Diese ebenso informative wie lesenswerte Broschüre, obwohl infolge ihres Erscheinungsdatums als gestrig scheinend, liegt nun aktualisiert, d.h. inklusive des so noch nie dagewesenen Hypes um das umstrittene Buch "Deutschland schafft sich ab", vor. Sie demonstriert fußnotenausgestattet nochmals alle Äußerungen des Ex-Bundesbankers, die zu einem der größten gesellschaftspolitischen Skandale Deutschlands führten.
Weitere inhaltsspezifische Details fanden bereits von seiten meiner Vorrezensenten Berücksichtigung, so dass ich auf eine Wiederholung in meinem Statement verzichten kann. Es stellt sich vielmehr folgende Frage: Worin besteht denn genau das, was als "Fall Sarrazin", so auch der Titel der Broschüre, in aller Munde ist und auch noch lange bleiben wird? Sind es die unwiderlegbaren Fakten, die der Mann präsentiert? Sind es Entgleisungen a la "jüdisches Gen", die er selbst alsbald als Unfug bezeichnete? Die partiell etwas deftige Sprache, mit der er seine Ansichten unters Volk zu bringen pflegt oder aber das Sendebewusstsein, das ihm zweifellos ebenfalls zu Eigen ist? Der Mut, vorhersehbare Ressentiments nicht nur einzukalkulieren, sondern bewusst in Kauf zu nehmen?
Vermutlich ist es letzlich eine Melange aus allen aufgeworfenen Fragestellungen, die man noch um etliche weitere ergänzen könnte. Letztendlich aber scheint mir ebendieser "Fall Sarrazin" von historischer Dimension zu sein, die sich in unseren Tagen aus dieser Perspektive gesehen noch gar nicht recht erschließen kann. Ob man ihn nun über alle Maßen lobpreist, einige seiner Thesen bejaht oder aber ihn verdammt: Er hat, unterstützt von sehr wenigen, dafür jedoch auflagestarken Medien sowie mutigen Mitstreitern erreicht, dass Volkes Meinung nicht länger ignoriert bzw. totgeschwiegen werden kann. Das sonst so erfolgsträchtige Kalkül, ihn einfach kaltzustellen wie so manche Personen des öffentlichen Lebens, die mit ihren Ansichten der Political Correctness unbequem waren (besonders infam traf es neben weiteren Eva Herman), ging infolge des tsunamiartigen Zuspruchs quer durch die gesellschaftlichen Gruppierungen nicht auf. Der nicht zu unterschätzende Nebeneffekt: Der Mut, sich abseits des erwünschten Mainstreams zu äußern, wächst. Dies schwächt die Demokratie keineswegs, sondern stärkt sie: Lebt sie doch durch die Kontroverse, sofern auf dem Boden der Verfassung ausgetragen ebenso wie unsere Parteien, die letztlich nicht selten von Querdenkern profitier(t)en - zumindest in der Retrospektive.
Der "Fall Sarrazin", auch mit bewusst distanzierter Grabeskälte als "Personalie" tituliert, scheint infolgedessen nichts anderes zu sein als die noch nie zuvor dagewesene Einsicht einer kleinen, doch sehr maßgebenden Schicht unserer Gesellschaft, Volkes Bedürfnisse, Volkes Nöte nicht länger ignorieren oder schönreden zu können. Dies ist die historische Dimension des Falles, die sich künftig immer stärker herauskristallisieren wird.