Das atmosphärisch dichte Drama aus dem Jahre 1947 vereinigt den Krimi um einen Giftmord mit der Psychologie einer Ehe. Der glücklich verheiratete und dazu noch sehr erfolgreiche Junganwalt Anthony Keane, dargestellt von Gregory Peck, übernimmt das Mandat im Fall Paradin (im Original: Paradine) und erliegt der Faszination der mysteriösen Angeklagten, Mrs. Maddalena Paradin, die ihren blinden Ehemann, den gut situierten Oberst im Ruhestand, umgebracht haben soll.
Mit Erstaunen kann man in den Kritiken zu diesem Meisterwerk oft den Vorwurf lesen, dass die Dialoglastigkeit des Films die Spannung verderben würde. Für ein Gerichts- und Ehedrama dieser Kategorie wirkt die Anzahl der Dialoge ganz sicher nicht übertrieben und es ist bemerkenswert, wie viel darüber hinaus durch kleine Gesten oder besondere Kameraeinstellungen gesagt wird. Man darf außerdem nicht vergessen, dass die meisten Beteiligten dieses Films Juristen darstellen und da würde es doch sehr unnatürlich wirken, wenn diese sich immer kurz fassen würden.
Die Zusammenarbeit zwischen Hitchcock und Selznick soll in diesem Fall nicht ganz unproblematisch gewesen sein, doch dem filmischen Ergebnis merkt man die Mühen seiner Entstehung kaum an. Er wirkt überaus perfekt abgestimmt und bietet viele beeindruckende Momente.
Auch wenn die Darsteller nicht dem Wunsch Hitchcocks entsprochen haben, der sich Sir Laurence Olivier als Keane und Greta Garbo als Mrs. Paradin gewünscht hatte, kann man fast nicht vorstellen, dass das Ergebnis noch vorteilhafter ausgefallen wäre. Gregory Peck sieht natürlich vor allem sehr gut aus, sogar im regennassen Anzug, aber er hat vor allem das Talent, seiner Rolle menschliche Größe zu verleihen. Sein Schlussplädoyer, wenn man es denn so nennen mag, muss sogar einen Stein zum erweichen bringen! Es ist ganz unglaublich. Maddalena Paradin soll eine Ausländerin sein, was zu ihrer mysteriösen Ausstrahlung beitragen soll, denn in dem dargestellten Fall erscheint sie wohl allein durch diese Tatsache den Engländern etwas suspekt. Alida Valli nimmt man die verborgene, heiße Leidenschaft auf jeden Fall voll ab und es ist bemerkenswert mit welcher Körperbeherrschung sie ihre Rolle ausfüllt. Der Kamera gelingt es am Anfang ihren Gesichtsausdruck voll einzufangen, der dem reinen und strahlenden Anblick eines Engels gleicht.
Eine Gänsehaut könnte man indes bei der Darstellung von Andre Latour durch Louis Jourdan bekommen. Wie hat er es nur geschafft, sogar in extrem langen Einstellungen auf sein Gesicht nicht ein einziges Mal zu blinzeln? Latour ist der Leibdiener des blinden Paradins gewesen und sucht Keane nachts heimlich in dessen Hotelzimmer auf, um ihn über den wahren Charakter von Mrs. Paradin aufzuklären. Ebenso eindrücklich wie diese Szene ist der Moment, als Latour den Zeugenstand verlässt und hinter der Anklagebank durchgeht. Man glaubt fast, sein Flehen hören, dass Mrs. Paradin umdrehen möge, um ihm einen persönlichen Blick zu schenken. Aber dieser unnachgiebige, stolze Rücken und die beherrschte Gestalt müssen selbst einen starken Mann in die Knie zwingen!
Wie man leicht erkennen kann, gibt es im Film viele Hinweise, die auch ohne Worte klare Botschaften vermitteln. Manche Blickwinkel verursachen ein leichtes Unbehagen und fesseln die Augen des Zuschauers. Auch die Entwicklung der Ehe der Keanes wird in eindrücklichen Bildern festgehalten. Die Keanes bewohnen ein Haus, wobei sich das Schlafzimmer und andere intimere Räume im oberen Stockwerk befinden, welche durch eine geschwungene Treppe von der Eingangstür hier erreichbar sind. Bereits in dem Moment, in dem Keane sein Haus betritt, kann man die Stimmung erkennen. So erwartet ihn dessen Frau in einer der ersten Szenen bereits auf der Treppe und scheut sich nicht, den regennassen Ehemann zu umarmen, wobei der nächste Weg fast ohne Umweg ins Schlafzimmer führt! Später dann zögert Keane, die Treppe hinauf zu gehen. Er wählt sogar einmal feige den Weg in die unten gelegene Bibliothek. Überhaupt hat man den Eindruck, dass in diesem Film besonders oft Türen geschlossen werden und oft hat man den Eindruck ein Blick des Bedauerns auf dem Gesicht des Schließenden zu beobachten.
Die Dialoge als solches sind geistreich und humorvoll. Dabei werden Gespräche aller Art geboten: zwischen Gleichgesinnten, zwischen Bessergestellten und Dienstboten, zwischen Mann und Frau, zwischen Vater und Tochter und natürlich zwischen Anwalt und Mandant.
Ein Meisterwerk, welches einen zweiten und sogar einen dritten Blick wert ist.
Dafür enttäuscht diese DVD-Ausgabe etwas. Der Film wird ausschließlich in deutscher Sprache präsentiert und es gibt keinerlei Extras.