Den Berliner Autor Frank Klötgen kennt man als reimverliebten Balladen-Junkie, der mit ellenlangen Gedichten scharenweise junge Leute begeistert. Wenn der Slam-Poet die Bühne betritt, ist meistens klar, wer den Wettstreit um die Gunst des Publikum gewinnen wird. Das Werken und Wirken Frank Klötgens beschränkt sich aber nicht auf Slam und Kurzgeschichten. Er ist Sänger von Marilyns Army und er hat im März 2010 bei Voland & Quist seinen erster Roman veröffentlicht.
Hauptfigur ist der Autor Schelling. Seit 17 Jahren liegt er im Koma und wird nun wiederbelebt. Eine wissenschaftliche Sensation! Das zweiköpfige, verantwortliche Ärtzteteam streitet sich um die richtige Vorgehensweise bei der Reanimation, wie und ob der Fall Schelling werbewirksam ausgeschlachtet werden kann und um den damit einhergehenden Ruhm. Es gibt nicht nur zermürbende Grabenkämpfe am Krankenbett des äußerst berühmten Autors, sondern auch privat sieht es bei dem Chefarzt und seinem Assistenten nicht rosig aus.
An den Patienten, um den es ja eigentlich geht, denken sie dabei kaum. Dieser kämpft leise und stetig um seine tiefschlummernden Erinnerungen, um das Wiedererlangen seiner Bewegungsfähigkeit und er versucht zu verstehen, was eigentlich mit ihm passiert (ist). Die angebliche Tochter ist mittlerweile eine junge Frau, die keinen Bezug zu ihrem Vater hat und seine Frau soll inzwischen verstorben sein. Aber das ist aus der "krankheitsbedingten" Isolation heraus kaum zu verifizieren. Nur ein rätselhafter Alter, der im Nebenzimmer liegt und ihn ab und zu besucht, scheint zu wissen, was wirklich los ist. Irgendetwas stimmt nicht und die Wahrheit ist wie ein dünnes weißes Haar, das am Gaumen klebt.
Gerade weil die Handlung zunehmend ins Mysteriöse abrutscht, bleibt der Roman durchgehend spannend. Am Ende ist man so tief in die Gedankenwelt der Protagonisten eingetaucht, in ihre zwischenmenschlichen Probleme, dass die Auflösung fast schon in den Hintergrund gerät. Es scheint, als wäre es Frank Klötgen viel wichtiger, was nach dem Ende der Lektüre im Kopf des Lesers passiert. Denn der Leser kann sich danach auf eine spannende Recherche begeben, einige Passagen noch einmal in einem neuen Kontext lesen, dem Protagonisten ein neues Gesicht geben. Es ist großartig, wenn eine Geschichte nicht nach der letzten Seite zuende ist, sondern dann erst richtig losgeht. Trotzdem kann man Klötgens ersten Roman "einfach so" lesen, ganz ohne großes Heruminterpretieren, denn jeder einzelne Satz in diesem Buch ist wie ein gutgeschneideter Anzug. Sitzt perfekt, hat eine hervorragende Form, ist schlicht und elegant.
Meine Lobhudelei bezieht sich aber ausdrücklich auf den "Direktorscut", denn das 186-seitige Hardcover erschien zwar mit CD, aber ohne einige wichtige Szenen, die für die Veröffentlichung herausgekürzt wurden. Mittlerweile sind sie separat in einem kleinen Heftchen direkt beim Autor zu bekommen. Diese Kombination aus Buch und "unveröffentlichte Szenen" möchte ich jedem unbedingt ans Herz legen.
Denn ich weiß ehrlich gesagt überhaupt nicht, warum diese Passagen gestrichen wurden. Sie tragen wesentlich zum Verständnis des gesamten Inhalts bei. Ohne diese Szenen laufen so einige Fäden ins Leere, die dem Leser wie dünne, weiße Haare am Gaumen kleben. Die kunstvoll durchdachte Geschichte wird durch die Kürzungen in einer Realität verankert, die unstimmig ist - das subtil Mysteriöse verkommt zu einem Hirngespinst des Autors, der selbst nicht wusste, wie und wieso seine Geschichte enden wird und scheinbar einfach nur drauf los geschrieben hat.
Das ist aber nicht so. Der Fall Schelling ist ein traumhafter, poetischer Roman über Zwischenzustände, Ängste und die Macht der menschlichen Psyche. Unbedingt zu empfehlen!