versteht.....
Die Nonne Thekla wird auf Weisung des Papstes Gregor IX. aus ihrem Kloster im italienischen Piacenza ins südfranzösische Languedoc geschickt, um dort als, wie man es heutzutage nennen würde, "undercover agent" das Geheimnis der Katharer zu lüften. Nach einer alten Weissagung soll während des Pontifikates von Gregor IX. (1227-1241) in Okzitanien ein Merowingerspross aus dem Hause Davids und leiblicher Nachkomme von Jesus Christus in geboren werden.....
Ungeachtet der hanebüchen Handlung nimmt es der Roman mit geographischen, historischen Fakten und Begriffen nicht allzu genau. Entgegen dem Roman liegt die Stadt Toulouse keineswegs in der Provence, sondern in der Grafschaft mit dem selben Namen. Papst Gregor IX. starb im Alter von 71 Jahren und nicht fast hundertjährig. Die Vorläufer der Katharer auf dem Balkan wurden nicht Bugomilen, sondern Bogomilen genannt. Der Ort Lastour wird als Latour wiedergegeben. Mann und Frau werden als Parfait bezeichnet, obwohl Parfait (Perfectus) nur die männliche Form ist, und die weibliche (Perfecta) parfaite lautet. Entgegen dem Roman hatten die Katharer weder einen Großmeister(sondern einen Bischof), noch verkörperten sie das weibliche Prinzip. Die Gräfin von Foix und katharische Perfecta hieß weder Isabel (sondern Esclarmonde) mit Vornamen, noch hat sie einen Orden gegründet. Einige der nahezu ständig Tee (der erst im 17. Jahrhundert nach Europa gelangen sollte) trinkenden Romanakteure bedienen sich oftmals und wiederholt Wörter, die es in der Mitte des 13. Jahrhunderts noch nicht gegeben hatte, da sie aus späteren Jahrhunderten stammen: Degen, Märchen (15. Jh.), Mummenschanz (16. Jh.), Dogge, Mätresse, Maskenball, Taschenspieler(17. Jh.), Vampir, Schnurrbart (18. Jh.) und Armer Schlucker (20. Jh.).
Mit seinem neuen Werk, das eher opulent im Sinne von schwerverdaulich, denn historisch geraten ist, hat E. W. Heine jedoch den Vogel abgeschossen. Aus einem Templermythos und dem Namen einer Katharerburg fabuliert er den "Baphomet Queribus". Dieses abstruse Phantasieprodukt stellt er, als Verballhornung des Heiligen Gral (von span. Sangre real) und der katharischen Endura als "Sang de Saint" vor. Zusammengenommen verdient der Roman weder das Prädikat historisch, noch eine höhere Weihe (Bewertung) als 2 Amazonsterne und kann auch keinem ernsthaft an den Katharern interessierten Leser empfohlen werden.
Der mittelalterliche Roman-Doppelpack kann trotz seines günstigen Kaufpreises nur unter den genannten Eischränkungen empfohlen werden und ist zusammengenommen mit 2 1/2 Amazonsternen zu bewerten.