Ein Krimi aus dem Mittelalter, wie das Cover vollmundig verheißt, ist "Der Fall Hildegard von Bingen" nicht. Zu schnell erfährt der Leser, was es mit den Gebeinen auf sich hat, die der vom Regen aufgeweichte Boden auf dem Rupertsberg bei Bingen eines Tages freigibt. Es ist aber die Geschichte dieser Klostergründung auf dem Rupertsberg, die die ebenso berühmte wie hochbetagte Hildegard von Bingen ihrem Sekretär Wibert von Gembloux erzählt, die dieses Buch zu einem Lesevergnügen macht. Ermüdet von den Gängeleien des Abtes Kuno, beschließen Hildegard von Bingen und ihre Nonnenschar, das Kloster auf dem Disibodenberg zu verlassen und auf dem nahegelegenen Rupertsberg eine eigene klösterliche Niederlassung zu gründen. Der Autor läßt uns teilhaben an dem schwierigen und konfliktreichen Weg, der das Gründungsvorhaben begleitet. Dank Noskes flüssigem Stil geht die Lektüre sehr leicht von der Hand. Das Buch ist nicht nur wohltuend sorgfältig recherchiert, es spart auch nicht an Humor: Abt Kuno und sein Adlatus sind einfach unbezahlbar! Daß Hildegard von Bingen selbst immer wieder als selbstgerecht und auch für ihre Zeit rückwärtsgewandt begegnet, orientiert sich eng an den zeitgenössischen Quellen und ist angesichts ihrer heutigen unkritischen Vereinnahmung als einer Musterheiligen geradezu eine Wohltat.
Wer also keinen Krimi erwartet, wird sicherlich seine Freude an dem Buch haben.