Aus der Amazon.de-Redaktion
Das seltsame Verschwinden des U-Boot-Kommandeurs betrifft Kurt Wallander auf gleich mehrfache Art und Weise. Zum einen ist Håkan von Enke der Vater des Finanzmaklers Hans von Enke, den Wallanders Tochter Lisa heiraten will. Und zum anderen hat Lisas zukünftiger Schwiegervater Wallander auf seinem Geburtstag eine mysteriöse Geschichte erzählt, die Jahre zurückliegt und mit einem russischen U-Boot zu tun hat, das dereinst vor Schwedens Küste kreuzte und durch einen Befehl von höchster Stelle nicht vom heimischen Militär hochgenommen werden konnte. Hat das Verschwinden Håkan von Enkes vielleicht etwas mit diesem Vorfall zu tun, zumal sich der Kommandant ganz offensichtlich bedroht und verfolgt fühlte? Wallander beginnt zu ermitteln – und stößt nicht nur in der Familienhistorie derer von Enkes, sondern auch on der schwedischen Geschichte auf einige äußerst dunkle Kapitel...
Kurt Wallander ist wieder da – und zwar in altbewährter Form! Denn Henning Mankells melancholischer Ermittler hat wieder allerlei private Probleme – so zum Beispiel ein Disziplinarverfahren, nachdem er seine Pistole im Suff in einem Restaurant liegen ließ. Auch diese psychologische Tiefe der Natur sorgt dafür, dass die Spannung über fast 600 Seiten erhalten bleibt, ebenso wie Mankells wundervoll dichte Sprache mit ihren traurig-präzisen Sätzen.
Dass Der Feind im Schatten wohl Wallanders letzter Fall sein wird – das Ende liegt dies nahe –, macht die Sache zwar nicht schöner, sollte aber jeden Krimifan erst recht dazu bewegen, diesen umwerfend gut geschriebenen – und im Übrigen durch Wolfgang Butt kongenial übersetzten – Roman zu verschlingen. -- Stefan Kellerer
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Kurzbeschreibung
Über den Autor
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Es war nicht Linda, die anrief, sondern der Vater des Kindes, der Finanzmakler Hans von Enke. Weil Wallander sich vor ihm nicht als rührselig zeigen wollte, dankte er eilig für die Nachricht, bat ihn, Linda Grüße auszurichten, und beendete das Gespräch.
Dann machte Wallander einen langen Spaziergang mit Jussi. Noch lag die Spätsommerwärme über Schonen, in der Nacht hatte es ein Gewitter gegeben, und jetzt war die Luft frisch und leicht. Endlich konnte Wallander zugeben, wie oft er sich darüber gewundert hatte, dass Linda nie von einem Kinderwunsch gesprochen hatte. Inzwischen war sie schon siebenunddreißig, ein aus Wallanders Sicht viel zu später Zeitpunkt für eine Frau, um Mutter zu werden. Mona war wesentlich jünger gewesen, als ihre Tochter geboren wurde. Er hatte Lindas Beziehungen aus der Distanz verfolgt, einige ihrer Männer hatte er gern gemocht, andere weniger. Wenn er überzeugt gewesen war, dass sie endlich den Richtigen gefunden habe, war es eines Tages plötzlich aus, und Linda hatte nie erklärt, warum. Auch wenn Wallander und Linda ein enges Verhältnis hatten, gab es gewisse Dinge, die sie selbst in ihren vertraulichsten Stunden nicht berührten. Zu diesen tabubelegten Themen gehörte auch die Kinderfrage.
An ebenjenem Tag am Strand von Mossby hatte sie zum ersten Mal von dem Mann erzählt, mit dem sie ein Kind haben würde. Für Wallander war die Existenz dieses Mannes eine Überraschung. Er war der Meinung gewesen, Linda habe gegenwärtig keine feste Beziehung. Umso erstaunter war er über das, was sie erzählte.
Linda hatte Hans von Enke bei gemeinsamen Freunden in Kopenhagen anlässlich einer Verlobungsfeier kennengelernt. Er kam aus Stockholm, hatte aber zuletzt in Kopenhagen bei einer Finanzmaklerfirma gearbeitet, die sich vor allem dem Aufbau von Hedgefonds widmete. Auf Linda hatte er hochnäsig gewirkt, und sie hatte sich über ihn geärgert. Ziemlich ungestüm erklärte sie ihm, sie sei eine einfache Polizistin mit niedrigem Lohn, die keine Ahnung davon habe, was ein Hedgefonds war. Sprach sie es überhaupt richtig aus? Es endete damit, dass sie sich auf eine lange nächtliche Wanderung durch Kopenhagen begaben und sich wieder verabredeten. Hans von Enke war zwei Jahre jünger als Linda und hatte auch noch keine Kinder. Beide hatten schon vom Beginn ihrer Beziehung an, zwar unausgesprochen, aber doch ganz klar, beschlossen, Kinder zu haben.
Zwei Tage nach der großen Enthüllung hatte Linda am Abend mit dem Mann, mit dem sie zusammenleben wollte, ihren Vater besucht. Hans von Enke war groß und mager, hatte schütteres Haar und klarblaue Augen mit einem durchdringenden Blick. Wallander fühlte sich in seiner Gesellschaft sogleich unsicher, empfand seine Art und Weise sich auszudrücken als fremd und fragte sich, warum Linda sich für diesen Mann entschieden hatte. Als sie erzählt hatte, dass er dreimal so viel verdiente wie Wallander und dazu noch ein Anrecht auf Bonuszahlungen von bis zu einer Million hätte, dachte Wallander bedrückt, das Geld könnte sie gelockt haben. Der Gedanke empörte ihn derart, dass er Linda bei ihrem nächsten Treffen direkt danach fragte. Sie saßen in einem Café in Ystad, und sie war so wütend geworden, dass sie ihm eine Zimtschnecke an den Kopf warf und das Lokal verließ. Er war ihr nachgelaufen und hatte sich entschuldigt. Nein, es war nicht das Geld, erklärte sie, sondern eine große und echte Liebe, wie sie sie noch nie erlebt hatte.
Wallander beschloss, seinen zukünftigen Schwiegersohn mit milderen Augen zu betrachten. Übers Internet und mithilfe des Bankangestellten, der in Ystad seine dürftigen Bankgeschäfte betreute, machte Wallander sich kundig über die Finanzfirma, bei der Hans von Enke angestellt war. Er wusste nun, was Hedgefonds waren, und lernte eine Menge Dinge, die angeblich zu den Grundlagen moderner Finanzberatung zählten. Als Hans von Enke ihn nach Kopenhagen einlud, nahm er die Einladung an und machte einen Rundgang durch die aufwendig ausgestatteten Geschäftsräume in der Nähe des Rundetårn, wo die Firma residierte. Er ließ sich von Hans von Enke zum Mittagessen einladen, und als er nach Ystad zurückkehrte, war das Minderwertigkeitsgefühl verflogen. Vom Auto aus rief er Linda an und sagte ihr, er habe angefangen, den Mann ihrer Wahl zu schätzen.
»Er hat einen Fehler«, sagte Linda. »Er hat zu wenig Haare. Ansonsten ist er in Ordnung.«
»Ich freue mich auf den Tag, an dem ich ihm mein Büro zeigen kann.«
»Das habe ich schon getan. Er hat mich letzte Woche besucht. Hat dir keiner davon erzählt?«
Natürlich hatte niemand Wallander etwas erzählt. Am Abend saß er am Küchentisch, den Bleistift in der Hand, und rechnete aus, was Hans von Enke im Jahr verdiente. Die Summe verschlug ihm den Atem. Wieder überkam ihn ein ungutes Gefühl. Er selbst verdiente nach all den Jahren vierzigtausend Kronen im Monat. Das hielt er für ein gutes Gehalt. Aber nicht er wollte heiraten, sondern Linda. Mochte das Geld ihr Glück bringen oder nicht, es ging ihn nichts an.
Im März zogen Linda und Hans zusammen in ein großes Haus in der Nähe von Rydsgård, das der junge Finanzmakler gekauft hatte. Er pendelte nach Kopenhagen, und Linda arbeitete weiter wie zuvor. Als sie eingerichtet waren, lud Linda ihren Vater zu einem Abendessen ein. Hans' Eltern würden an dem Wochenende zu Besuch sein und wollten ihn natürlich gern kennenlernen.
»Ich habe schon mit Mama gesprochen«, sagte sie. »Kommt sie?« »Nein.« »Warum nicht?«
Linda zuckte die Schultern. »Ich glaube, sie ist krank.« »Krank? Wieso?« Linda sah ihn lange an, bevor sie antwortete: »Sie trinkt. Ich glaube, sie trinkt mehr denn je.« »Das habe ich nicht gewusst.« »Du weißt vieles nicht.«
Natürlich nahm Wallander die Einladung zu dem Essen an, bei dem er Hans von Enkes Eltern kennenlernen sollte. Obwohl er intensiv mit dem Waffenraub beschäftigt war, nahm er sich die Zeit, mit Linda darüber zu sprechen, was ihn erwartete. Der Vater, Håkan von Enke, war ein ehemaliger Korvettenkapitän, der U-Boote und U-Boot-Jäger befehligt hatte. Linda glaubte, wenngleich sie in diesem Punkt nicht sicher war, dass er zeitweilig auch der Befehlsstelle angehört hatte, die entschied, wann Einheiten der Streitkräfte einen Feind anzugreifen hatten. Hans von Enkes Mutter Louise war Sprachlehrerin gewesen. Geschwister gab es nicht, Hans war Einzelkind.
»Ich habe keine Erfahrung im Umgang mit Adligen«, sagte Wallander wenig begeistert, als Linda geendet hatte.
»Sie sind wie andere Leute auch. Ich glaube, dass ihr über vieles reden könnt.«
»Worüber?« »Das wird sich zeigen. Sei nicht so negativ.« »Ich bin nicht negativ. Ich frage mich nur.« »Wir essen um sechs. Komm pünktlich. Und lass Jussi zu Hause. Er bringt bloß Unruhe.« »Jussi ist ein sehr folgsamer Hund. Wie alt sind die beiden denn?« »Håkan wird fünfundsiebzig, Louise ist ein paar Jahre jünger. Im Übrigen gehorcht Jussi nie, das müsstest du doch wissen. Gott sei Dank hattest du bei mir mehr Erfolg mit der Erziehung.«
Sie verließ den Raum, bevor Wallander etwas erwidern konnte. Eigentlich hätte er wütend werden müssen, weil sie immer das letzte Wort behielt. Aber es gelang ihm nicht, und er beugte sich wieder über seine Papiere.
An dem Samstag, an dem Wallander nach Rydsgård fuhr, um Hans von Enkes Eltern zu treffen, fiel ein für die...