Dass auch nach 100 Jahre die Zeit- und Gesellschaftsanalyse von Jakob Wassermann immer noch bedeutsame ist, hat mit der fundamentalen Ebene des Menschsein zu tun, zu der er vordringt. Den aktuellen Anstoss zur Beschäftigung mit dem 1928 erstmals erschienenen >Fall Maurizius<, gab eine erneute Ausstrahlung der 1980/81 entstanden 5-teiligen Fernsehadaption dieses Romans durch den Regisseur Theodor Kotulla,
"Für immer" an Jakob Wassermann`s Fall Maurizius fasziniert die Erweiterung des Kriminalistischen ins Philosophische. Sprachgewaltige Monologe dringen unaufhaltsam , Schicht für Schicht, zur innersten, zeitlosen Wirklichkeit jedes Menschen vor, wo sich all die Grundfragen - was ist der Mensch? was ist der Sinn des Lebens? wer bin ich? wie kann ich glücklich sein? - auflösen in eine einfache aber polare Struktur von Sein und Werden, die in jedem Menschen angelegt ist:
Das reine unbegrenzte Sein, der neutrale Beobachter, die ruhevolle Wachheit einerseits und die kreative Intelligenz, die Dynamik der Natur, das unbegrenzte Vervielfältigungspotential andererseits.
Leben ist die untrennbare Verbindung dieser beiden Pole und die Qualität des Lebens hängt von der reinen Ausprägung und dem reibungslosen Zusammenwirken der beiden Pole ab. Gerechtigkeit bedeutet ausgewogenes Gleichgewicht der beiden Pole des Lebens und jede noch so kleine Störung des Gleichgewichtes ist ein >Unrecht<. Die Erscheinungsformen und Namen der beiden polaren Aspekte des Lebens sind vielfältig. Jakob Wassermann`s Roman illustriert die polare Potenz des Lebens, die in jedem Teilchen der Schöpfung, in jedem Individuum wirksam ist, als Zusammenwirken von Männlichem und Weiblichen. Der Grad der Verletztheit dieser beiden Pole, ist für Jakob Wassermann die Ursache aller Probleme und aus der völligen Entstörung des Kraftfeldes zwischen Mann und Frau, zwischen beobachtendem Bewusstsein und schöpferischer Kraft, geht der vollständige Mensch hervor. Das etwa ist die Lebensphilosophie, die dem Roman zugrunde liegt.
Die TV-Adaption des Fall Maurizius gliedert das detektivische Eindringen in die philosophischen Hintergründe des fiktiven Kriminalfalles in 5 Teile:
1. Unterschiedliche Ideen der Gerechtigkeit,
2. Indizienkette des Mordfalls Leonhart Maurizius,
3. Treffen des Staatsanwaltes mit(dem von ihm wegen Ermordung der eigenen Frau zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe verurteilten) Leonhart Maurizius nach 18 Jahren,
4. Aufdeckung der wahren Hintergründe des Falls,
5. Letzte Gerechtigkeit.
Die Lebensphilosophie von Jakob Wassermann, die zunächst aus der Verfilmung abgeleitet wurde, wird durch die Lektüre des Buches voll bestätigt. Die Charakterisierung der beiden gestörten Pole, die für die Zermalmung des Lebens verantwortlich sind, ist schnell gefunden:
Staatsanwalt Andergast, der keine gefühlsmässige Nähe wünscht sondern stumme Pflichterfüllung erwartete, wird schon im 1. Abschnitt des 1. Kapitels als Musterbeispiel gestörter Männlichkeit vorgestellt und die junge Anna Jahn, schön und edel aber unnahbar und verschlossen, die im 7. Abschnitt des drittel Kapitels erstmals in Erscheinung tritt, repräsentiert den verletzten weiblichen Gegenpol. Die anderen Akteure im >Zermalmungsprozess< des Kriminalfalles nämlich Etzel Andergast, der Sohn des Staatsanwaltes; Sophia Andergast, Etzels Mutter; Cilly Andergast, Etzels Großmutter; Leonhart Maurizius, Universitätsdozent; Elli Maurizius geborene Jahn, seine Frau; Paul Maurizius, Leonharts Vater, und Gregor Waremme, alias Georg Warschauer, sie stehen alle zwischen den Polen und werden durch sie und zusammen mit ihnen im Laufe des Geschehens in ihrer inneren Struktur immer deutlicher erkennbar.
Der ursprünglich kriminalistisch-juristische Tatbestand, löst sich dadurch auf in ein immer feineres Netz von Beziehungen, das letztlich alles und jeden einschliesst:
(1) Alles ist mit allem verbunden und jeder beeinflusst jeden.
(2) Alles und jeder ist nur als ein Ganzes fassbar nicht durch irgendwelche Teilaspekte.
(3) Das Ganze erkennt sich selbst als ein Ganzes.
In diesem Sinne entfaltet Jakob Wassermann den Fall Maurizius in drei Teilen:
I. Die Kostbarkeiten des Lebens ( 1. bis 7. Kapitel),
II. Das Zwischenreich (8. bis 13. Kapitel) und
III. Die Unwiderruflichkeit des letzten Schrittes (14. und 15. Kapitel).
Buch und Film haben eine unwiderrufliche Konsequenz, die ausserhalb des Geschehens liegt und deshalb unausgesprochen bleibt:
Die letzte Wirklichkeit, durch die das Leben erst vollständig wird, kann jeder nur in sich selbst finden im eigenen Bewusstsein. Transzendentale Meditation ist die moderne Bezeichnung für diesen Vorgang.
Die vereinheitlichende Kraft transzendentalen Bewusstsein integriert die Gegensätze von Ruhe und Dynamik, beseitigt die Störungen der Kreativität und ermöglicht dauerhaftes Wachstum. Worte und Bilder können bestenfalls den Anstoss dazu geben. Jakob Wassermann hat das in Tagebüchern und Essays unmissverständlich ausgedrückt:
> die Welt sehnt sich nach Seelenspeise ...,
nicht im Greifbaren spielt sich das entscheidende Leben des Menschen ab ...,
das innere Wissen, das wirkliche Wissen, wird vom äusseren, das nur ein scheinhaftes ist, niedergehalten und erstickt, weil das Leben sein Geheimnis verloren hat...,
es ist im Menschen etwas Wunderbares eine unauslöschliche Sehnsucht, dass dem Guten in ihm Vertrauen geschenkt wird, auch wenn von dem Guten nur ein winziges Korn da ist...,
wir müssen uns abkehren von der Rohheit und rohen Nacktheit der Tatsachen. Es ist nötig, dass wir den Schwerpunkt des Lebens in unser Inneres verlegen...,
(wenn das nicht geschieht)ändert sich am Lauf der Welt nichts, am Hass, an der Lüge, am Missverständnis, am Wahn und der Ungerechtigkeit nichts.<
All diese Aussagen von Jakob Wassermann stammen aus dem Nachwort zum Fall Maurizius von Fritz Martini(1909-1991), das in Ausgaben aus den 1960er Jahren zu finden ist. Fritz Martini Nachwort fasst die vom Fall Maurizius illustrierte Lebensphilosophie folgendermassen zusammen:
>Wassermann wollte das Wirkliche durch die Idee verwandeln, und er fand den Zugang zu ihr in der Innenschau des Menschen, der sich in der Welt wie in sich selbst an das Unbekannte wagt,..., um was er fühlt und will, in sein erleuchtetes Tun zu verdichten.<