Wie alles zusammenhängt
Dragan Velikic und der «Fall Bremen»
In seinem sechsten Roman erzählt der Serbe Dragan Velikic von ja wovon eigentlich? Von Dingen, Orten, Figuren. Von Dingen wie alten Postkarten und Klavieren, von Orten wie Prag, Wien, Belgrad, Milwaukee, St. Petersburg; und von Figuren wie der serbischen Lehrerin Olivera Ermolenko, die hundert Tage mit einem russischen Emigranten verheiratet war, oder dem Strassenbahnfahrer Emil Kohut, einem Repräsentanten Mitteleuropas, dessen Namen «in den Telefonbüchern von Subotica, Bratislava, Graz, Novi Sad, Wien, Prag, Triest und Bukarest» gleichermassen oft zu finden ist. Irgendwie hängt alles zusammen, ist ein jedes mit jedem verflochten man muss nur fähig sein, die realen Beziehungen zu erkennen und die fehlenden in der Phantasie herzustellen. Zum Beispiel Bremen. Das ist ein wirklicher Ort, auf den sich vieles im Roman bezieht und ein Name, der für Ivan Bazarov, die Hauptfigur des Romans, mythische Dimensionen hat, sein Denken immer wieder anzieht, seine Phantasie beflügelt und dem Roman eine rätselhafte Dringlichkeit gibt. Im Lager Stalag 42 bei Bremen hat einst der Vater von Ivan gearbeitet, als serbischer Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkrieges; aus Bremen ist die letzte Nachricht von ihm gekommen. Der Sohn, dem der Vater abgeht, imaginiert in Belgrad immer neue Lebensläufe, die er an dem, was er von dem nie gesehenen Vater weiss, erprobt. Dazu braucht er Dinge, etwa Postkarten, denn Ivan hat die seltene Fähigkeit, Geräusche zu hören, die kein anderer vernimmt, so dass ihm die Szenerie, die auf einer Postkarte abgebildet ist, sinnlich präsent wird, erstarrtes Leben wieder erwacht und die für ewig fixierte Pose in pulsierendes Leben gerät. So hört er den Vater als Pianisten auf einem Ozeanschiff spielen, das 1945 von Bremen ablegt und in die Neue Welt fährt. Seine Existenz bestreitet Ivan, der vom Vater träumt und das Unhörbare zu hören vermag, als Portier im Hotel Bristol in Belgrad. Das ist eine Tätigkeit, die ihm genug Zeit lässt, ausgiebig den verklungenen Gesprächen in k. u. k. Salons nachzulauschen oder in die unermesslichen Weiten Russlands hineinzuhören, aus denen einst auch sein Grossvater, ein legendärer Klavierstimmer, gekommen war. Eines Tages freilich steigt ein gewisser Mister Kastendieck aus Milwaukee im «Bristol» ab, ein Vertreter für Spielwaren und seinerseits Abkömmling von Emigranten, die ihre Heimat verlassen mussten; die Wiege von Kastendiecks Grossvater stand in Karlsbad, wo die Familie einen Kursalon namens «Pension Bremen» führte. Die Leichtigkeit, mit der Dragan Velikic die Distanzen überwindet und entlegene Orte zueinander in Verbindung bringt; das kompositorische Raffinement, mit dem er immer dort, wo man endlich Gewissheit gewonnen zu haben meint, eine weitere Ebene einzieht; schliesslich die Beiläufigkeit, mit der er Welthistorie als Familienroman erzählt und den Emigranten als repräsentative Gestalt der europäischen Geschichte deutet das alles zeugt von einem Erzähler, der die Technik des modernen Romans, wie er sie bei Broch und Musil studiert hat, spielerisch mit postmodernem Zauber- und Blendwerk zu vereinen weiss. Dragan Velikic ist ein souveräner Kompositeur, der verschwenderisch markante Details, bizarre Anekdoten, kluge Reflexionen in seinem Roman verstreut. Manches Mal wünscht man sich freilich, er würde es ein wenig einfacher geben, nicht jedem Boden einen doppelten darunter setzen, vielleicht sogar die eine oder andere Figur ohne Doppelgänger zeichnen und ein paar Geschichten erzählen, ohne sie vielfach zu spiegeln und zu brechen. Aber dann staunt man wieder über diese Fähigkeit, alles mit allem in Verbindung zu bringen, Orte, Dinge, Figuren. Wovon der «Fall Bremen» handelt? Vermutlich von nicht viel weniger als von allem.
Karl-Markus Gauss
"Bremen", fragt einmal Ivan, der Held des Romans, "ist das Stadt, Pension, Hafen oder Lager?" Dragan Velikic verwebt die Schicksale dreier Generationen von Emigranten und erzählt vom ungewöhnlichen Leben des Straßenbahnfahrers Emil Kohot, vom absoluten Gehör Ivan Bazarovs, vom Verschwinden Johann Kastendieks und von Belgrader Hotels und Karlsbader Pensionen.