Mein erstes Buch der posthum hochgelobten Autorin führte nach Russland - ins Land von Puschkin, Dostojewski, Tolstoi et al., insofern lag die Meßlatte hoch. Enttäuscht wurde ich dennoch nicht, da der Roman durch seine unkonventionelle Perspektive sowie einige ungewöhnliche Ausführungen über die Wege von Macht und Politik besticht.
Während sich der potenzielle Attentäter in der Gestalt des Ich-Erzählers seinem Opfer immer mehr annähert werden ihm innere Zusammenhänge im Machtgefüge des Zarenreichs deutlich, an die er vorher nicht hätte glauben können: So werden etwa aufgrund von Eitelkeiten und simpler Ignoranz etliche Studenten erschossen, wichtige Entscheidungen kommen aus Angst vor dem (weltfremden) Zaren gar nicht auf die Tagesordnung und die Günstlingswirtschaft bestimmt das Leben bei Hofe sowie die Politik. Je besser M. diese teils banalen und gewöhnlichen Verhältnisse kennen lernt, desto mehr verachtet er sie - und damit auch sein Opfer, so dass ihm das Attentat schließlich nicht unbedingt verwerflich, sondern schlicht überflüssig erscheint und er es vor seinen kommunistischen Freunden infrage zu stellen wagt. Mehr zum Ende sei nicht verraten.
Neben den Schilderungen der absonderlichen Wege von Macht, Politik und Aristokratie ist die zweite große Stärke des Buchs die einfühlsame Schilderung der beiden Charaktere samt ihrer Widersprüche. Weder ist der erst hasserfüllte, verwaiste Revoluzzer M. völlig herzlos und abgestumpft, noch ist der verhasste, Furcht einflößende Apparatschik, als der Kurilow zu Beginn geschildert wird, frei von Wärme, Schwächen und Zweifeln. Zum Ende hin trifft er sogar eine zutiefst menschliche Entscheidung, die ihm der Leser zu Beginn nie zugetraut hätte.
Insgesamt ein äußerst lesenswertes Buch über Macht, die menschliche Seele und das zaristische Russland, das auch sprachlich geradlinig und schnörkellos erzählt und somit gut lesbar ist.