Es gibt immer wieder Produktbeschreibungen, die mich zum Staunen bringen. Die Produktbeschreibung von diesem Buch ist eine davon: "... wie Herbert Selpin (1902 1942) zum Denunziationsopfer eines fanatischen Nazi wurde." Da frage ich mich doch, ob derjenige, der das formuliert hat, das Buch gelesen hat. Ganz sicher hat man den Autor nicht um Rat gefragt. Wieso ich das glaube?
Nun, die Chronik des Falles Selpin beginnt Anfang der 30-er Jahre, genauer gesagt im Jahr 1933. Der Regisseur Herbert Selpin füllt den Aufnahmeantrag für die Reichsfachschaft Film aus. Eine Einrichtung, die der Gleichschaltung dienen soll. Die Mitgliedschaft ist Voraussetzung für die Berufsausübung. Voraussetzung ist neben der deutschen Staatsbürgerschaft natürlich auch der Nachweis arischer Abstammung bis zu den Großeltern. Unter Mitgliedschaft in einer Partei trägt Selpin die NSDAP ein. Seit dem 14. März 1933 gehört er dazu. 'Märzgefallene' so nannten die alten Mitglieder die Neuzugänge. Der Andrang war so groß, dass man ab Mitte April 1933 einen vierjährigen Aufnahmestopp verhängte. Wie der Autor Friedemann Beyer später zeigen wird, spricht auch bei Selpins Parteieintritt nichts dagegen, Karrieregründe für den Parteieintritt zu vermuten. Dies zeigt sich bei der selektiven Wahrnehmung seines bisherigen Lebenslaufes: Selpin verschweigt elegant die jüdischen Regisseure und Produzenten, die verantwortlich waren für die Filme, an denen er bisher arbeitete. Die gesellschaftlichen Veränderungen bieten ungeahnte Möglichkeiten für den ehrgeizigen jungen Mann. Aufgrund der Verdrängung der Juden aus dem Arbeitsleben sind Fachleute gefragt, und Selpin nimmt diese Chance zielorientiert an.
Ganz anders hingegen Walter Zerlett-Olfenius. Obwohl man ihn mehrfach auffordert, und es seine beruflichen Chancen verbessern würde, verweigert er konsequent den Parteieintritt. Wichtig ist ihm hingegen seine ehemalige Mitgliedschaft in der kämpfenden Truppe. Etwas das bei dem späteren Konflikt eine wesentliche Rolle spielt! Er ist Träger des Eisernen Kreuzes Erster und Zweiter Klasse. Im Telefonbuch wird er als Oberstleutnant a.D. geführt. Zerlett-Olfenius ist ein Bruder des Regisseurs Hans Hellmut Zerlett. Anders als sein Bruder war Walter Zerlett-Olfenius in den unterschiedlichsten Branchen tätig bevor es ihn zum Film verschlug. Erst als Ateliersekretär, dann als Produktionsassistent, und schließlich 1935 die erste Arbeit an einem Drehbuch. Skandal um die Fledermaus.
Auch Selpins Weg führte auf Umwegen zum Film. Ein Medizinstudium scheitert aufgrund von Geldmangel. Die Banklaufbahn hat er wegen angeblicher Fehlspekulationen aufgegeben. Ist Amateurboxer und Turniertänzer. Über Beziehungen erhält Selpin ein Engagement als Statist. Ein Jahr später wird er als Hilfsassistent eingestellt. Der Beginn einer vielversprechenden Karriere. 1931 verhilft ihm Hans Friedländer zu seiner ersten Filmregie: Chauffeur Antoinette. Weitere Regieaufträge folgen. Bei SKANDAL UM DIE FLEDERMAUS wird er auf Walter Zerlett-Olfenius treffen. Der Beginn einer jahrelangen Zusammenarbeit. Der Beginn einer Freundschaft? Kann ein Untergebener auch ein Freund sein?
Friedemann Beyer gibt der Charakterisierung seiner beiden Protagonisten sehr viel Raum. Das unbeherrschte Wesen des Herbert Selpin. Natürlich werden seine Ausfälle schon früh auch von den zuständigen Behörden zur Kenntnis genommen. Man konfrontiert ihn damit, nimmt sein Bedauern zur Kenntnis, sieht jedoch keine weitere Veranlassung gegen ihn vorzugehen. Kein Wunder, dass Selpin glaubt, einen Freibrief zu haben. Zurückhaltung und Diplomatie sind ganz klar nicht seine Stärke. Solange aber sein Umfeld ihn permanent entschuldigt und nachsichtig reagiert, solange hat er auch keine Veranlassung sich zu mäßigen. Eine fatale Entwicklung! Aber auch Walter Zerlett-Olfenius hat seine Schattenseiten. Sein ganz eigenes Verständnis von Wahrheit wird deutlich, als er im November 1937 zusammen mit Selpin eines Plagiats angeklagt wird.
Hier treffen zwei Männer aufeinander, die beide mit ihren jeweils eigenen Dämonen kämpfen. Die Jahre bis 1941 werden etwas oberflächlich gestreift. Dafür wird der Umsetzung des Titanic-Projektes umso mehr Raum gegeben. Im zweiten Teil des Buches zeichnet Friedemann Beyer akribisch die Ereignisse auf, die zum endgültigen Bruch zwischen Selpin und Zerlett-Olfenius führen. Eine unglückliche Verkettung der Ereignisse. Ein unbedachter Ausspruch. Menschliches Unvermögen sich noch einmal aufeinander zu zubewegen. Vermittlungsversuche scheitern. Die Eskalation. Ein persönliches Zerwürfnis erhält eine neue Dimension aufgrund der herrschenden Gesetze.
Im dritten Teil werden schließlich noch die Nachkriegsereignisse aufgeführt. Das Verfahren gegen Walter Zerlett-Olfenius. Die vergeblichen Versuche der Witwe Selpins, dass der Tod ihres Mannes als Mord interpretiert wird, so dass sie eine Entschädigung aufgrund des Wiedergutmachungsgesetztes erhalten kann. Ob es tatsächlich Mord oder doch Selbstmord war, kann Friedemann Beyer auch nicht abschließend beantworten. Die von ihm vorgelegten Indizien weisen jedoch meiner Meinung nach klar in Richtung Selbstmord. Schon früh äusserte Selpin Selbstmordgedanken, mehrfach geht der Autor darauf ein.
Abgeschlossen wird das Buch mit einem Epilog, der nochmals auf das menschliche Beziehungsgeflecht eingeht und einem mehrseitigen Anhang, in welchem die zahlreichen Fußnoten erläutert werden. Man kann daraus erahnen, wie umfangreich die Recherche zu diesem Fall gewesen ist.
Interessant sind übrigens die Informationen zum damaligen Filmgeschehen. In der Frühphase des Tonfilms war die Technik der Synchronisation noch unterentwickelt, und so wurden fremdsprachige Fassungen von Filmen mit ausländischen Darstellern einfach nochmals nachgedreht! Ergo gibt es zum Beispiel drei verschiedenen Fassungen von Chauffeur Antoinette: in deutscher, in englischer und in französischer Sprache. Jeweils mit unterschiedlichen Schauspielern. Aber auch die Abläufe der Produktion werden anhand des Films Titanic ausführlich beschrieben. Unerwartete Schwierigkeiten, die Hektik wird deutlich, die manchmal den Tagesablauf prägte.
Der Schreibstil ist außerordentlich gut lesbar. Keine Längen. Das Buch liest sich wie ein Krimi. Großes Lob hierfür! Der Aufbau ist chronologisch. Jeweils mit Angabe von Tag/Monat/Jahr.
Mein Fazit:
Nur in einem Punkt hätte ich mir etwas mehr Informationen erhofft: bei der Frage, ob Mitarbeiter bzw. Vorgesetzte auch Freunde sein können. Oder ob es nicht manchmal ratsamer ist, etwas Distanz zu wahren. Dadurch, dass die Jahre nach der ersten Zusammenarbeit von Selpin und Zerlett-Olfenius von 1935 bis 1941 relativ oberflächlich beschrieben werden, fällt mir die Beurteilung dieser angeblichen 'Freundschaft' etwas schwer. Die dramatische Entwicklung während der Filmarbeiten zu Titanic und die Eskalation des Konfliktes sind hingegen sehr gut beschrieben. Alles in allem:
Ein beeindruckendes Zeitzeugnis.
Ein Buch, das es verdienen würde, an der Spitze der Bestsellerlisten zu stehen.
Möge es viele Leser finden.