Worum es in "Der Fisch im Wasser" geht, zeigt das Titelbild: Da ist Mario Vargas Llosa als Wahlkämpfer zu sehen. Als Caballero, der seinen Sombrero schwenkt, reitet er mit seinem Wahlkampftross übers Land. Der Präsidentschaftskandidat besucht kleine, ja selbst kleinste Orte und bemüht sich, auch die Quechua und Aymara sprechenden Ureinwohner und die Spanisch sprechende Landbevölkerung davon zu überzeugen, dass die Demokratie besser für Peru und für sie selbst ist. Außerdem erinnert sich Mario Vargas Llosa auf eher wenigen Seiten auch noch an seine Kindheit und die Geschichte seines Erwachsenwerden.
Dieses Buch ist also ein Tatsachenbericht und kein Roman. Was es so lesenswert macht, ist einerseits die Geschichte des Landes, das aus drei komplett verschiedenen Lebensbereichen besteht - der Küste mit den großen Städten, der Sierra (den Anden, also dem Hochland) und dem tropischem Regenwald, einem Urwaldgebiet, in dem Flüsse fast die einzigen Verkehrsadern sind - und andererseits der tiefe Einblick in politische Strukturen. In jene Strukturen, die man nicht nur in Peru, sondern überall auf der Welt vorfindet. So stellt Mario Vargas Llosa aus eigener Erfahrung fest:
"Die wirkliche Politik, nicht die Politik, über die man liest und schreibt... besteht fast ausschließlich aus Manövern, Intrigen, Verschwörungen, Pakten, Paranoia, Verrat, viel Berechnung, nicht wenig Zynismus und allen möglichen Balanceakten. Denn was den professionellen Politiker, ob er nun der Mitte, der Linken oder der Rechten angehört, wirklich antreibt, erregt und in Bewegung hält, ist die Macht: sie gilt es zu erlangen, zu behalten oder so rasch wie möglich zurückzuerobern. Es gibt natürlich Ausnahmen, aber sie sind eben das: Ausnahmen. Viele Politiker lassen sich am Anfang von altruistischen Gefühlen leiten - die Gesellschaft verändern, Gerechtigkeit schaffen, die Entwicklung fördern, die öffentliche Moral verbessern -, aber in der kleinlichen, trivialen Praxis der täglichen Politik verschwinden diese schönen Ziele..."
Wer nicht fähig sei, diese "obsessive, beinahe physische Anziehungskraft der Macht zu empfinden", werde kaum ein erfolgreicher Politiker - was auf ihn selbst zutraf. Der Schriftsteller hatte sich deshalb um die Präsidentschaft in Peru beworben, weil er der Demokratie zum Durchbruch verhelfen und den Ärmsten der Armen eine Lebenschance eröffnen wollte. Eines seiner Ziele war, dass alle Orte in Peru eine Schule erhalten, damit alle Kinder - auch die in den entlegendsten Orten im tropischen Urwald - Lesen und Schreiben lernen.
Ich empfehle dieses Buch allen, die sich dafür interessieren, wie es in Peru während der Militärdiktaturen aussah und wie sich der Kampf um die Demokratisierung des Landes gestaltete. Außerdem erfährt man viel über den südamerikanischen Kontinent und darüber, wie es in der politischen Linken zugeht: Der kleinliche Bruderkrieg war sehr vielen Funktionären wichtiger als das Land, der Kampf gegen den politischen Gegner, der Wahlsieg und damit die Demokratie. Nach dem Scheitern der Vereinigten Linken errichte Fujimori dann ja auch wieder eine Diktatur.
Wenn man dieses Buch liest - und Mario Vargas Llosa ist ein sehr guter Schriftsteller, der seine Erlebnisse detailreich und so, dass alle Sinne angesprochen werden, schildert - fällt es einem wie Schuppen von den Augen. Plötzlich versteht man aufgrund des Beispiels Peru auch die politische Geschichte im eigenen Land besser, ebenso wie die Entwicklung bei den Sozialdemokraten in Deutschland zum Beispiel.