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Der Fall von Madrid
 
 
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Der Fall von Madrid [Gebundene Ausgabe]

Rafael Chirbes
4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (7 Kundenrezensionen)

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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 301 Seiten
  • Verlag: Kunstmann; Auflage: 3. A. (2000)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3888972434
  • ISBN-13: 978-3888972430
  • Größe und/oder Gewicht: 21,5 x 14 x 2,8 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (7 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 631.982 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Rafael Chirbes
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Aus der Amazon.de-Redaktion

Mit drei bisher in deutscher Sprache erschienenen Büchern, vor allem mit Der lange Marsch, hat sich der spanische Autor Rafael Chirbes den Status eines literarischen Geheimtipps erschrieben. Sein aktueller Roman mit dem Titel Der Fall von Madrid sollte dem Autor endlich und verdient ein großes Publikum erschließen. Zweifellos gehören die Werke Chirbes' neben denen seines Landsmannes Antonio Munoz Molina zu den wichtigsten und interessantesten spanischen Büchern der letzten Jahre auf dem deutschen Buchmarkt.

Madrid am Tag vor dem Tode des Diktators Franco. Der Möbelfabrikant José Ricart wird seinen 75. Geburtstag mit einem kleinen Fest feiern -- eigentlich gegen seinen Willen. Denn was sollte es zu feiern geben. Er, der sein Unternehmen im Schatten des Franco-Regimes zu etablieren wusste, sieht sein Lebenswerk gefährdet. Zwar ist viel Geld im Ausland in Sicherheit gebracht worden, doch Ricarts Haus ist nicht bestellt. Seine Frau Amelia vegetiert in geistiger Umnachtung dahin, sein Sohn Tomás weiß die Zeichen der Zeit nicht zu deuten und glaubt, alles werde schon so weiter gehen wie bisher.

Immer wieder wechselt Rafael Chirbes die Perspektive. Mal sind es Familienmitglieder wie Ricart, Amelia und Tomás oder Ricarts Enkel Josemari und Quini oder Schwiegertochter Olga, aus deren Sicht von Gegenwart, Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft erzählt wird. Dann aber auch die Gäste des Festes, wie der Geheimdienstler Arroyo, der noch in der Nacht einen revolutionären Arbeiter erschießen lässt, die Künstlerin Ada Dutruel und ihr Mann, ein Literaturprofessor, oder auch das Hausmädchen Lurditas. Eine Romanfigur fällt aus dem Rahmen -- der Arbeiter Lucio, weder Familienmitglied noch Gast des Festes. Ihm bleiben der letzte Ausblick, die letzten Worte des Romans vorbehalten -- bittere Worte.

Rafael Chirbes gelingt in der vielschichtigen Schilderung eines einzigen Tages die fesselnde Darstellung einer Gesellschaft im Umbruch. Offen bleibt, ob diejenigen, die ihr Leben für ein "neues" Spanien eingesetzt haben, auch die Gewinner einer freieren Gesellschaft sein werden oder ob die alten Sieger auch die neuen sind. --Linus Springer

Neue Zürcher Zeitung

Geschlossene Gesellschaft

Zwei Romane über Spanien am Ende der Franco-Zeit

Ein Raum von fast symbolischem Zuschnitt: Am einen Ende kaum hoch genug zum Stehen, am anderen steil nach oben schiessend, hinauf zur unerreichbar hohen Fensteröffnung, zum Licht, zur Freiheit. Nach ihr streckt sich Enrique Roda vergeblich; sein unterirdisches Verlies wird er lebend nicht mehr verlassen. Zwei, drei, vielleicht auch vier oder sechs Jahre, kalkuliert er, wird er hinter Gittern verbringen müssen. Doch er hat die Rechnung ohne seine Häscher gemacht: «Den Gefangenen gibt es nicht», weist Maximo Arroyo, leitender Beamter der politischen Polizei, seine Untergebenen an; und die wissen, was damit gemeint ist.

Recht und Freiheit sind rare Güter im franquistisch verfinsterten Spanien, auch in den letzten Stunden des wankenden Regimes. Entsprechend düster ist die Stimmung in Rafael Chirbes' «Fall von Madrid» , seinem grossen Roman über den 20. November 1975, jenen Tag, an dem General Franco nach monatelanger Agonie endlich sein Leben liess. Zwar stirbt mit dem Diktator «auch eine Art und Weise, Spanien zu verstehen», zwar werden mit ihm auch der eisenharte Katholizismus und der starre Antikommunismus zu Grabe getragen. Aber die politpsychologischen Erbmassen des Regimes lasten weiter auf dem Land. Über dreieinhalb Jahrzehnte lang hatte der Diktator sein Reich mit Willkür und Terror regiert, den Untertanen die körperliche Freiheit zwar gelassen, aber die seelische genommen.

Drachenbrut

In Spanien herrscht ein Unterdrückungsapparat, den der spanische Journalist und Romancier Juan Luís Cebrián nur mit einem Ungetüm aus der Fabelwelt vergleichen mag: «Die Agonie des Drachen» nennt sich sein noch nicht ins Deutsche übertragener Roman über die letzten Jahre der Diktatur. Ein beziehungsreicher Titel: Die Drachenbrut setzt sich zwar aus zahllosen einzelnen Ungetümen zusammen; aber fühlen die sich bedroht, rücken sie eng aneinander und «erscheinen von aussen wie eine einzige, überwältigende Masse». Die tausendfache Gefahr hat kein konkretes Antlitz, sie operiert im Schutz der Anonymität – und treibt so der Gesellschaft das Gift der Angst nur umso tiefer in die Venen, wie ein Protagonist es formuliert. Was bleibt, ist eine abgestumpfte Nation, deren grosse und im wahrsten Wortsinn schweigende Mehrheit sich mit dem totalitären Regime längst abgefunden hat, den Katalog der politischen Grundrechte als bloss ideellen und also entbehrlichen Wert betrachtet – und ansonsten ihren Geschäften nachgeht: Im Herbst des Patriarchen ist der Frühling noch weit.

Zwar hat insbesondere Chirbes auch dem «anderen» Spanien, den Gegnern des Regimes, Aufnahme in seinen Roman gewährt. Aber zu wirklichen Heroen, die wie Enrique Roda den Aufruf zum Widerstand wörtlich nahmen, die den grossmäuligen Worten von Freiheit und Demokratie auch Taten folgen liessen, schwingen sich nur die wenigsten auf – um dann zu scheitern wie ihr grosser Ahnherr, der Ritter von der traurigen Gestalt, der naiv für Wahrheit nimmt, was die Sancho Pansas dieser Welt längst als schönen Schein entlarvt haben. Die edlen Taten, darin folgt Chirbes Cervantes, finden meistens nur in Büchern statt, die Heimstatt des Grossmuts ist einzig und allein die Sprache – und wer das nicht begreift, darf, anders als Quijote, auf ein zweites Leben nicht hoffen.

Wenn es im «Fall von Madrid» etwas durch und durch Deprimierendes gibt, dann sind es nicht die Büttel des Regimes, die Schreibtischtäter wie Arroyo und ihre beamteten Helfershelfer. Es sind auch nicht die Profiteure des Systems, die, wie der Unternehmer José Ricart, Freiheit nur ökonomisch fordern. Unter die Haut gehen andere Typen: jene Selbstdarsteller, Scharlatane und Possenreisser, die vorgeben, den antifranquistischen Widerstand zur Herzensangelegenheit zu machen. Der Protest gegen das Regime ist en vogue im Madrid der siebziger Jahre – aber in Chirbes' Lesart ist er mehr privatistischer Lebensstil als ernsthaftes politisches Programm. Künstler und Studenten berauschen sich an der Ästhetik des Widerstands, ein munteres Potpourri anarchistischer und sozialistischer Losungen taucht ihre Versammlungen in milden politfolkloristischen Glanz.

Da ist Quini, Enkel des Unternehmers José Ricart, der auf einer studentischen Protestveranstaltung die Beamten der Guardia Civil verhöhnt, dann aber, als diese den Saal stürmt, glücklich entkommt und aus sicherer Entfernung beobachtet, wie seine Kommilitonen verhaftet werden. Da ist der angehende Anwalt Taboada, der sich vom Engagement im politischen Untergrund Erlösung von der verhassten bürgerlichen Existenz erhofft, seinen Mitstreitern, armen proletarischen Habenichtsen, am Ende aber kleinlaut die Freundschaft kündigt: «Ich weiss nicht, vielleicht kehre ich wieder in meine Klasse zurück (. . .). Ich habe Arbeit in einer Anwaltskanzlei gefunden, vielleicht ist das meine Art, etwas für die Revolution zu tun.» Da ist Ada, aufsteigender Star am spanischen Kunsthimmel; ihr jüngstes Werk setzt sie aus Relikten des unterdrückten Spanien zusammen: Alltagsgegenständen aus einem Madrider Elendsviertel und der Wäsche eines inhaftierten Kommunisten, verschmutzt durch Schweiss, Fett und Blut. Der «Müll des Faschismus» wird zum Bestandteil ihres Werks – und als Müllverwerterin, Nutzniesserin fremden Leids, wird Ada Karriere machen; die Dämmerung des Systems vor Augen, positioniert sie sich vorausschauend als Stimme der kritischen Avantgarde.

Agonie des Systems

Chirbes zeichnet in seinem Roman das Psychogramm einer untergehenden Epoche. Die Agonie des Systems spiegelt sich in der Zerrissenheit seiner Protagonisten, ihren kleinen und grossen Unaufrichtigkeiten. «Gute» und «Böse» unterscheiden sich unter seiner Regie nur vordergründig; in der Summe ergibt das scheinbar so schillernde moralische Farbenspektrum ein trübes Grau – Politik als stilles Seelendrama. Cebrián hingegen, der nach dem Zusammenbruch des Franco-Regimes den Aufbau der Tageszeitung «El País» leitete, nähert sich seinem Gegenstand in explizit politischer Diktion. Natürlich, auch bei ihm reicht der lange Arm der Macht noch in die intimsten Lebensbereiche, und wie bei Chirbes sind auch seine Protagonisten durch ein vielfältiges Beziehungsgeflecht zur unentrinnbaren Schicksalsgemeinschaft zusammengebunden. Aber über allen psychisch-moralischen Abgründen lässt ihnen Cebrián immer wieder Zeit, die politische Situation expressis verbis aufzugreifen. Wie lange wird es dauern, bis die Demokratie in Spanien endgültig Fuss fasst? Und wie wird sich die Europäische Gemeinschaft zu diesem neuen Spanien verhalten?

Fragen, die sich Chirbes' Protagonisten noch kaum vorzustellen vermögen. Und das, obwohl Cebrián seinen Roman weiter hinten auf der Zeitachse ansetzt: Er endet nicht mit dem Tode Francos, sondern mit dem seines engsten Vertrauten, Ministerpräsident Carrero Blanco, den die ETA im Dezember 1973 in einem spektakulären Bombenattentat im wahrsten Wortsinn in die Luft jagte. Ungläubig nahmen die Spanier die Nachricht damals auf, und das Porträt der an diesem Tag auf Hochtouren brodelnden Gerüchteküche ist wohl eine der spannendsten literarischen Inszenierungen politischer Schlüsselmomente. Mit ihm setzt Cebrián den optimistischen Auftakt zu einer Trilogie, die Spaniens wunderbaren Weg in die Freiheit schildert. Ob auch der melancholisch-verhaltene Rafael Chirbes diese Erfolgsgeschichte wird erzählen wollen, bleibt abzuwarten.

Kersten Knipp

Juan Luis Cebrián: La agonía del dragón. Alfaguara, Madrid 2000. 450 S., Pta. 2800.–.


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Kundenrezensionen

Die hilfreichsten Kundenrezensionen
22 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Lesevergnügen pur! 18. März 2001
Von Ein Kunde
Format:Gebundene Ausgabe
Das Ganze klingt ja zunächst nicht besonders interessant. Die Handlung erstreckt sich über einen Tag im Madrid des Jahres 1975. "Der Tag, an dem Franco stirbt." Interessant sicher für geschichtsinteressierte Spanier, aber sonst? Da gibt's wirklich ergiebigere Themen. Doch zum Glück habe ich das Buch geschenkt bekommen. Dem Autor gelingt es in der scheinbar auf einen einzigen Tag beschränkten Handlung, ein absolut dichtes Bild der damaligen Gesellschaft in all ihren Nuancen zu zeichnen. Vergangenheitsbewältigung an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter einerseits und Ausblick in eine ungewisse bzw. hoffnungsvolle Zukunft andererseits. Hier wird spielerisch eine Erzähltiefe und atmosphärische Dichtheit erreicht, wie man sie nur selten erlebt - absolut fesselnd. Das Faszinierendste jedoch ist, daß man Erzählort und -zeit zwar immer vor Augen hat, Handlung und Personen aber gedanklich permanent auf den eigenen Erfahrungshorizont überträgt. Ein zeitloses Buch. Da man es gar nicht mehr aus der Hand legen will ist das einzige Manko, daß es ein Ende hat. Zum Trost gibt es ja weitere Bücher vom Autor, die ich bald kennenlernen will.
War diese Rezension für Sie hilfreich?
2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von W. Öschelbrunn TOP 500 REZENSENT
Format:Taschenbuch
Nachdem mir Rafael Chirbes altuelles Buch "Krematorium" gut gefallen hatte, habe ich mich seinen früheren Büchern zugewandt. "Der Fall von Madrid" ist der zweite Teil der Triologie ("Der lange Marsch" und "Alte Freunde") über Spaniens Weg durch die Franco-Diktatur, über das Leben in der Diktatur und das Überwinden dieser Zeit. Es ist allerdings darauf hinzuweisen, dass die Bücher inhaltlich autark und unabhängig voneinander gelesen werden können. Insofern würde ich vor allem "Der Fall von Madrid" empfehlen.

In den für Chirbes typischen ständigen Wechseln der Erzählperspektive, entsteht für den Leser ein Panorama Spaniens am Tage von Francos Tod 1975: Auf der einen Seite die Verzweifelung und Doppelmoral der alten Machteliten in den Sicherheitsorganen und der Aristokratie, auf der anderen Seite die aufbegehrenden Arbeiter und jungen Studenten aus allen gesellschaftlichen Schichten. Das Buch vermittelt eine bedrückende Atmosphäre von Lähmung und dann wieder kleinen Hoffnungsschimmern. Allein die Tatsache, dass hier eine reale Situation im Europa der 70er Jahre geschildert wird, macht die Lektüre umso erschütternder.

Nachdem ich die letzte Seite gelesen hatte, bin ich sofort in die Buchhandlung gegangen, um den dritten Teil der Triologie zu bestellen. Was muss man mehr über ein Buch sagen!
War diese Rezension für Sie hilfreich?
4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Im Schatten eines Diktators 20. September 2004
Format:Taschenbuch
Es ist der 19. November 1975. Spanien erwartet den Tod von Diktator Franco. Die Familie Ricart bereitet das Fest zum 75. Geburtstag des Patriarchen Don José vor, zu dem Verwandte und wichtige Geschäftspartner eingeladen wurden. Über den Vorbereitungen schwebt die Ungewissheit über das Schicksal Spaniens und das jeweilige eigene Schicksal nach Francos Tod, denn jedes Familienmitglied und jeder der Gäste ist in irgendeiner Form persönlich mit den Franco-Regime verbunden, ob als Helfer, Profiteur, Mitläufer oder Gegner. Da ist der Hausherr Don José, der einträgliche Geschäfte durch die Nähe zum Diktator macht, sein bester Freund ist bei der francistischen Geheimpolizei, einer seiner Söhne ist glühender Faschist, der andere Sohn steht kommunistischen Studentengruppen nahe.

Chirbes lässt in der Schilderung dieses einen Tages handwerklich gekonnt ein breites Spektrum persönlicher Schicksale für den Leser entstehen, das die Zerrissenheit und angstvolle Stagnation im Schatten der Diktatur ahnen lässt. Allerdings behindert die Breite der vorgestellten Einzelschicksale die Identifikation des Lesers mit den Figuren etwas: die Personen sind so unterschiedlich, dass sie seltsam fremd bleiben und man sich dabei ertappt, dass man alle Standpunkte irgendwie verstehen kann, ohne eindeutig Stellung zu beziehen. Hier sei ein Vergleich mit Vargas Llosas Roman „Das Fest des Ziegenbocks" erlaubt, in dem ein ähnliches Thema sehr viel fesselnder, ja fast schmerzlich faszinierend, umgesetzt wurde.
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