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Lovecraft liefert auch mit diesem Buch wieder eine schauerliche Science-Fiction-Erzählung. In seiner unnachahmlichen Art des subtilen Horrors schafft er es, ohne tatsächlich Tatsachen zu behaupten beim Leser durch dessen eigene Schlußfolgerungen das Grauen zu erzeugen. (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)
So beginnt die 1930 geschriebene Kurzgeschichte „Der Flüsterer im Dunkeln“ von H. P. Lovecraft, die jetzt als vollständige Lesung bei LPL-Records in schöner Aufmachung erschienen ist.
Eine der Stärken dieser Geschichte liegt darin, den Hörer in trügerischer Sicherheit zu wiegen. Bereits im ersten Satz macht Lovecraft dies deutlich: „Man sollte sich stets im Klaren darüber sein, dass ich bis zum Schluss nichts wirklich Grauenhaftes gesehen habe“ sagt der Ich-Erzähler namens Mr. Wilmarth. Derjenige, der sich jetzt entspannt zurück lehnt, wird bald eines besseren belehrt, erzählt Wilmarth doch von grauenhaften Dingen, die Andere gesehen haben, und dies sehr plastisch, farbig und Gänsehaut-erzeugend genau.
Wie von Lovecraft gewohnt, haben seine Charaktere eine für das Genre ungewöhnliche Tiefe und Komplexität. Im Verlauf des Plots machen beide eine Entwicklung durch, die glaubwürdig, nachvollziehbar und logisch erscheint und mit dazu beiträgt, die Spannung ungebrochen bis zum Schluss aufrecht zu erhalten.
Einen großen Anteil am erzeugten Horror haben, neben der gelungenen Musikuntermalung, die beiden Sprecher David Nathan und Torsten Michaelis. David Nathan, Synchronsprecher von Christian Bale, verkörpert den jugendlichen, realistischen Wissenschaftler Mr. Wilmarth, sein Gegenpart Mr. Akeley wird von Torsten Michaelis gesprochen, Synchronsprecher von Wesley Snipes. Zu Beginn klingt Wilmarth jung, enthusiastisch, sachlich aber bereits bei den ersten Sätzen schwingt ein undefinierbarer Unterton mit, glaubt man die Stimme zittern zu hören, so als ob sich der Erzähler selber beruhigen oder das, was nun folgt, als Mythos oder Alptraum abtun will. Nathan passt seine Stimme geschickt jeder Situation an und deutet mittels ungewöhnlicher Betonung an, dass er noch nicht alles erzählt hat, was wirklich passiert ist.
Mr. Akeleys erster Brief schwillt fast über vor Selbstzufriedenheit eines Mannes, der bereits im gesetzten Alter ist, den Überblick des „weisen Alten“ hat und seinen jüngeren Kollegen belehren will. Aber im Verlauf des Schriftwechsels geht eine Wandlung mit ihm durch, die Torsten Michaelis durch seine dynamische Sprechweise ausgezeichnet zu vermitteln versteht. Der Verlag spielt hier die Vorteile des Mediums „Hörbuch“ gegenüber einer Printausgabe voll aus. Michaelis liest dermaßen dramatisch und emotional, dass Akeleys Entsetzen auf den Hörer überspringt und man froh ist, wenn David Nathan nach so einem Absatz mit seiner zweifelnd-wissenschaftlichen Stimme wenigstens für kurze Zeit Raum zum Luftschöpfen bietet – allerdings währt auch im späteren Verlauf der Geschichte dieser Zustand nicht lange, da dann beide Protagonisten von grauenhaften Erlebnissen berichten und der Vortrag dieses Grauen plastisch erlebbar macht.
Es entsteht ein reger Briefverkehr zwischen den beiden Gelehrten und im Gegensatz zu allen anderen kann Akeley schnell so etwa wie einen Beweis für die absonderlichen Umtriebe anbieten, neben einer Fotografie eines merkwürdigen Fußabdrucks und einige mehr als rätselhafte Tonaufnahmen.
Gemeinsam und doch getrennt, denn die beiden Männer leben viele hundert Meilen voneinander entfernt, beginnen sie, die rätselhaften Phänomene zu untersuchen und dank Akeleys Mut bestätigt sich bald ein furchtbarer Verdacht: Es gibt sie tatsächlich die seltsamen Fremden in den Bergen von Vermont und es deutet vieles darauf hin, dass es sich um eine Rasse Außerirdischer handelt. Doch Akeleys Nächte verwandeln sich in Zeiten des Schreckens und schließlich wird er sogar belagert von den Wesen, die die einfachen Menschen der Gegend als krustenartige, menschengroße krebsähnliche Kreaturen beschreiben.
Um die unheimlichen Wesen nicht auf seinen Freund aufmerksam zu machen, verbietet er dem Volkskundler, zu ihm nach Vermont zu kommen, bis plötzlich ein Brief eintrifft, der alles ändert – oder doch nicht?
„Zugegeben, ich habe bis zum Schluss nichts unmittelbar Schreckliches gesehen.“
Mit diesen Worten beginnt Lovecrafts wohl paranoideste Geschichte und zugleich bietet dieser einleitende Satz eine Interpretationsmöglichkeit, die den „Flüster im Dunkeln“ vor allzu lapidaren Bewertungen rettet. Die 1930 entstandene Geschichte befindet sich in einer seltsamen Schwebe zwischen Lovecrafts üblicher wissenschaftlicher Präzision und der z.T. völligen Abwesenheit logischen Handels der beiden Hauptakteure, dem Ich-Erzähler und eben Akeley.
Warum die beiden Männer der Wissenschaft sich ständig derart verhalten, dass man ihnen „Warum?“ an den Kopf schmeißen möchte, lässt sich nicht unbedingt auf Anhieb verstehen, doch Lovecrafts Stück ist viel subtiler, als man zunächst meinen könnte, denn was wie eine Nachlässigkeit aussieht, ist in Wahrheit nichts anderes als eben der Geisteszustand eines Mannes, der unter schwerem Verfolgungswahn leidet. So ist es ganz natürlich, dass er sich nicht logisch handelt, hinter jedem und allem eine Verschwörung vermutet, in der natürlich auch seine Mitmenschen verstrickt sind. Wertvolle Beweise, die Akeley aus Vermont schickt, tauchen beim Volkskundler nie auf – natürlich wurden sie abgefangen. Und was bleibt eigentlich an Grauenhaftem, an Beweisen für die Existenz außerirdischen Lebens in den Wäldern Vermonts außer den Briefen eines einsamen und verschrobenen Mannes (der ja auch über sich selbst sagt, dass er als Sonderling betrachtet wird) – nichts außer einem Foto von einem Fußabdruck. Natürlich beeilt sich der Ich-Erzähler zu versichern, dass er gleich erkenne, dass es sich nicht um eine Fälschung handeln kann, doch was ihn zu diesem Schluß qualifiziert bleibt letztlich sein Geheimnis. Ähnlich verhält es sich mit der Tonaufnahme und das von seinem Besuch bei Akeley auch nichts greifbares übrig bleibt, räumt er in dem ersten Satz der Erzählung sofort ein.
„Der Flüsterer im Dunkeln“ ist eine brillante Innenaufnahme eines neurotischen Mannes, die ihre Leser und Hörer mit auf einen fiebrig intensiven Trip nimmt. Geschickt bewegt sie sich auf ihren schaurigen Höhepunkt zu, der als Abschluss zwar verstörend, unter dem Gesichtspunkt des Wahnsinns aber letztlich eine logische Konsequenz ist. Letztlich kann die Geschichte nicht einmal einen handfesten Beweis für die Existenz Akeleys anbieten und so bekommt auch der Titel der Geschichte eine neue, gruselige Bedeutung, in der das Flüstern aus dem Dunkel der Seele des Volkskundlers kommt.
Mit David Nathan und Thorsten Michaelis präsentiert LPL zwei ihrer „Stammstimmen“, die HPLs „Flüsterer im Dunkeln“ in eine Horrorgeschichte verwandeln, die noch lange im Gedächtnis nachhallt. Beide Sprecher bringen die ganze Getriebenheit und Abgründigkeit der beiden Figuren perfekt herüber.
Meisterlich steigern sich Nathan und Michaelis in die Geschichte ein und begleiten die beiden Helden tief hinab in die Geheimnisse der dunklen Wälder und ihrer eigenen Seelen. Insbesondere Torsten Michaelis, spätestens seit seinem Beitrag zu Gigers „Vampirric“ Reihe für mich einer der besten Stimmen für Hörbücher überhaupt, spielt seinen Akeley mit einer Intensität, die an seiner geistigen Gesundheit zweifeln lässt.
Ergänzt oder vielmehr komplementiert werden die beiden durch die Arbeit von Andy Matern, der ebenfalls zur Stammmannschaft von LPL gehört und sich bisher immer durch stimmungsvolle musikalische Beiträge ausgezeichnet hat. Für „Der Flüsterer im Dunkeln“ hat er eine Musik komponiert, die eindeutig ein Soundtrack ist – stimmungsvoll getragenen zeichnet sie auch in den kurzen Abschnitten perfekt ein Bild der erhabenen Kulisse der nordamerikanischen Berge, vor und in denen Lovecrafts Geschichte sich zuträgt. Matern liefert hier seinen besten und reifsten musikalischen Beitrag für LPL ab.
Folgerichtig finden sich auf der vierten CD ausgewählte Stücke von ihm, bei denen höchstens zu bemängeln ist, dass sie nicht sein ganzes Schaffen abdecken – wo z.B. ist der majestätische Soundtrack, den er zu „Draculas Gast“ geschrieben hat?
Eine echte Perle für alle Fans des Einsiedlers aus Providence sind die Erinnerungen von Muriel Eddy, eine Freundin Lovecrafts, die ihre Beziehung zum Großmeister des Grauens schildert, vorgetragen von keiner geringeren als Dagmar Berghoff!
Das besondere liegt hier – ganz wie so häufig das Grauen in Lovecrafts Geschichten – im Alltäglichen. Es ist weniger der biographische Schnelldurchlauf, sondern die Kleinigkeiten & Details, die sie präsentieren kann und die das Lovecraft Bild auf einzigartige Weise abrunden.
Mit „Der Flüsterer im Dunkeln“ legt LPL eine der verstörensten Geschichten des Altmeisters vor, mit beängstigend guten Sprechern & einem Soundtrack, der für eine solche Produktion seinsgleichen sucht.
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